12.02.2015
Zeit Magazin
Trends, Technik und Tabus
Der Rummel um die Laufstege in New York, London, Mailand und Paris beginnt. Wir fragen uns welche Topmodels kommen, welche Designer gehen? Mit diesem Drehkartenspiel bleiben Sie im Gespräch.


Die Supercoolen
Die lässig geschnittenen Hosen und Hemden, die Dao-Yi Chow und Maxwell Osborne entwerfen, sind etwas für Männer, die beim Herrenschneider ihre Skateoutfits bestellen: cool, aber so hochwertig verarbeitet, das sie ein Leben lang halten. Für diese neue amerikanische Mode bekamen Public School im Jahr 2013 den renommierten CFDA-Award. Das Preisgeld investierten sie in zwei Herzensangelegenheiten: Eine androgyne Frauenkollektion, die sie jetzt zum zweiten Mal in New York zeigen. Und in den Umzug ihrer ganzen Produktion von China nach New York.


Der Bienenkönig
Der Mann mit der Räuber-Hotzenplotz-Frisur soll Gucci in der Erfolgsspur halten, nachdem der Mutterkonzern Kering der bisherigen Chefdesignerin Frida Giannini das Vertrauen entzog. Mit Alessandro Michele beruft das Haus für Luxus(leder)waren statt eines Stardesigners nun ein fleißiges Bienchen aus der zweiten Reihe. Das hat mit Maria Grazia Chiuri und Pierpaolo Piccioli bei Valentino auch schon gut funktioniert. Bestenfalls kann Michele dem Label wieder jene Portion Sexappeal verpassen, mit der Tom Ford Gucci aus der letzten Absatzflaute segelte.


Der Piepmatz
Der Designer Rick Owens ließ statt Magermodels schon muskulöse schwarze Tänzerinnen über den Pariser Laufsteg stampfen. Während der Männermodewoche im Januar baumelten nun die Penisse seiner Models gut sichtbar auf Höhe der Front Row. Dass er mit der Enthüllung männlicher Geschlechtsteile ein letztes Tabu brach, trug ihm auf Twitter den Hashtag #DickOwens ein. Was erwartet uns nun? Eine Persiflage der IS-Uniformen? Pegida-Models? Owens zeigt jedenfalls, dass Mode mehr zu bieten hat als hübschen Eskapismus.


Die Techcessories
Google-Glass ist so 2014 und auch die Apple Watch wirkt alt, bevor sie überhaupt auf dem Markt ist. Was ist schon dran an der Idee, sich ein iPhone ans Handgelenk zu binden? Die iSwatch dagegen muss immerhin nicht alle paar Stunden ans Ladekabel. Und der goldene Ringly vibriert am Finger, wenn das Telefon in der Tasche liegt. Doch bei aller Körperfunktionskontrolle, die neuen Techcessories so bieten, fehlt der gestressten Modebiene noch eines: intravenöse Versorgung mit Chips, Chia-Samen und Champagner.


Der Hippie-Hipster
Die 70er Jahre brachten uns zweifelhafte ästhetische Errungenschaften: den Flokati-Teppich, die Lavalampe, die orange-braun-gelbe Mustertapete. Ausgerechnet dieses Jahrzehnt erweckt Nicolas Ghesquière mit seiner Sommerkollektion für Louis Vuitton zu neuem Leben. Weil sich in seinen findigen Fingern einfach alles zu zeitgemäßer Schönheit wandelt, wird aus dem Flokati das Futter einer Jacke – und die Demoiselles der ersten Reihe werden ihre klobigen Absätzen und das orange-braun-gelbe Lackleder im Takt der Schauen-Musik wippen lassen.


Für das gesamte Drehkartenspiel klicken Sie http://www.zeit.de/zeit-magazin/mode-design/2015-02/new-york-designer-fashion-week-mode-glossar
printmailFacebook Twitter0 Google+
10.02.2015
Zeit Magazin
Berlin Fashion Week – Stille über Tempelhof, aber die Mitte glüht
Wenn die Modewoche im Januar über Berlin kommt, hängt der Himmel nass und grau knapp über der eigenen Nasenspitze. Und grau ist stets auch die Stimmung in den Vorberichten, die den hiesigen Designern internationale Irrelevanz attestieren, noch bevor ein einziger Modelfuß einen Laufsteg betreten hat. Doch dieses Mal ist vieles anders.

Die Seidentops mit Blumenmuster und Spaghettiträgern in türkis und hellblau etwa, die die britische Designerin Charlotte Ronson zu genauso fluffigen Boxershorts mit handtellergroßen schwarzen Punkten präsentiert. An den Füßen tragen ihre Models, deren langes Haar ungebändigt den Rücken hinuntertanzt, allesamt Trekking-Sandalen in farbigem Lack. Charlotte Ronson zeigte ihre Mode zum ersten Mal in Berlin. Normalerweise präsentiert sie dort, wo ihre prominenten Geschwister, die DJs Samantha und Mark Ronson, am liebsten Platten auflegen: in New York. Und: Ihre Mode sah wundervoll sommerlich aus, obwohl in Berlin doch die Winterkollektionen auf dem Plan stehen.
Anzeige

Das Missverständnis ist leicht geklärt. Charlotte Ronson hat nicht etwa erkannt, dass Berlin unausweichlich zum Mekka der High Fashion wird. Nein, in Berlin ist so egal, was auf den Laufsteg kommt, da kann man die Modeleute ruhig mit dem Besten von gestern abspeisen. Charlotte Ronson zeigte hier ihre Frühjahr/Sommerkollektion 2015, die sie in New York bereits im vergangenen September vorgeführt hat und die schon so gut wie in den Läden hängt. Das ist Salz in offene Wunden.

Denn gutes Modedesign und hohe Schneiderkunst hat es in Deutschland nicht leicht. Rena Lange, das 1916 gegründete Münchner Couture-Haus, ist seit November 2014 insolvent und stellt den Betrieb ein. Michael Michalsky zeigt keine neue Kollektion in Berlin – was selbst denen ein flaues Gefühl in der Magengegend beschert, die den Ex-Adidas-Designer bisher als Proll verpönt haben. Dass Michalsky sein Laufsteg-Budget angeblich lieber in die Ebola-Hilfe investiert, sorgt eher für Ungläubigkeit als Erleichterung.

Anders ist in dieser Saison auch, dass der ehemaligen Flughafen Tempelhof still in der Wintersonne steht. In den Hangars und der Empfangshalle hatte bislang die Messe Bread & Butter gastiert. Finanzielle Engpässe sind der Grund dafür, dass der Veranstalter Karl-Heinz Müller seine Veranstaltung von vier Tagen auf vier Stunden schrumpft, die er mit "allen guten Leuten" in einem Hinterhof in Berlin Mitte verbringt. Ob es im Juli ein Revival der Jeans&T-Shirt-Messe gibt, darüber lässt Müller derzeit online abstimmen. R.I.P. Bread&Butter? Bei aktuell zehn Messen und 70 Schauen in der Stadt keine leichte Entscheidung.

"Die Berliner Modewoche steht am Scheideweg zwischen Himmel und Hölle", fasst Christiane Arp, die Chefredakteurin der deutschen Vogue, das Dilemma zusammen. Bei der Mode & Stil-Konferenz des ZEITmagazins, die diesmal gemeinsam mit Vogue ausgerichtet wurde, diskutieren Arp und Gäste wie die Unternehmerin Nadja Swarovski, die britische Luxushändlerin Ruth Chapman, das Designerinnen-Duo Augustin Teboul und der Modefotograf Mario Testino, dessen Fotoausstellung In Your Face am Abend im Kulturforum eröffnet wird, die Frage, warum es die Modestadt Berlin braucht – und wie es mit ihr weitergehen kann.

Gerd Müller, der Bundesminister für Zusammenarbeit und Entwicklung, hat eine Antwort. An der Konferenz nimmt er nicht teil, sondern eröffnet stattdessen den Green Showroom und die Ethical Fashion Show, zwei Messen für Mode aus nachhaltiger Produktion. "Ich komme mir seltsam vor, wenn ich der Branche erklären muss, dass sklavenähnliche Zustände nicht am Anfang der Produktion stehen dürfen", sagt Müller, aber irgendwer muss der Modeindustrie ja sagen, dass sozial und ökologisch vertretbare Produktionsbedingungen ein Muss sind. Im vergangenen Oktober hat Gerd Müller ein Textilbündnis gegründet, für Mode, die in Deutschland verkauft wird. Das Echo seitens der Industrie war verhalten, inzwischen hat er nach eigener Aussage 70 Mitglieder gewonnen. "In fünf Jahren kommt keiner der Großen mehr an nachhaltiger Mode vorbei", sagt Müller.

Der Andrang im Green Showroom und der Ethical Fashion Show spricht dafür. Keine Spur von Ökos in Grobstrick. Wie bei den anderen Veranstaltungen der Modewoche trägt das Fachpublikum hauptsächlich skandinavisch angehauchtes Schwarz. Beständigkeit statt Wegwerfmode ist, wofür etwa die Mode der holländischen Designerin Elsien Gringhuis steht. "Saisonale Trends interessieren mich nicht", sagt Gringhuis und streicht sich das aschblonde lange Haar aus den Augen. "Statt Sommer-, Winter- und am Ende noch Zwischenkollektionen, erarbeite ich Editionen." Sie legt Wert auf geradliniges Design, ihre Stücke aus dunkelblauen Baumwoll-, Woll, und Seidenstoffen sind vielfältig kombinierbar. Interessant ist, dass die Kleider, Röcke, Mäntel und Tops von Elsien Gringhuis die gleichen sportiven T-Shirt-Krägen und Sportjacken-Silhouetten haben wie vieles von Charlotte Ronson. Mit dem Unterschied, dass man die Mode von Gringhuis auch in mehreren Jahren noch tragen kann.

Im Zelt der Mercedes Benz Fashion Week zählt dagegen der Showeffekt. Ivan Mandzukic zeigt in einer Installation keine Anzüge, sondern jeweils Teile davon in pink und rosé aus Wollstoffen, von denen aber niemand weiß, woher sie stammen. Bei Laurèl ist die Designerin Elisabeth Schwaiger begeistert von Bondgirls, die eine Reise in die Sechziger unternommen und dort zitronengelbe und schokobraune Kleider und jede Menge Leopardenmuster und Silberlamé gefunden haben. Da war für andere Erwägungen wohl einfach kein Platz.

Für Nike überlegt die Designerin Johanna Schneider, was Frauen brauchen, wenn sie Sport machen. Sie hat eine mehrteilige Kollektion aus Funktionsstoffen entwickelt, die je nach Schnürung und Drapage Schutz oder Schubkraft versprechen. Leyla Piedayesh von Lala Berlin hingegen hat Vermutungen darüber angestellt, was das Fachpublikum braucht, um eine Modenschau am fortgeschrittenen Abend zu überstehen. Richtig: Einen gut gefüllten Bauch und leckere Getränke. Folgerichtig gibt es die neue Kollektion im Restaurant Crackers bei einem Dinner with Cinderella zu sehen.

Und wie geht's nun weiter in und mit Berlin? Ab März spätestens soll alles besser werden, denn dann nimmt der German Fashion Design Council (GFDC) seine Arbeit auf, eine Förderinstitution, die sich dafür einsetzen wird, dass Modedesign aus Deutschland als Kultur- und Wirtschaftsgut anerkannt wird. Christiane Arp von Vogue hat diesen deutschen Moderat gemeinsam mit Anita Tillmann, der Gründerin der Modemesse Premium, sowie Marcus Kurz, dem Geschäftsführer der Agentur Nowadays, und anderen gegründet. Arp wird der Vereinigung als Präsidentin vorstehen. Damit stellt sich das GFDC in die Tradition des namhaften Council of Fashion Designers of America und des British Fashion Council. Sowohl der amerikanische als auch der britische Council sind für ihre Förderung des kreativen Nachwuchses bekannt. Mit ein bisschen Glück muss Berlin sich in Zukunft nicht mehr mit New Yorker Federn schmücken.
printmailFacebook Twitter0 Google+
17.01.2015
Berliner Zeitung
Vegane Kosmetik erobert den Mainstream
Eigentlich sehen die beiden jungen Herren, die in der Filiale des veganen Supermarkts „Veganz“ im Prenzlauer Berg arbeiten, nicht aus, als würden sie sich sonderlich für Kosmetik interessieren. Beide tragen schwarze Baumwoll-Kapuzenpullis, dunkle Cargo-Hosen, schwere Stiefel. Im Gesicht je drei Piercings, dazu markanten Ohrschmuck, die bis heute typische Uniform der linken Subkultur. Allein die Sorgfalt mit der ihre Vollbärte gestutzt sind, deutet auf eine Portion Metrosexualität hin, ihr Wissen über Kosmetik sowieso. „Verkauft sich sehr gut“, sagen die beiden über das Sortiment, das von Shampoo über Zahnpasta und Duschgel bis zur Haarfarbe reicht. Und sie können im Detail Auskunft geben, beispielsweise über die Lippenpflegestifte der Marke „Crazy Rumors“ aus Brooklyn in New York. Die werden nicht etwa mit Bienenwachs hergestellt, sondern mit Shea Butter. Und gesüßt werden sie mit Stevia. Den Topseller im Sortiment, die vegane Seife „Dr.Bronner´s Magic Soap“ haben sie zwar noch nicht ausprobiert, aber sie wissen ganz genau, was man mit ihr machen kann: „Nicht nur die Haare waschen, sondern auch die Zähne putzen“, sagt der eine der beiden. „Und den Boden wischen“, ergänzt der andere.

Vegane Kosmetik ist im Mainstream angekommen

Wer jetzt meint, vegane Kosmetik sei ein Nischenprodukt, das eben nur Veganer interessiert, irrt. Vegane Kosmetik ist im Mainstream angekommen und entwickelt sich zu einem lohnenden Geschäft. Die Seife „Dr. Bronner´s Magic Soap“ beispielsweise gibt es auch in der Parfümeriekette Douglas. Was aber treibt Douglas dazu, auf eine Naturseife zu setzen, die bereits in den 60er Jahren von den Hippies gefeiert wurde, weil sie zur Massage genauso taugt, wie zur Rasur, als mildes Schädlingsbekämpfungsmittel und Deo, als Pflegeprodukt für Babys und Haustiere? Eine Seife, die 1858 von der Familie Heilbronner im schwäbischen Laupheim hergestellt wurde „in dem Bestreben, das für Dich und die Natur ideale Produkt zu finden.“ Das klingt nach Rudolf Steiner oder Greenpeace, aber ganz sicher nicht nach der Parfümeriekette Douglas.

Die “magische Seife”

Liegt es am Marketinggeschick der schwäbischen Familie Bronner, die während des dritten Reichs in die U.S.A auswandert, aus Protest das „Heil“ aus ihrem Namen streicht und in den folgenden Jahren ihre magische Seife zur meistverkauften Naturseifenmarke in den U.S.A macht? Zugegeben, die bunten Flaschen, auf denen die Herkunft und Eigenschaften aller Inhaltsstoffe im Detail beschrieben sind, sehen hip aus. Als Importartikel genießen sie den Sonderstatus, von dem lange Jahre auch die amerikanische Apothekenmarke Kiehl´s profitierte, die man nur auf Amerikareisen kaufen konnte. Aber das allein ist es nicht. Dr. Bronner´s Magical Soap ist nicht das einzige vegane Produkt im Sortiment von Douglas. Es gibt auch Pflegeprodukte wie den Rosen-Duschbalsam der deutschen Marke Dr. Hauschka, vegane Badeschokolade der deutschen Marke „Manufaktur Zartgefühl“ und die veganen Schminkpinsel der Marke Zoeva – statt aus dem Fell von Mardern, Eichhörnchen oder Dachsen werden die Pinsel aus Synthetikfasern wie dem Polyester-Derivat Taklon gefertigt. Damit nicht genug, seit dem vergangenen Herbst hat Douglas sogar eine eigene vegane Kosmetiklinie gelaunched. Die „Douglas Naturals“ nämlich, deren Hauptbestandteil Arganöl ist, das aus dem UNESCO-Biosphärenreservat im Südwesten Marokkos stammt. Alle Produkte der Linie sind als Bio- und Naturkosmetik zertifiziert und mit dem Vegan-Label ausgezeichnet.

Es muss doch mehr als Bio-Essen geben

Vegane Kosmetik hat den Mainstream erreicht und sie interessiert nicht nur Veganer, die nur Produkte nutzen wollen, die frei sind von tierischen Inhaltsstoffen und garantiert nicht in Tierversuchen getestet werden. Das bestätigt auch die Branchenexpertin Elfriede Dambacher, die als Geschäftsführerin des naturkosmetik verlags im vergangenen September eine Trendstudie zur Natur- und Vegankosmetik in Auftrag gegeben hat, bei dem Berliner Marktforschungsunternehmen pollion. „Die Bio-Verbraucher sind vermehrt diejenigen, die vegane Kosmetik verwenden“, sagt sie. Das wichtigste Argument ist für den Verbraucher der Tierschutz, laut der Studie messen 80 Prozent der Befragten dem Tierschutz eine sehr hohe Bedeutung zu.

Vegan im Luxus-Spa? Aber sicher!

Das veränderte Bewusstsein der Konsumenten zeigt sich nicht nur in den Drogerien und Supermärkten, sondern auch in den Hotels. In den Spa´s der führenden Berliner Hotels fragen Gäste immer häufiger nach Anwendungen mit veganer Kosmetik. Das SPA-Personal ist mit solchen Anfragen manchmal noch überfordert. Im Design-Hotel Stue beispielsweise, das im Spa mit Naturkosmetik-Produkten von Susanne Kaufmann aus dem Bregenzer Wald arbeitet, kommt die freundliche Angestellte ins Schleudern: „Da muss ich mich nochmal erkundigen“, sagt sie. Und auch im Bio-Hotel Almodovar in Friedrichhain muss erst intern geklärt werden, ob es denn „nur“ Biokosmetik oder sogar vegane zum Einsatz kommt. Es ist vegane. Im Spa des Hotel Adlon hingegen kommt die Antwort pfeilschnell und sicher: „Für die Behandlung können wir dann mit Produkten von Daniela de Winter, Monaco arbeiten“, sagt die Spa-Angestellte Frau Weigelt, „diese Naturkosmetiklinie ist rein pflanzlich und arbeitet ohne Tierversuche.“ Sie erklärt auf Nachfrage, dass hier die ätherischen Öle auf Naturbasis extrahiert werden und statt der herkömmlichen Fischöle, Öle aus Nüssen oder der Jojobablüte zum Einsatz kommen. Auch auf Bienenwachs verzichtet Daniela de Winter Monaco komplett.

Vegan ist hip und hochwertig

Lange Zeit haftete veganer Kosmetik das Vorurteil an, sie sei weniger hochwertig als konventionelle Kosmetik. Die Cremes zögen schlechter ein, die Haltbarkeit der Nagellacke sei geringer, die Shampoos wüschen nicht so sauber, die Lippenstifte gäbe es nur in mittelmäßigen Farben. Auch das hat sich geändert. Die britische Marke REN beispielsweise, die vegane Körperpflege bietet, in minimalistisch gestalteten Spendern aus recyceltem Plastik ist so hochwertig, dass sie in ausgewählten Luxushotels wie beispielsweise dem „6 Columbus“ und dem „Gild Hall“ in New York im Bad als Pflegeprodukt ausliegt. Und auf der New York Fashion Week schminken die Visagisten die Models besonders gern mit einer ebenfalls veganen Kosmetikmarke, den „Obsessive Compulsive Cosmetics“, die durch ihre leuchtenden Farben und Qualität der Pigmente überzeugt.

Sogar ein Supermodel macht in vegan

Und natürlich gibt es auch ein wunderschönes Topmodel, das selbst auf vegane Kosmetik schwört und auch gleich eine eigene Marke aus der Taufe gehoben hat. „Kora“ heißt die Kosmetiklinie der Australierin Miranda Kerr, die es seit 2009 gibt. Dank ihrer prominenten Gründerin hat es das Thema vegane Kosmetik seither auf die Titel aller internationalen Frauenzeitschriften von der VOGUE bis hin zur französischen Purple geschafft. Dass Sulfate, Parabene, Silikone und Formaldehyd Mist sind, Hagebutten-Öl und die Noni-Frucht hingegen wahre Heilsbringer, wissen inzwischen nicht nur Bio-Verbraucher. Die hell türkisfarben verpackten „Kora“-Produkte, die ausschließlich in Australien produziert werden, sind auch in Deutschland erhältlich, über den Luxus-E-tailer Net-a-porter oder auch Amazon. Wer auf den Import aus Australien verzichtet, um seine Umweltbilanz sauber zu halten und trotzdem Haut haben will wie ein Model, dem sei die schnöde Bio-Salatgurke empfohlen: Schälen, in Scheiben schneiden, auflegen. Spendet Feuchtigkeit, wächst lokal und ist definitiv vegan.

Klicken Sie hier, um den Artikel als Pdf zu lesen: http://issuu.com/alexbohn/docs/veganekosmetik_berlinerzeitung/1
printmailFacebook Twitter0 Google+
11.09.2014
Zeit Magazin
Fashion Week New York: Auf der Suche nach Substanz
Bei Modewochen ist die Uhrzeit ein ständiges Thema, so auch diese Woche in New York. Um wie viel Uhr war noch mal die Schau von Alexander Wang? Wow, schon fünfundzwanzig Minuten Verspätung bei Patrik Ervell! Schaffe ich es noch zum nächsten Termin? Ständig starren Redakteure und Einkäufer auf ihre Handys, nur die wenigsten blicken auf ihr Handgelenk. Armbanduhren scheinen hier wie ein ein Relikt aus der Vergangenheit.
Wenn es nach Apple geht, soll sich das wieder ändern. Zeitgleich mit der New York Fashion Week stellte der Konzern am Dienstag seine Apple Watch vor, eine viereckige, klobige Uhr mit Display und Rädchen zur Navigation, die es mit verschiedenen Armbändern gibt – und auf Wunsch in einem Gehäuse aus 18-karätigem Roségold. Apple will sein neuestes Gadget nicht als ein rein technisches, sondern vor allem als ein modisches Accessoire verstanden wissen, mit dem die zeitgenössische Erfolgsfrau ihre Mails checkt, die Rechnung des Onlineshoppings begleicht oder – ein esoterisches Schmankerl der Apple-Designer – den Mondzyklus in Bildern verfolgt. Das lästige Kramen in der Handtasche soll ein Ende haben, das Smartphone kann sich in Zukunft auf seine Kernkompetenzen konzentrieren: telefonieren und fotografieren.
Die Reaktionen der Mode auf das neue Spielzeug waren gemischt. Während die bekannte Bloggerin Leandra Medine twitterte "Ok! Ich bin überzeugt! Gebt mir eine iWatch!", zeigten sich andere Schauenbesucher durchaus technologiekritisch: "Eine iWatch? Niemals. Ich trage ja auch keine Google-Glasses."
Das sollte den Apple-Konkurrenten Samsung aber nicht davon abhalten, sein eigenes Smartwatch-Modell Gear S an die schmalen Handgelenke zarter Models zu hängen, die dazu die Luxuslinie Black Gold von Diesel vorführten. Neben der schlauen, aber ebenfalls klobigen Uhr war unter sternenbekränzten Kleidern und funkelnden Nieten auf schwarzem Leder ein auf BH-Größe geschrumpftes Westchen das interessanteste Stück von Designer Andreas Melbostad.

Zwischen Spektakel und dem persönlichen Kontakt

Aber wer wollte nach der Qualität der Entwürfe fragen, oder gar nach einer neuen Idee von Weiblichkeit abseits von Ostküsten-Sprödigkeit und Westküsten-Glamour, wenn in New York doch so viel Ablenkung geboten war. Ralph Lauren etwa bat seine Gäste nach Einbruch der Dunkelheit auf die westliche Seite des Central Parks, von wo sie den besten Blick auf eine Modenschau in 4D hatten. Hologramme, so groß wie ein vierstöckiges Haus, zeigten Models in weißen Kleidern, neonfarbenen Hosen, karierten Hemden und eleganten Abendkleidern, dazu wurden Champagnercocktails gereicht. Am nächsten Tag sprachen zumindest all jene New Yorker darüber, die in der Nähe wohnten und das leuchtende Spektakel auf dem Nachhauseweg oder aus dem Küchenfenster mitverfolgen konnten. So wenig tiefenscharf kann natürlich nur ein Designer präsentieren, der sich des kommerziellen Erfolgs seiner Polo Ralph Lauren Linie sicher sein kann, egal wie ein bestimmtes Teil denn nun genau aussah. Hinter der disneyschönen Inszenierung trat die Kollektion an zweite Stelle.
Dass einem wohl der Ort, nicht aber die Mode im Gedächtnis blieb, galt auch für die Präsentation von Carol Lim und Humberto Leon für ihr Label Opening Ceremony. Nachdem deren Gäste sich durch einen nachtschwarzen Durchgang auf der Amsterdam Avenue geschlängelt hatten, saßen sie plötzlich auf der Bühne der Metropolitan Opera. Und sahen sich die Aufführung aus der Perspektive an, die sonst ein Opernsänger auf sein Publikum hat. Statt einer Modenschau ließen Lim und Leon ein Theaterstück inszenieren, von den Hollywoodstars Spike Jonze und Jonah Hill. Thema: die Kollektion. Kostüme: die Kollektion. In den Hauptrollen von 100 Percent Lost Cotton waren Elle Fanning und Dree Hemingway zu sehen. Im Vergleich zu so viel Wille zum Spektakel wirkten die Ralph Lauren Hologramme fast harmlos.
Eine ganz andere Form der Inszenierung seiner Mode wählte Scott Sternberg aus Los Angeles. Der Designer hinter dem Label Band of Outsiders, der seine Interpretation amerikanischer Sportswear stets in liebevoll ausgestalteten Sets mit Glitzerregen gezeigt hatte, verzichtete ganz auf eine Laufstegschau und lud stattdessen zu Bier und Snacks in seinen neuen Laden in Soho. Dort konnte man Sternberg mit dem Schauspieler Jason Schwartzman plaudern sehen. Wer dann immer noch Mode sehen wollte, konnte sich die Sommerkollektion für 2015 im Showroom nebenan erklären lassen. Statt einer Dog-and-Pony-Show, wie Sternberg die Eventexzesse nach der letzten Schauensaison genannt hatte, bekam man hier den persönlichen Kontakt.

Nischenthema Nachhaltigkeit

Auf den setzte auch Victoria Beckham, die ihre Mode im altehrwürdigen Cunard Building an der Wall Street zeigte. Vor der Show schwenkten die iPhones erst nach oben, um das hübsche Deckenmosaik zu fotografieren, und dann in die erste Reihe, wo ein gutgelaunter Mister Beckham Platz nahm. Dann flanierten die Models in ungewöhnlich lässigen Silhouetten vorüber. Sie trugen weite Hemdkleider und überschnittene Zweiteiler, deren Details von Uniformen inspiriert waren – Schulterklappen, aufgesetzte Taschen, breite Ledergürtel bestimmten das Bild. Wie auch The Row, das mehrfach vom amerikanischen Designerverband ausgezeichnete Luxuslabel der Zwillingsschwestern Ashley und Mary-Kate Olsen, nutzte Victoria Beckham viel Leinen, klassisch in weiß, jutebeutelfarben, schwarz oder bordeaux.
Um kreativen Wagemut zu finden, der über Blumendrucke hinausging, musste man nicht nur bei dieser Schau genau hinsehen. Hübsch und tragbar ist immer fast alles in New York, auch bei dieser Modewoche.
Fast exotisch muten da Labels an, die sich um mehr scheren, als nur den eigenen kommerziellen Erfolg. Beispielsweise um die Nachhaltigkeit ihrer Produktion. Dazu gehört Edun, ein Modelabel, das 2005 von der Aktivistin Ali Hewson und ihrem Mann, dem U2-Musiker Bono, gegründet wurde. Mehr als 90 Prozent einer Edun-Kollektion werden in afrikanischen Ländern produziert, um dort Kleinunternehmer in Lohn und Brot zu halten. Seit zwei Saisons ist Danielle Sherman, die zuvor eine treibende Kraft hinter dem Nischenerfolg von The Row war, als Creative Director bei Edun und dank ihr wird die Kollektion langsam auch modisch interessant. Sherman zeigte Silhouetten, die an Judoka-Uniformen erinnerten, ihre Muster erwiesen sich als Referenz auf die gepunkteten Kponyungo-Masken afrikanischer Stämme.
Auch die beiden Designer Erin Beatty und Max Osterweis machen sich Gedanken um die Produktion für ihr Label Suno. Die Stoffe für ihre Kollektion stammen ebenfalls stets aus Afrika, wo auch ein Großteil der Herstellung stattfindet. Das Anliegen von Suno ähnelt dem von Edun: Beatty und Osterweis wollen das Handwerk vor Ort unterstützen und vor dem Aussterben bewahren. In dieser Saison bedeutete das einmal mehr kräftig gemusterte Baumwollstoffe in klaren Farben, die zu aufgeräumten Silhouetten geschneidert wurden. Intellektuelle Mode nennt das die New Yorker Modepresse. Vielleicht ist es auch einfach nur durchdacht.

http://www.zeit.de/zeit-magazin/mode-design/2014-09/fashion-week-new-york-wearables-spektakel-nachhaltigkeit
printmailFacebook Twitter0 Google+
06.11.2013
Süddeutsche Zeitung
Nicolas Ghesquière unterschreibt bei Louis Vuitton
Die Spekulationen sind vorbei: Nach seinem Abgang bei Balenciaga unterschreibt Nicolas Ghesquière nun bei Louis Vuitton. Eine Marke unter eigenem Namen gründet er vorerst nicht

Nicolas Ghesquière hat sich entschieden. Er arbeitet jetzt für Louis Vuitton, als Kreativdirektor der Pret-a-Porter-Frauenkollektion – das teilte das Unternehmen am Montag mit. Im nächsten März wird er seine erste Kollektion zeigen, im altehrwürdigen Cour Carrée du Louvre in Paris. Genau dort, wo noch vor wenigen Wochen sein Vorgänger Marc Jacobs eine emotionale letzte Schau gezeigt hatte und so seine sechzehnjährige Zusammenarbeit mit Louis Vuitton beendete.

Damit tritt Nicolas Ghesquière ein doppeltes Erbe an. Er hat sich in den fünfzehn Jahren bei Balenciaga in der internationalen Modewelt etabliert. Ein Junge aus Loudon, der westfranzösischen Provinz, der nicht studierte, sondern seine Karriere als Praktikant bei Jean Paul Gaultier begann. Mit seinen Entwürfen schmückte die Modepresse ihre Editorials, von der Vogue bis zur Purple zeigten sie seine technoiden Kleider aus Neopren, die zackigen Space-Age Silhouetten oder die High Heels, die an die Uniform amerikanischer Football-Spieler erinnerten. Egal was der inzwischen 41 Jahre alte Nicolas Ghesquière anfasste: Es sah auf dem Laufsteg gut aus und dafür wurde er gefeiert.

Kommerziell hingegen war er nicht erfolgreich genug. Zumindest nicht, wenn es nach den Erwartungen des Kering-Konzerns ging, jener Luxus-Holding zu der Balenciaga gehört, genauso wie unter anderen die Marken Saint Laurent, Alexander McQueen und Stella McCartney.

Jetzt wechselt der Junge aus der Provinz von einem Zwerg zu einem Giganten. Der Umsatz von Louis Vuitton ist knapp dreißigmal so hoch wie der von Balenciaga. Das meiste Geld spielt allerdings nicht die Mode ein (rund neunzig Prozent laut WWD) sondern das Kerngeschäft der Marke: die Lederwaren. Besonders gut laufen die so genannten Monogramm-Taschen, jene „LV“-verzierten Handtaschen und Koffer, die aus der Garderobe statusbewusster Damen und Herren nicht wegzudenken sind und die man auf der ganzen Welt sieht, in der Provinz wie in der Großstadt.

Und Nicolas Ghesquière wechselt nun zur direkten Konkurrenz von Kering, zu Moët Hennessy Louis Vuitton (LVMH) nämlich, der Luxus-Holding zu der Marken wie Fendi, Givenchy, Dior und Céline gehören. Dort ist Louis Vuitton nicht irgendeine Marke. Sondern mit 7,4 Billionen Euro Umsatz in 2012 die mit Abstand die verkaufsstärkste Marke innerhalb des Konzerns. Nicolas Ghesquières neue Heimat erwirtschaftet – vor Steuern und Zinsen – knapp die Hälfte des Gesamtumsatzes von LVMH.

Marc Jacobs, in dessen Fußstapfen Nicolas Ghesquières nun tritt, hat es in den vergangenen sechzehn Jahren verstanden, Louis Vuitton als Modemarke zu etablieren, ohne dabei das Kerngeschäft aus den Augen zu verlieren. Er hat Designerkollaborationen ins Leben gerufen, mit dem japanischen Künstler Takashi Murakami oder dem Amerikaner Richard Prince, und die Taschen von puren Luxus- in Sammlerobjekte verwandelt. Im Gespräch mit Suzy Menkes, der Modekritikerin der New York Times, sagt Nicolas Ghesquière: „Marc Jacobs hat Louis Vuitton modisch überhaupt erst relevant gemacht. Er wird immer als erster Designer der Marke in Erinnerung bleiben.“

Respekt hat er vor seinem Vorgänger. Aber eingeschüchtert ist er von ihm nicht, auch nicht von Louis Vuitton und LVMH. Im Gegenteil. Bei Balenciaga hat er die Auseinandersetzung mit Kering nicht gescheut. Im letzten November hieß es, man hätte sich einvernehmlich getrennt, aber im Frühling diesen Jahres erzählte Nicolas Ghesquière dem französischen Magazin System seine Version der Dinge. Er habe sich durch den Konzern „ausgesaugt“ gefühlt, man habe sich dort zuletzt nur dafür interessiert, gut verkäufliche Waren zu produzieren und kein Interesse und keinen Respekt für seine Recherche-Arbeit gezeigt. Jetzt liegt er im Rechtsstreit mit Kehring, die ihm vorwerfen, er habe vertrauliche Informationen weitergegeben.

Ihn kümmert das wenig, er hat sich auf seinen Verhandlungen mit Louis Vuitton konzentriert. Neben der Kreativdirektion für die Frauenkollektion hat er sich auch die komplette Kontrolle über ihr Image und ihre Werbung übertragen lassen. Strategisch arbeitet er daran, ein „Team Ghesquière“ aufzustellen. Seit neustem ist für die absoluten Luxusgüter Darren Spaziani verantwortlich – zuletzt verantwortete er das gesamte Accessoire-Design im Haus Balenciaga. Auch die Designerin Natacha Ramsay-Levi, die Stylistin Marie-Amélie Sauvé und der Schuhdesigner Pierre Hardy sollen Nicolas Ghesquière zu Louis Vuitton folgen.
Gut möglich, dass er daran arbeitet, das Erbe von Marc Jacobs wirklich würdig anzutreten. Der führte nämlich neben seiner Arbeit für Louis Vuitton auch seine eigene Marke weiter – höchst erfolgreich. Und von einer eigenen Marke träumt Nicolas Ghesquière schon lange. Vertraglich absichern lassen hat er sich diese Möglichkeit, laut WWD, bereits.

Trotzdem dürfte eine Weile vergehen, bis Nicolas Ghesquière Mode unter eigenem Namen macht. Er selber sagt: „Ich werde jetzt ziemlich beschäftigt sein. Für die nächsten Jahre habe ich meinen Spielplatz gefunden.“


printmailFacebook Twitter0 Google+
03.11.2013
Süddeutsche Zeitung
Erste Reihe – Schleier


Die Super-Burka
Im Westen gilt gemeinhin: Verschleierung von Kopf bis Fuß ist Mist. Speziell die Burka, der sackähnliche Überwurf, der Frauen von Kopf bis Fuß verhüllt, gilt als untrügliches Zeichen von Entrechtung und Unterdrückung (durch die Männer). Dass es selbst bei diesem Ganzkörperschleier auf den Kontext ankommt, zeigt die pakistanische Serie „Burka Avengers“ in der die Lehrerin Jiya in eine Burka schlüpft, die Superkräfte verleiht und mit der sie gegen die Taliban kämpft.

Die Status-Mantilla
Die Kontroverse beflügelt die Phantasie der Modedesigner – lang hatten sie den Schleier als trutschig verpönt, jetzt interpretieren sie ihn neu. Der düstere, britische Modeprinz Gareth Pugh beispielsweise streift seinem Model eine Art Mantilla über – ein Spitzentuch unter dem die Spanierinnen im Mittelalter Gesicht, Hals und Schultern verbargen. Die Farbe weiß steht dabei für Jungfräulichkeit, schwarz für eine verheiratete Dame. Will Pugh, dass die Damenwelt ihren Status offen vor sich herträgt? Dafür gibt es doch Facebook.

Die Sturm-Haube
Bei der Belgierin Ann Demeulemeester tragen die Models Schleier, die aussehen als hätte eine Windböe sie erwischt. Unter diesen kunstvoll zauseligen Hauben in schwarz und terrakotta kann man einen bad-hair-day kaschieren, ansonsten verhüllen sie nichts. Oder anders: Wer diese Häubchen trägt, hat nichts zu verbergen, zeigt Gesicht und behält dank der transparent schimmernden Gaze, die bis über die Augen fällt, den vollen Durchblick.

Die Horror-Maske
Riccardo Tisci, der für das französische Haus Givenchy schneidert, sieht das ein bisschen anders. In der Resort-Kollektion – also der, die man vorzugsweise zum Strandurlaub trägt – friert er die Gesichtszüge der Models ein, hinter schillernden Pailletten-Masken mit signalroten Mündern und Gitternetz-verbrämten Augen. Mag ja sein, dass man sich so vor Sonnenbrand schützt. Aber hinter den Schleier-Masken mit der schockgefrorenen Mimik sehen die Gesichter der Mädchen eingesperrt aus. Gruselig.

Der Spitzenporno
Die Sängerin Rita Ora folgt mit ihrem Gesichts-Schleierchen – das sie angeblich bei Rihanna abgekupfert hat – dem Prinzip, das für jeden Quadratzentimeter verdeckter Haut einer an anderer Stelle entsprechend entblößt werden muss. Sprich, wenn das entzückende Näschen und die Kulleraugen kaum zu erkennen sind, muss wenigstens das Dekolleté hergezeigt werden. Folglich sind Burkaträgerinnen, die sich nach dem gleichen Prinzip kleiden, unter der Burka splitterfasernackt.

Die Yuppie-Hülle
Furchtbar langweilig wäre es in so metrosexuellen Zeiten, wenn es die neuen Schleier nur für Frauen gäbe. Für die Männer, die unter einer Mantilla die Orientierung verlieren, oder noch ein wenig fremdeln, gibt es zum Warmwerden etwas Nützliches: Den Hut mit Moskitonetz nämlich. Zugegeben, im deutschen Winter hat es eher wenig Stechmücken, aber hey, für die ganzen aufgepimpten Offroad-Karren gibt es in deutschen Innenstädten auch keine Schlammlawinen durch die sie sich kämpfen müssen.

Die Harmlos-Mütze
Anna de la Russo von der japanischen Vogue ist ein willfähriges Opfer der Mode, aber sie hat Vorbildfunktion. Wer kann, investiert in die gleichen x-Designerteilchen wie sie. Schade, dass sie sich für den maximal niedlichsten und unpolitischsten Schleier entschieden hat – das Jil Sander Wollmützchen mit Schleier nämlich. Jetzt rennen alle damit rum, vom Model Hanne Gaby Odile bis hin zum Blogger Bryan Boy und Greta vom Gärtnerplatz. Sehenswerter wäre der Gareth Pugh-Schleier gewesen.
printmailFacebook Twitter0 Google+
03.11.2013
Berliner Zeitung
Für jeden ein Kraut gewachsen
In den 80ern war Naturkosmetik korrekt, aber ganz sicher nicht hip. Das hat sich geändert

Natürlich sind in dem New Yorker Fünf-Sterne-Hotel The Greenwich auch die Seifen hübsch. Schließlich wohnen die distinguierten Gäste hier in Zimmern mit handverlesenen Antiquitäten, schlafen auf schwedischen Duxiana-Matratzen, baden in Bädern mit handgeformten marokkanischen Kacheln und erholen sich im japanischen Shibui-Spa, für den ein traditionelles Bambushaus aus Japan wieder aufgebaut wurde. An einem hochästhetischen Ort wie diesem die Finger mit Seife aus dem Supermarkt zu waschen, wäre schlicht undenkbar.

Interessant ist nur, dass die lilafarbene Seife, die so groß ist wie ein reguläres Smartphone und intensiv nach Lavendel riecht, nicht von einem der internationalen Luxuskonzerne stammt, mit denen die Spitzenhotellerie sonst zusammenarbeitet. Sondern von Red Flower, einem kleinen New Yorker Unternehmen für Naturkosmetik.

Naturkosmetik? Zumindest in den 80er Jahren war diese tier- und umweltfreundliche Kosmetik etwas für Umweltbewegte, die links waren und mit Modetrends oder Schönheitspflege ziemlich wenig anfingen. Ökos also, die kaum in Fünf-Sterne-Hotels wohnten und selbst wenn, dort nur Kosmetika von Luxusmarken wie Bulgari oder Hermès vorgefunden hätten.

Über „Red Flower“ sagt Yael Alkalay in blumigem Hippie-Jargon: „Sie entstand aus der tief-verwurzelten Liebe für das Land und der Spiritualität sowie einem Sinn für die Wissenschaft und die ganzheitliche Medizin.“ Die Gründerin klingt wie ein Öko mit Faible für Ästhetik. Wie passt sie ins „The Greenwich“ wo das Red Flower-Sortiment sogar für die meisten Anwendungen im Shibui Spa verwendet wird? Ihre Produkte sehen gut aus, fühlen sich gut an und riechen angenehm. Aber ist das schon die Antwort?

Zurück in die 80er. Zu den bekanntesten Marken gehörte damals die Schweizer Marke Weleda, die bereits 1920 von Rudolf Steiner gegründet wurde und bis heute Naturkosmetik nach anthroposophischen Richtlinien herstellt. In der Provinz, in Schwäbisch Gmünd nämlich. Bekannt war sie für ihre Calendula-Babycreme, ihr stark duftendes Arnika-Massageöl und ihren milchbildenden Tee. Nicht zu vergessen den leicht geschwungenen Schriftzug und die Farbigkeit der Produktverpackungen – wie rosa für Wildrose, orange für Sanddorn und lila für Lavendel. Bekannt war das Design auch, weil es noch genauso aussah wie in den 50er Jahren, als es der Künstler Walther Roggenkamp entwarf. Im Vergleich zu den Produkten des Massengeschmacks – der nach Image und Hochglanz gierte und den die Kosmetikindustrie mit aufwendigen Produktverpackungen und Image-Kampagnen bediente – war die Naturkosmetik ein Mauerblümchen.

Heute hingegen ist Naturkosmetik in einem maximal glamourösen Umfeld wie dem New Yorker The Greenwich Hotel keine Ausnahme. Das Londoner Luxushotel Savoy beispielsweise verwendet Produkte von Le Labo, einem französisch-amerikanischen Unternehmen, das Parfum auf traditionelle Art kreiert, ausschließlich non-tierische Inhaltsstoffe verwendet und auf Tierversuche verzichtet. Und auch im Berliner Hotel Das Stue, bekannt für sein skandinavisch modernes Flair und den guten Spa, gibt es Naturkosmetik von Susanne Kaufmann, einer Österreicherin aus dem Bregenzer Wald, die mit natürlichen Inhaltsstoffen „wirkungsorientierte Produkte“ entwickelt und herstellt. Die Mauerblümchen-Kosmetik ist zur Kosmetik der Feingeister und Ästheten avanciert. Was für eine Entwicklung!

Aber die Naturkosmetik boomt nicht nur in Luxushotels. Ein Blick in den Drogeriemarkt reicht, um zu sehen, dass sie überall ist. Marken wie Alterra, Lavera, Sante, Weleda, Dr. Hauschka und Dr. Scheller nehmen hier fast genau so viel Regalplatz ein wie die konventionelle Kosmetik. Mehr noch, die Naturkosmetik ist der am stärksten wachsende Bereich der gesamten Kosmetikbranche. Laut Angabe des Industrieverbands Körperpflege- und Waschmittel e.V. (IKW) erwirtschaftete die Naturkosmetikbranche einen Umsatz von rund 860 Millionen Euro. Jeder achte Euro, der für Kosmetik ausgegeben wird, wird für Naturkosmetik ausgegeben.

Wie es aussieht sind Hochglanzkampagnen und waghalsige Schönheitsvisionen immer weniger gefragt. Information und Sicherheit dafür umso mehr. Ein gutes Beispiel dafür ist die New Yorker Apothekermarke Kiehl´s. Seit ihrer Gründung im Jahr 1851 schreibt Kiehl´s auf seine Cremes, Shampoos und Lotionen drauf was drin ist. Cammie Canella, die Vizepräsidentin für Kundenbeziehungen sagt: „Schon immer deklarieren wir alle Inhaltsstoffe. Aber heute gibt es immer mehr Menschen, die ein Bedürfnis nach Information haben. So gewinnen wir neue Kunden.“ Tatsächlich ist die Marke, die man lange Zeit nur von New York Reisen mitbringen konnte, in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Mittlerweile gibt es Kiehl´s sogar in den Kaufhäusern mittelgroßer Städte, immer steht dort eine Art Ladenzeile, die an eine alte Apotheke erinnert, die alten Apothekengläser aus braunem Glas dienen nur als Dekoration, aber die Töpfchen aus braunem Glas oder Plastik in denen die Cremes und Lotionen verkauft werden, schützen die Produkte, die möglichst wenig Konservierungsstoffen enthalten, tatsächlich vor Licht. „Produktsicherheit“ ist dank Fukushima, Lebensmittelskandalen, freien Radikalen, Feinstaub und Handy- wie Computerstrahlen ein magisches Stichwort. Kiehl´s bietet Transparenz statt hochtrabender Visionen und passt mit dem Fokus auf eine einfache, nachvollziehbare Hautpflege schlicht gut in die Zeit.

Im Fahrtwasser von Kiehl´s ist auch die australische Marke Aesop groß geworden, die eben ihren ersten Laden in Deutschland eröffnet hat, in Berlin Mitte. Aesop ist keine Apothekenmarke, nutzt aber ebenso klinisch anmutende dunkelbraun durchschimmernde Flaschen mit schwarzem Schraubverschluss oder altmodischen Falztuben für die Cremes, Lotionen und Shampoos, die ebenfalls aus natürlichen Inhaltsstoffen gemacht sind. Dazu gibt es einen feingeistigen Überbau, der so klingt: „Wir empfehlen den Gebrauch unserer Produkte als Teil eines gesunden Lebenswandels, beruhend auf gesunder Ernährung, einem vernünftigen Maß an Körperbewegung, mäßigem Rotweinkonsum und einer regelmäßigen Dosis stimulierender Literatur.“ Natürlich bietet Aesop nicht nur wohlriechende Naturkosmetik, sondern auch Essays zu Themen wie Outsider Art oder einen Städteführer mit den besten Parks und Architekturgalerien Tokyos an. Bei soviel Feinsinn wundert es nicht, dass in dem New Yorker Design- Hôtel Americano Aesop-Produkte im minimalistisch designten Bad stehen.

Was wohl Rudolf Steiner zur Naturkosmetik heute sagen würde? Ein Aesop-Essay über die Parfumeurin Sissel Tolaas würde ihn sicherlich interessieren. Von einem Produkt mit reinem Nutzwert und/oder ideologischen Anspruch hat die Naturkosmetik sich weit entfernt. Nicht weiter schlimm, denn heute ist sie für alle da – vom idealistischen Öko, über den ängstlichen Informationsfanatiker bis hin zum elitären Manufactum-Ästheten bedient sie alle. Oder wie es der IKW sagt: „Naturkosmetik ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“



printmailFacebook Twitter0 Google+
28.10.2013
Süddeutsche Zeitung
Erste Reihe Scrunchies
1. Dem kränklichen Pudel „Scunci“ verdankt der Scrunchie – jenes stoffumhüllte Haargummi, an dem sich die Geister scheiden – seinen Namen. Rommy Revson ersann ihn 1986, während sie ihren Pudel in Südflorida pflegte, war 1987 Millionärin, weil jedes langhaarige Mädchen eine Schublade voll mit den billigen Dingern aus Baumwolle (oder besser noch Samt) zusammengerafft hatte und ist seither überbeschäftigt, weil sie eine Urheberrechtsklage nach der nächsten anzettelt. Denn ihr Scrunchie wird kopiert wie wild.

2. Der New Yorker Designer Marc Jacobs beispielsweise will ein Revival des Scrunchies. Und schlägt dafür ein Exemplar vor, das an die Stoff-Rosetten erinnert, die Mädchen nach gewonnenen Voltigier- und Reitturnieren einsammeln. Mädchen ist hier übrigens das Stichwort. Wer U-13 ist kann sich wahlweise Stoffrosetten oder Scrunchies ins Haar schlingen und sieht trotzdem niedlich aus. Für alle älteren Semester gilt das nicht.

3. Offiziell wird der Scrunchie übrigens gehasst. Zurecht, denn er wirkt so zuverlässig entstellend wie eine umhäkelte Klopapierrolle auf der Autorückbank. Aber in Bezug auf den Scrunchie herrscht die Doppelmoral. In der sechsten Staffel von „Sex And The City“ schwört Carry Bradshaw, keine Dame von Welt würde sich mit so einem Ding in Manhattan blicken lassen. Und doch hat sie nichts besseres zu tun, als im ersten SATC-Film mit einem Scrunchie durch New York zu spazieren, der so groß ist wie Godzilla.

4. Auch der Designer Ashish Gupta setzt mit seinem Label Ashish auf den Scrunchie. Immerhin hat er verstanden, dass das Ding nur als Lachnummer taugt.
Er bringt den Scrunchie mitten im prototypischen Hipster Look unter: Schluffige Kleidung, unsterbliche Nerdbrille, ebenso unsterblicher Dutt. Falls er ahnt, dass die Hipster beim Nachstylen das Motto des Ashish-Pullovers absolut wörtlich nehmen werden, ist sein Witz wirklich gelungen.

5. Weil Dov Charney seine Marke American Apparel gern an Mädchen und Jungen zeigt, die so wenig wie möglich tragen, werden manche seiner Kampagnen verboten. Das Motiv, in dem die Scrunchies vom Accessoire zur Kleidung avancieren, durfte er veröffentlichen. Und wenn man ehrlich ist: Die Turnierkleidung der Kunstturnerinnen bei den Olympischen Spielen sieht so anders nun auch nicht aus.

6. Mag sein, dass Hilary Clinton lange Jahre lang Scrunchies trug, um ihre Haare zu schützen. Wahrscheinlicher aber ist, dass sie ihn für ein legitimes Accessoire hielt. Hätte ja auch sein können, schließlich passt der weiße Satin-Scrunchie zumindest farblich zur weißen Seidenbluse. Trotzdem Quatsch. Denn an einer erwachsenen Frau sieht das Haar-Accessoire schlicht trutschig aus. Inzwischen hat Frau Clinton ihre Haare so kurz geschnitten, dass ihr kein Scrunchie mehr passt. Gut so.

7.Dass die Grande Dame des Punk, Vivienne Westwood, den Scrunchie ebenfalls vorführte, an Skandal-Model Alice Dellal, hatte andere Gründe als nur modische. Vielleicht wollte sie das Model, das sich unlängst die Haare komplett rasierte, auf den einzigen Vorzug des Haar-Accessoires hinweisen: Von ihm umschlungen brechen die Haare weniger schnell ab, als in einem plumpen Haargummi. No Future? No Haarbruch!
printmailFacebook Twitter0 Google+
27.10.2013
Welt am Sonntag
Markus Lupfer: Küsse aus Kissleg
Strickpullover mit aufgestickten Kussmündern sind das Erfolgsrezept des in London lebenden deutschen Designer Markus Lupfer. Dass sich für seine übrige Mode momentan kaum jemand interessiert, sieht er gelassen


Schwarzer Anzug, weißes Hemd, grau melierte Schläfen. Mit den lauten Slogans, die viele seiner Pullover zieren hat Markus Lupfer erst mal nichts zu tun. „Hollywood“ steht da, „OMG“ oder, in der Kollektion des kommenden Frühlings, „Freak“, in einem Schriftzug aus schillernden Pailletten. Markus Lupfer ist maximal unfreakig, er bestellt sich einen frischen Pfefferminztee, nippt ihn artig und hält sich selbst auf dem weichen Sofa so aufrecht, als würden sich Ballettstunden aus frühen Kindertagen bezahlt machen. Er ist ein guter Designer und ein guter Geschäftsmann – dass ihm Letzteres wichtig ist, macht er unmissverständlich klar: „Im Moment interessiert mich das Geschäft am meisten. Wie es funktioniert, nicht nur eine Marke aufzubauen, sondern ein ganzes Business.“

Verständlich, denn an seiner gleichnamigen Marke arbeitet Markus Lupfer schon seit achtzehn Jahren. Nachdem der gebürtige Allgäuer aus der kleinen Gemeinde Kissleg sein Modedesign-Grundstudium in Trier absolviert hat, geht es an die Westminster University nach London. „In Trier habe ich ein solides Handwerk gelernt“, sagt er, „und in London herausgearbeitet wer ich bin, was ich will und was ich kann.“ Er will und kann viel. Seine Kollektionen, die er schnell im Rahmen der London Fashion Week zeigt, strotzen vor Ideen. Experimentelle Drucktechniken, ungewöhnliche Materialmixe, abwechslungsreiche Silhouetten. Bald wird der Condé Nast Verlag auf ihn aufmerksam und nimmt seine Kollektion im exklusiven Rahmen von Style.com auf. Sein internationaler Erfolg scheint vorprogrammiert, von manchen wird er sogar als wichtigster neuer Designer Londons gefeiert.

Aber die Vielfalt hat ihren Preis: Zwischen all dem Lackleder, Chintz, Spitze, Rohseide, Denim und Fell, den handbestickten Verzierungen, Röcken, Kleidern, Blusen, Hosen und Mänteln, die Markus Lupfer so mühelos in einer einzigen Kollektion unterbringt, geht ihm die Puste aus. „Eine Show-Kollektion kostet viel, man verzettelt sich leicht,“ sagt er. Für einige Jahre konzentriert er sich auf Kollaborationen, arbeitet für Mulberry, Cacharel und die spanische Marke Armand Basi, die für ihn wichtigste Station. „Dort hatte ich eine Schlüsselerkenntnis – ich lernte, wie man die Kosten niedrig hält.“

Statt Modenschauen mit komplex konstruierten Outfits zeigt er nun übersichtliche Präsentationen mit Minikleidern oder mädchenhaften Rock–und–Pullover-oder-T-Shirt-Kombinationen. „Ich konzentrierte mich darauf, was Frauen wirklich tragen wollen“, sagt er. „Und darauf wie Markus Lupfer in den Läden funktioniert. Nicht länger unter dem Druck zu stehen, der Presse und den Einkäufern etwas bieten zu müssen, ist eine Erleichterung.“ Seiner Marke bekommt das Gesundschrumpfen gut. Nach zehn Jahren Pause kehrt er zu Style.com zurück, wieder preisen renommierte Redakteurinnen wie Sarah Mower und Maya Singer seine Arbeit.

Dass es niemanden stört, wie sehr sich seine Mode verändert hat, liegt vielleicht daran dass Markus Lupfer auch innerhalb einer komprimierten Kollektion den Zeitgeist trifft und schmeichelhaft abbildet. Schwarze Spitze verwendete er schon 2010, bevor die meisten anderen Designer zugriffen, seine Baseballjacke tauchte etwa zeitgleich mit der von Isabel Marant auf und seine Kombination von Leder mit Jersey zeigt er zumindest bevor die französischen Marken Maje, Sandro und The Kooples auf die Idee kommen. Außerdem hat er einen Geistesblitz, der fortan als Fundament seines Geschäfts dienen wird: „Ich wollte das T-Shirt als Pulli machen. Ich fand Strick unterbewertet, das meiste war sehr klassisch, Image-orientierte Sachen fehlten komplett.“ Also entwirft Markus Lupfer 2011 einen ersten Strickpullover mit aufgesticktem Paillettenmund – und ist begeistert. Nicht nur er, das Stück ist schnell ausverkauft und wird nachgefragt. Genauso wie der Pudel, der Astronaut und das Frauengesicht aus der gleichen Kollektion. Es dauert nicht lang bis der Kussmund zum festen Bestandteil jeder Kollektion wird, gefolgt von Comic-Kulleraugen, Sprechblasen, Heißluftballons und Comic-Blitzen. Mehr noch, die bestickten Pullover werden das Markenzeichen von Markus Lupfer schlechthin. Mit ihnen etabliert er sich auf Net-a-porter, dem wichtigsten Online-Luxuskaufhaus und Luisaviaroma (dem italienischen Pendant). Mytheresa, die deutsche Konkurrenz, ordert nicht. Aber dafür findet man ihn bei Zalando, Emeza und Asos – auch hier vor allen Dingen mit seinen bestickten Pullovern.

So schön es ist, dass sein Geschäft mithilfe der plakativen Strickwaren läuft – was ist mit dem Rest seiner Mode? Den scharf geschnittenen Silhouetten, den sehenswerten Materialkombinationen, den smarten Digitaldrucken? Auf der London Fashion Week zeigt er seine Frühjahrskollektion für 2014 mit Models denen flauschige Kätzchen um die Beine streichen. Echte Kätzchen. Und auf einem der T-Shirts prangt ein Kätzchen-Kopf unter dem ein gesticktes „Meow“ schillert – spätestens jetzt wird einem ein bisschen flau in der Magengegend. Denn natürlich sind Amateurvideos niedlicher Kätzchen ein Renner auf Youtube, sicher sind Tier-Titel ein Mittel Zeitschriften zu verkaufen und klar generieren die Huffingtonpost und Buzzfeed.com so einen guten Teil ihres Traffics. Wenn aber Markus Lupfer nun seine Mode vornehmlich nach Niedlichkeitsaspekten gestaltet, wäre das eher ein Ausverkauf.

So ist es nicht. Aber Markus Lupfer ist in den vielen Jahren seiner Karriere zu einem realitätsnahen Pragmatiker geworden. Er arbeitet kreativ und effektiv. In seinem Londoner Studio beschäftigt er neun Festangestellte und drei Freelancer und produziert mit ihnen sechs Kollektionen im Jahr – vier für Frauen, zwei für Männer. In seiner jüngsten Kollektion gibt es neben dem Kätzchen kaum Motto-Stickereien, sein Fokus liegt auf einem Patchwork aus Baumwollblumendrucken und grauem Jersey. Motto- und Tierstickereien gibt es trotzdem, exklusiv für Net-a-porter produziert. So beweist er, dass es ihm an guten Design-Ideen nicht fehlt, bettet sie aber ein in ein Sortiment, das gut verkauft.

Dazu passt auch, dass er sein Repertoire erweitert. Von Markus Lupfer gibt es nun auch Schuhe, die in Portugal gefertigt werden und Mützen und Schals, die meist in Hongkong gestrickt werden. Ob zu seinem Geschäft demnächst auch Sonnenbrillen und Handtaschen gehören, zeigt sich am kommenden Wochenende, wenn er mit einem Berater den Businessplan für die kommenden fünf Jahre festlegt.

Fehlen also nur noch die Einkäufer, die sich für den ganzen Markus Lupfer erwärmen und nicht nur seinen launigen Strick. Der Designer selbst sieht auch das realistisch: „Mit den Pullovern konnte ich mein Geschäft aufbauen und gestalten, „sagt er, „über diese Chance bin ich froh. Jetzt bin ich an dem Punkt, Verkäufern zu vermitteln, dass es mehr gibt als das. Und das ist wahnsinnig schwer.“
printmailFacebook Twitter0 Google+
16.09.2013
Süddeutsche Zeitung
London Fashion Week
Zum Auftakt der London Fashion Week beschäftigen sich die Briten weniger mit der kommenden Mode als mit der Frage, ob der Fußballer Mezut Özil und seine Freundin Mandy Capristo nun endlich ein neues Zuhause gefunden haben, nachdem er von Barcelona zu Chelsea wechselt. Die yellow press spottet, dass die beiden Hampstead nicht von Kensington oder Covent Garden unterscheiden können und fast wünscht man ihnen, dass Pensionär David Beckham sich ihrer annimmt. Mit ihm hätten sie ortskundige Führung und front row Tickets für die wichtigen Schauen. Und ein bisschen modischer Beistand schadet ihnen sicher nicht.

Bitte

In dieser Saison liegt die Messlatte für die Londoner und ihren Stil nämlich besonders hoch. Zumindest erwartet Natalie Massenet mehr von ihnen als gewöhnlich. Die Vorsitzende des London Fashion Councils, das die Fashion Week ausrichtet und Gründerin von Net-a-Porter, dem größten Online- Luxuskaufhaus, bittet sie in einem offenen Brief, sich „so stilvoll und modisch zu zeigen wie möglich.“ Eine seltsame Bitte, schließlich ist das Modevolk nirgends so sehenswert gekleidet ist, mit einem Auge für skurrile Details, wie an der Themse.

Sitte

Besonders gut wird man das bereits zum Auftakt der Fashion Week sehen, im Rahmen der „Headonism“. Hier zeigen Hutmacher Stephen Jones und seine Kollegen was der Kopf jetzt trägt und dass Exzentrik in London nicht verpönt ist, sondern zum guten Ton gehört. Während Lady Gaga, die zu Jones besten Kundinnen gehört bereits Orderlisten ausfüllt, diskutieren die anderen Gäste, ob der Eisberg von Keely Hunter es bis nach Ascot schafft, oder ob es doch eher ein mit Kirschen garniertes Objekt des jüngsten Star-Hutmachers Piers Atkinson wird.

Freiheit

Neben den Modestädten New York, Paris und Mailand ist London stets die kleine Schwester. Ein Standortvorteil, denn in den anderen Städten ist für Designer kommerzielle Machbarkeit oder zeitlose Eleganz zwingend – in London aber regiert der Freigeist. So ist genug Platz für viele Ideen. Gareth Pugh beispielsweise gründete seine Karriere auf raumgroße Ballons aus schwarzem Latex. Emilia Wickstead hingegen, eine der Favoritinnen dieser Saison, entwirft Kleider für die nächste Königin von England.

Gleichheit

Zu den jungen Wilden, die es zu internationalem Erfolg gebracht haben, gehören auch Meadham Kirchhoff und J.W.Anderson. Beide machen sowohl Frauen- als auch Männermode und sind vielleicht verantwortlich für das nächste große Ding: Unisex-Mode. Schon im Juni, während der Herrenschauen im Rahmen der London Collections, zeigten Meadham Kirchhof mädchenhaft verzierte bunte Handtaschen und J.W.Anderson Halterneck-Tops aus duftigen Stoffen. Was es heißt, wenn nun die Männer schulterfreie Blüschen tragen, wird sich zeigen wenn sie ihre Frauenkollektionen präsentieren.

Toleranz

Auch konservativere Positionen finden in London ihren Platz. Tom Ford zeigt hier, der König des Luxus, genau wie die etablierten Traditionalisten Mulberry und Burberry. Als kleiner König zeigt der deutsche Markus Lupfer, der seinen Erfolg auf plakative Pop-Art begründet – Kussmünder und Burger gehörten bisher auf seine Pullover, in der kommenden Saison setzt er, wie er selber sagt auf „fiese Mädchen“, seine Slogans lauten nun „Loser“ oder „Freak“.

Mäßigung

Selbst die britischste aller Einrichtungen wird zur Fashion Week mit einem neuen Dreh angeboten: Der 5 o clock tea. Im Brown´s Hotel gibt es statt kohlenhydratreicher, buttersatter Scones Schokoladenkuchen ohne Mehl, oder Chicoreeblätter mit Räuchermakrele. Das sogenannte „Tea-Tox“ ist ein maßgeschneidertes Angebot, zumindest für reizüberflutete Moderedakteurinnen, die die Schauen-Snacks aus Minibrezeln und Muffins leid sind und ihren Blutzuckerspiegel auf Normalniveau bringen wollen.
printmailFacebook Twitter0 Google+
15.09.2013
Süddeutsche Zeitung
New York Fashion Week
Diese Woche war Schulanfang in New York, bei strahlend blauem Himmel und hochsommerlichen Temperaturen. Und auch das Modegeschäft geht wieder los, nachdem im heißen August die Geschäfte traditionell auf Sparflamme laufen.
Jetzt startet der vierwöchige Marathon, der von New York über London nach Paris und Mailand führt. Noch sehen alle frisch und erholt aus – die internationalen Journalisten, Einkäufer und auch die Models.

Dass letztere noch so unverbraucht aussehen, liegt auch daran, dass sie kaum jemand kennt. Namhafte Models wie Karlie Kloss, Toni Gard oder Joan Smalls sieht man in dieser Saison nur selten. Vielleicht ging es vielen Designern so wie Scott Sternberg, dem Designer der kalifornischen Marke Band of Outsiders. „Ich wollte frische Gesichter,“ sagt er. Manchmal sind die „neuen“ Gesichter einem kleinen Budget geschuldet, in dieser Saison ging es aber wohl darum, dass nichts von der Mode ablenken sollte. Vielleicht haben sich die Designer die Rüge von Cathy Horyn, der New York Times Kritikerin, zu Herzen genommen, die klagte, dass in New York vor lauter Spektakel der Blick auf die Mode verloren geht.

Recht hat sie leider. Im Lincoln Center auf der Upper West Side wo sonst stilvolle Opern- und Theaterabende stattfinden, geht es zur Fashion Week zu wie auf dem Oktoberfest. Frauen mit Fönfrisuren, ungewöhnlich weißen Zähnen und tiefer Bräune ratschen wie verrückt. Die Männer in glänzenden Anzügen und polierten Schuhen stehen ihnen in nichts nach. In den Milk Studios auf der 15. Straße sieht es kaum anders aus. Hier zeigen die jüngeren Designer was sie können, das Publikum ist hipper, aber auch hier überstrahlt die Party manchmal die Mode. Dass man Elektrozigaretten geschenkt bekommt und kostenloses Bio-Kokosnusswasser trinkt statt Protein-Shakes, macht keinen Unterschied.

Rachel Comey entzieht sich dem Trubel und zeigt ihre Kollektion in Brooklyn. Erst unken alle, dass kein Mensch sich auf den weiten Weg machen wird und dann kommen sie doch, unter ihnen auch Cathy Horyn und die Schauspielerinnen Greta Gerwig und Maggy Gyllenhaal. Sie essen mit Rachel Comey zu Abend und sehen sich ganz in Ruhe die Models an, die in ungewöhnlich geschnittenen Jeans-Entwürfen und Downtown-tauglichen Kleidern aus Baumwolle um die Tische spazieren.

Auch Levi´s hat sich für Brooklyn entschieden. Doug Aitken startet hier das Mammutprojekt „Station to Station“ bei dem ein bis unters Dach mit Künstlern und Musikern besetzter Zug von der Ost- an die Westküste fährt, während die Künstler pausenlos Kunst produzieren und die jeden Abend vor zahlendem Publikum vorführen. Das Geld soll in junge Kunst investiert werden. Zum Auftakt in New York sieht man Videos mit nackten Männern von Kenneth Anger, hört den Boredoms zu, die gar nicht langweilig sind und sieht wahlweise Frauen, die riesige Patchworkdecken nähen oder Feuerwerke aus buntem Pulver. Levi´s tritt kaum in Erscheinung – es wäre auch schlimm, wenn die Künstler in Levis Montur kreativ sein müssten – dafür aber ein Publikum zwischen 16 und 60, das ganz freiwillig Levi´s in jeder Farbe, Passform und unterschiedlichen Stadien des Verfalls trägt. Falls der kalifornische Konzern wusste, dass er den Kern der Marke so wirkungsvoll in den Fokus rückt, sind hier wirklich schlaue Strategen am Werk.

Zurück zu Scott Sternberg. Bei ihm klappt es mit dem Fokus nicht so gut. Die leichten, bodenlangen Seidenkleider, die wie Jersey aussehen, passen nicht zu den unzähligen Parka-Varianten, da hilft weder die volle Konzentration auf die Mode, noch die hübschen Hiking-Sandalen von Manolo Blahnik, die alle Mädchen tragen.

Downtown in der Wooster Street macht sich derweil Justin O´Shea Sorgen um die Strategie von Mary-Kate und Ashley Olsen für ihr Luxuslabel The Row. Der stets makellos gekleidete Einkäufer des deutschen Luxus-Online-Stores Mytheresa mit dem gezwirbelten Bart, sagt: „Ihre Ideen sind manchmal ein bisschen zu clever für die durchschnittliche Modekundin.“ Seine Sorge ist unbegründet. Schon mit dem Setting ihres Venues setzen die Schwestern den richtigen Fokus. Statt einer rummeligen Schau bei der man von der einen in die andere Front Row starrt und überlegt, ob das Kleid der japanischen Vogue Redakteurin Anna de la Russo noch knapper sein könnte, als es eh schon ist, haben sie intime Gemächer geschaffen, die durch elfenbeinfarbene Musselinvorhänge abgeteilt sind. Es ist ein privater Rahmen in dem jeder Gast in der ersten Reihe sitzt. Und ihre Kollektion ist feininnig und zugänglich zugleich. Ausgangspunkt ist für sie die Alltagskleidung der Inder zur Zeit der britischen Kolonialherrschaft, also Sari-ähnliche, schmale Kleider, die sie mit arabisch anmutenden Kopftüchern und Taschen kombinieren, deren Riemen quer über der Brust getragen werden.

Phillip Lim gehört seit langem zu den Musterschülern unter den New Yorker Designern und hat bereits den CFDA-Award gewonnen, eine der höchsten Auszeichnungen. Zu seiner Schau im stillgelegten James Farley Postamt an der 33. Straße auf Manhattans West Side ist es ein steiniger Weg. Sprichwörtlich. Denn er hat winzige weiße Steine auf dem Boden ausgebreitet, die an Salzkristalle erinnern. Sie knirschen unter den Schritten der Gäste ein feiner Dunst steigt auf. Das Thema der Schau ist ganz klar: Geologie. Auch wenn es für die Mode nicht auf der Hand liegt – Phillip Lim setzt es meisterhaft und in sportlichen, manchmal kantigen Schnitten um. Er hat Leder so bedruckt, dass es metallisch schimmert und aussieht wie Flechten, die auf Steinen wachsen. In Oberteile aus Seidengaze hat er Ornamente eingewebt, die aussehen wie Geoden – aufgeschnittene Kristalle aus Halbedelsteinen. Und er verwendet Fransen, kleine, buschige Ansammlungen, die aussehen wie Moos in schwefelgelb, grün und rostfarben.

Fransen sind überhaupt ein Thema dieser Schauen. Derek Lam drapiert sie seinen Models in Form von dunkelblauen Schals um den Hals, Phillip Lim wählt die moosige Variante auf Tops und Hosen, bei The Row sind es anmutige Troddeln, die an den Kleidern der Models hängen, Proenza Schouler zeigt einen Mantel, der komplett aus Seidenfransen besteht und bei Altuzarra sind es Ziehbänder, die von all den hochgeschlitzen Röcken seiner Kollektion baumeln.

Das Formen-Repertoire mit dem die New Yorker Designer arbeiten, ist leider durchaus überschaubar. Es ist, als wäre Manhattan nicht nur eine Insel, sondern auch isoliert von der übrigen Welt. Auf das Schößchen beispielsweise, das Raf Simons vor Jahren bei Jil Sander re-etablierte, hat, haben sie sich eingeschossen. Phillip Lim schnürt es mit Silberfäden an seine Tops, Alexander Wang setzt es gleich unter der Brust an, bei einem Trägertop im Blau der Banker, bei Victoria Beckham ist es eine Etage tiefer gerutscht und sitzt am Saum des winzigen Minirocks. Plissés sind der nächste gemeinsame Nenner. Bei der Präsentation der zweiten Linie von Victoria Beckham, Victoria, im achten Stock der Milk Studios mit Blick auf den Hudson River, gurrte Natalie Massenet, die Gründerin des Online-Stores Net-a-porter bei jedem der plissierten Seidenkleidchen, das von Models in einer privaten Vorführung gezeigt und von Victoria Beckham selbst kommentiert wurde: „Sie sind so hübsch, so hübsch!“ Die langen Plissékleider von Proenza Schouler sind auch hübsch, aber im Vergleich zu der sonst starken Kollektion belanglos. Die Exemplare bei Alexander Wang, der seinen Namen als Muster in Kunstfaser geflochten hatte, sind immerhin keck prollig.

Dass ausgerechnet ein so multikultureller und weltläufiger Ort wie New York im eigenen Saft kocht ist seltsam. Gut, dass Ausnahmen die Regel bestätigen. Dazu gehörten auch Altmeister wie Francisco Costa. Anlässlich seines zehnten Jubiläums tauschte er seinen beherrschten Minimalismus gegen eine freigeistigere Haltung. Offene Säume, bloßgelegte Schnittkanten und lose Fäden – nein, Fransen natürlich – prägten seine Kollektion. Und während die eigentlichen Meisterschülerinnen Laura und Kate Mulleavy mit ihrem Label Rodarte zum ersten Mal enttäuschten, brillierte Thom Browne mit seiner Kollektion, die die Exzentrik seiner bisherigen Arbeit in den Schatten stellt. Thom Browne widersetzt sich dem Gesetz, dass Mode in und aus New York kommerziell erfolgreich sein muss – dafür halten ihn einige sicher für verrückt. Deswegen passte es gut, dass er als visuellen Rahmen seiner Schau ein Irrenhaus wählte. Die Model-Insassen waren geschminkt wie Batmans Joker und ihr Gang nicht elegant, sondern stockend, als hätten sie eine Sitzung mit Elektroschocks hinter sich. Wichtiger aber war ihre fast durchweg weiße Anstaltskleidung – aufwendige Kleider und Kostüme, mit denen sich Thom Browne an der weiblichen Form abarbeitete. Vielleicht war es das viele weiße Latex, vielleicht die handwerkliche Finesse seiner Arbeit – die Couture-Niveau hat, obwohl er in New York und nicht etwa in Paris produziert – die dafür sorgten, dass ihn einige Kritiker als neuen McQueen feierten.
printmailFacebook Twitter0 Google+
14.09.2013
Berliner Zeitung
Am besten etwas Seltsames machen
Yohji Yamamoto sitzt da, wo niemand rauchen darf und raucht. Natürlich. Denn für den japanischen Designer, der stets von Kopf bis Fuß in schwarz gekleidet ist, gelten nur seine eigenen Regeln. „Yohji ist und bleibt ein Freigeist“, sagt Etienne Russo, der seit elf Jahren seine Modenschauen inszeniert „und er hat volles Vertrauen in die Menschen, mit denen er arbeitet.“

So ist es auch in dieser Saison. Der erfahrene Produzent, der mit der belgischen Firma Villa Eugénie Schauen für Kunden wie Dries van Noten und Lanvin produziert, hat bis zur letzten Minute freie Hand. Er kenne, so erzählt er, immer das Konzept der Kollektion, habe die Mode zum Teil gesehen und sich darauf einen Reim gemacht.

Jetzt sitzt Yohji Yamamoto im Halbdunkel eines stillgelegten Postamts an der 33. Straße in Manhattan, um zu sehen, was Etienne Russo sich ausgedacht hat. Eine riesige Halle, in der mit Bänken ein großzügiges Quadrat abgeteilt ist. An dessen Rand stehen mehrere Schlagzeuge, aufgepeppt mit leeren Waschmittelflaschen und Eimern, auf denen man herumklopfen kann.
Ein bisschen zaubern

Zum Ende der Schau wird auch Yohji Yamamoto sich an eines dieser Drumsets setzen und ein winziges Solo spielen. Verhalten, irgendwie putzig und absolut hörenswert. Eigentlich spielt Yamamoto Gitarre, aber ein bisschen Zaubern für sein Publikum – das lässt selbst er sich nicht entgehen.

Sonst ist der 70-Jährige äußerst zurückhaltend. Er spricht stets leise, lächelt eher fein als breit und hat nichts Großsprecherisches an sich. Dass er einen Skandal provoziert hat, ist heute kaum vorstellbar, aber so war es, vor knapp dreißig Jahren. Damals brüskierte er in Paris die Modewelt mit seinem Label, das damals wie heute seinen Namen trägt. Hiroshima-Chic zeige er, hieß es, dabei stellte er mit seinen schwarzen, asymmetrisch geschnittenen Entwürfen einfach nur bewusst die gängigen Sehgewohnheiten auf die Probe. Seitdem hat sich wenig geändert. Oder anders gesagt – Yohji Yamamoto ist sich selbst treu geblieben.

Für Puristen mag das anders aussehen, denn mit seinem eigenen Label meldete er 2009 Insolvenz an und verkaufte schließlich an die japanische Beteiligungsfirma Integral K.K. Und er entwirft neben seiner weiterhin avantgardistischen eigenen Kollektion eine kommerziellere: eben Y-3, eine Marke für Sportswear mit gehobenem Anspruch, grob vergleichbar mit Kollektionen wie Stella McCartney für Adidas.

Y steht für Yohji Yamamoto und 3 für die drei Streifen, die die Marke Adidas kennzeichnen. Der japanische Modedesigner und die deutsche Marke aus Herzogenaurach arbeiten bereits im zwölften Jahr miteinander, zweimal im Jahr präsentieren sie das Ergebnis im Rahmen einer Modenschau während der New York Fashion Week.

Jetzt sitzt Yohji Yamamoto backstage, in einem quadratisch abgeteilten Raum, immerhin mit Stoff- statt Plastikplanen, gemütlich ist es aber nicht. Yamamoto ist umzingelt von Ordnern und Sicherheitsleuten, die garantieren sollen, dass niemand in diesen Kubus vordringt, der nicht die Erlaubnis hat. Aber dafür interessiert sich Yohji Yamamoto nicht. Er wird grundsätzlich. Wir brauchen einen neuen Anfang“, sagt er und zieht an seiner Zigarette. „Y-3 hat sich zu einer erfolgreichen Marke entwickelt. Wenn wir jetzt nicht etwas anderes machen, am besten etwas Seltsames, wird es langweilig.“

Recht hat er. Denn Y-3 bietet erfolgreich Sportkleidung an, deren Fokus nicht primär die Funktion, sondern eben auch der Stil ist, der modische Appeal. Viele Kollektionsteile sind schwarz, vielleicht auch, weil das Yohji Yamamotos Lieblingsfarbe ist, ebenso viele sind wahnsinnig modisch. In den Plateaustiefeln der aktuellen Herbstkollektion mit goldenem Pfennigabsatz, ist an Sport nicht zu denken. Aber um einen Türsteher von der eigenen Trendiness zu überzeugen, taugen sie sicher hervorragend. Wenigstens in dieser Saison.

Mit den Idealen von Yohji Yamamoto hat zumindest die kommerzielle Seite der Marke wenig zu tun. Kalkulierten Verschleiß, die Beschleunigung der Mode durch Zwischenkollektionen und nicht zuletzt das Internet kritisiert der Japaner unermüdlich. „Verbringt nicht zu viel Zeit am Computer“, sagt er den Studenten, die er sporadisch unterrichtet, „geht nach draußen. Lebt Euer Leben!“

Was heißt es, wenn der Mann, der vor dreißig Jahren den Begriff Anti-Mode prägte, einen neuen Anfang will? Soll Y-3 entschleunigen, nur noch in Manufakturen hergestellt werden, oder am Ende gar: eingestellt werden, um ein Zeichen zu setzen? Natürlich nicht.

Stattdessen nimmt in der immer noch dunklen Halle das Heer der Einkäufer, Journalisten und Berühmtheiten Platz. Teenie-Star Justin Bieber ist unter ihnen, seine Tänzer auch, deswegen stehen sich vor dem Postamt unzählige Fans die Füße platt. Es ist drückend heiß. Dann wird es laut, denn die sieben Drummer – allesamt unbekannte Kids aus New York, die, wie Etienne Russo erzählt, sich nicht einmal untereinander kennen – nehmen ihre Plätze ein und wirbeln ihre Drumsticks.
Aufgeräumt und tragbar

Es folgt die Mode, vorgeführt von Männer- und Frauenmodels, oder besser: Jugendlichen. Schnellen Schritts durchmessen sie die Halle, kreuz und quer, in einer Choreographie, die keine Ordnung hat. Seltsame Slogans blitzen auf den T-Shirts, Sweatshirts, Jacken und sogar Schuhsohlen auf: „Me, me, me“, also „ich, ich, ich“ oder „Meaningless Excitement“ – „bedeutungslose Aufregung“, der Kollektionstitel, oder „Diese Nachricht enthält keinen Inhalt, wollen Sie sie trotzdem senden?“

Die Mode selbst sieht auf den ersten Blick zu gleichen Teilen gut und gängig aus. Sie stellt die Sehgewohnheiten zunächst nicht auf die Probe. Jogginghosen, so schmal geschnitten wie für einen Anzug, Bomberjacken, die gerade ein Revival feiern, einige lange Kleider, mit denen Yohji Yamamoto an seine eigene Modelinie erinnert, Shorts, Röcke, Jacketts. Formal gut proportioniert, alle Silhouetten sind aufgeräumt und tragbar. Nicht alle sind schwarz, ganz im Gegenteil, es gibt viele regenbogenfarbene Farbverläufe, die aussehen wie weich gezeichnet oder gebatikt.

Wie es aussieht, hat Yohji Yamamoto die Mode von Y-3 nicht abgeschafft und sie auch nicht radikal neu erfunden. Aber er hat sich einen Rückgriff gestattet, der ihm Platz für eine augenzwinkernde Gesellschaftskritik gibt. Mit Motto-T-Shirts, -Jacken und -Sweatshirts will trägt er die Botschaft in die Welt, doch bitte nicht allzu selbstbezogen zu sein. Aber von ihm selbst stammt die scharfzüngige Kritik nicht, dafür ist er viel zu zurückhaltend.

Peter Saville, der britische Designer, der bereits ikonisches Grafikdesign geschaffen hat, beispielsweise Plattencover für die Bands Joy Division und New Order, hat sie zusammengetragen. Er sagt: „Die Slogans sind Fundstücke aus dem Alltag, sie umgeben uns täglich.“ Und fügt hinzu: „Nach ein paar Tagen hier in Soho empfinde ich die Slogans noch eindringlicher und passender als in London.“ Wenn man das hektische Shoppinggewusel auf den Straßen sieht, ahnt man, was er meint.

Dass Yohji Yamamoto noch immer der feinsinnige Designer ist, als den man ihn vor dreißig Jahren kennengelernt hat, zeigt sich daran, wie er das Design ausführt. Denn Teil des vertrauensvollen Arbeitsverhältnisses, das Yohji Yamamoto mit seinen Kollegen pflegt, ist, dass nicht alles in Japan geschieht. Die Slogans sind in London entstanden, während er in Japan saß.

Statt sie aber schlicht auf die Kollektionsteile seiner Wahl zu drucken, nutzt er die textile Technologie in seinem Sinn: Mit einer retro-reflektiven Faser webt er die Slogans so in die Mode ein, dass sie nur dann zu sehen sind, wenn das Licht in einem bestimmten Blickwinkel auf sie fällt. Unsere Sehgewohnheiten testet Yohji Yamamoto also auch heute noch.

Artikel URL: http://www.berliner-zeitung.de/magazin/drinnen---draussen-am-besten-etwas-seltsames-machen,10809156,24298944.html
printmailFacebook Twitter0 Google+
13.09.2013
Zeit Online
New York Fashion Week - Teil 2
Wer nölt, die New York Fashion Week sei viel zu kommerziell, muss seinen Fokus anders setzen. Mode wie ein Kunstwerk schafft beispielsweise Thom Browne und obwohl er in Couture-Qualität fertigt, muss er die Stadt dafür nicht einmal verlassen. Die Olsen Zwillinge zeigen ein weiteres Lehrstück in Verfeinerung und Phillip Lim geht unter die Geologen. Dass Geoden und Felsformationen modisch machbar sind, war bislang noch niemandem klar.

3.1. Phillip Lim

Es war ein steiniger Weg zu Phillip Lims Schau, im wörtlichen Sinn, denn er hatte unzählige kleine weiße Steine, die Salzkristallen ähnelten, auf dem Boden ausgebreitet. Ein deutlicher Wink zum Thema der Schau: Geologie. Mit technischen Stoffen erweckt er die Anmutung von Moos auf Steinen, er druckt Farbverläufe wie von aufgeschnittenen Geoden auf Seidengaze und seine Fransen in schwefelgelb, grün und rostfarben erinnern an Farn. Ein guter Kontrast zum Kosmos Natur sind die Silhouetten: Klar, sportlich, manchmal kastig, typisch Lim.

The Row

Ashley und Mary-Kate Olsen hatten für The Row eine Luxus-Nomadin vor Augen, in Kleidern, die an die Alltagskleidung der Inder zur Kolonialzeit erinnern, arabisch anmutenden Kopftüchern, grob gewebten, bodenlangen Wollmänteln und Loafers aus weichem Krokodilleder. Sie luden nicht in ein brummendes Show-Venue, sondern private Gemächer, abgeteilt mit cremeweißen Musselin-Vorhängen. Auch die Mode ist erlesen: Die Kleider sind aus Georgette-Seide in kohlefarben, dunklem Sienna und Elfenbein, dazu passen Makramee und Stickarbeiten aus feinster Wolle auf Seidentüll.


Thom Browne

Ist Thom Browne der neue Alexander McQueen nur weil er als Setting seiner Schau eine Art Irrenhaus wählte, seinen Models das irre Grinsen des Jokers ins Gesicht schminkte und er in seinen Kleidern und Kostümen jede Menge Latex verarbeitete? Sicher nicht. Thom Browne ist einer der talentiertesten amerikanischen Designer, der Mode mit der handwerklichen Raffinesse einer Couture-Kollektion zeigt, die nicht etwa in Paris, sondern in New York gefertigt wird.

Diesel

Terminal 15 in der altehrwürdigen Grand Central Station zu finden, fällt nicht einmal Einheimischen leicht, Zugereiste sind ohne Beschilderung aufgeschmissen. Wundersam finden alle ihre Plätze und lassen die Diesel Black Gold-Mode vorüberziehen, die der gebürtige Norweger und Wahl-New Yorker Andreas Melbostad zeigt. Er macht, was er gut kann: Mode für Downtown-Mädchen und Rock-Chicks, also flatternde Kleidchen mit silbernen Nieten, die nicht nach Punkrock, sondern gypsy aussehen, Microshorts aus Leder und Denim in schwarz, verwaschenem weiß, pastellgrün und rosé.

Rodarte

Die Rodarte-Schau von Laura und Kate Mulleavy war oft ein Highlight, dank des kunstfertigen und freigeistigen Designs. Jetzt scheinen die beiden Inspiration in den bad girls von East Los Angeles gefunden zu haben, in ultraknappen Shorts, karierten Seidenblusen und Tiermustern aller Couleur. Zebra, Tiger- und Leopardenmuster mischen sie mit schwarzem Leder und lautem Goldschmuck. Falls die Maxime „Hauptsache wild“ war, ist die Kollektion kreativ leider zahm geraten.

Tory Burch

Bei Tory Burch liefen die Models über Wasser – leuchtend blaues Wasser, um genau zu sein. Die Designerin selbst fühlte sich von dem Film „Der Swimmingpool“ mit Romy Schneider und Alain Delon inspiriert und zeigte eine Kollektion leichter 60er Jahre Kleider und Caprihosen aus Leinen in weiß, kobaltblau und grün. Die vielen Häkelarbeiten verstärkten den 60ies Appeal der Kollektion so, dass man neben dem „Swimmingpool“ auch an „Der Partyschreck“ mit Peter Sellers aus dem Jahr 1968 denken konnte.

Marc by Marc Jacobs

Jungs und Mädchen in den gleichen Klamotten, das passt zum aktuellen Unisex-Trend. Dass die Anzüge und Hosen an Modelmädchen wie -jungs gut saßen, war kein Trick des Styling-Teams sondern Absicht. Und obwohl Satin ein eher feminin assoziierter Stoff ist, passte er auch gut zu den Herren, egal ob nadelgestreift, taubenblau oder einfach schwarz. Ein Detail, das auf das Konto der Stylisten geht, sind die eng um den Hals geschnürten Seidentücher der Mädchen. Diese Variante dürfte man in den kommenden Wochen öfter sehen.

Proenza Schouler

Dass die Arte Povera für Proenza Schouler Pate stand, ist erst dann absurd, wenn man bedenkt, wie teuer ihre Mode ist. Sonst passen die unverstellten Illustrationen von Bäumen und Ästen gut. Lazaro Hernandez und Jack McCollough setzen fast durchweg auf knöchellange Ensembles in Wildleder, Seidenkrepp sowie Leinen und orientieren ihr Design am amerikanischen Möbeldesign der Westküste. Das erklärt die abgeklärte Farbpalette aus schwarz, sandfarben, ecru und terrakotta und auch die chromglänzenden Silberschließen, die einige Kleider zusammenhalten.

http://www.zeit.de/lebensart/mode/2013-09/fs-fashion-week-new-york-2-2



printmailFacebook Twitter0 Google+
10.09.2013
Zeit Online
New York Fashion Week - Teil 1
Die New Yorker Fashion Week ist ein großes Spektakel. Der Designer Alexander Wang stanzte auf beinahe jeden Entwurf seinen Namen, auf dass Wang bald so klangvoll wie Prada werde. Bei der Schau von Opening Ceremony (einst eine Boutique, heute eine Designermarke) wurden zur Belustigung der über 1.000 Gäste die Models in Luxuskarossen vorgefahren. Die Autos weckten bei so manch anwesendem Popstar sicher mehr Begehrlichkeiten als die Kleider. Ganz auf die Mode konzentrierte sich dagegen Victoria Beckham. Das Showbiz hat die eben einfach schon hinter sich.

Humberto Leon und Carol Lim, die Gründer des New Yorker Modeladens und Modelabels Opening Ceremony erweckten zuletzt das französische Haus Kenzo zu neuem Leben. Jetzt lassen sie den Superpier am Hudson River Park beben. Vor der Mode hatte ein Kollektion von Luxus-Sportwagen den großen Auftritt, dabei hätten die Kleider an den Models darin auch für sich gesprochen. Koreanische Trachtenjacken aus Funktionsstoffen, kastige Neopren-Shirts in Übergrößen, fließende Seidenröcke in traditionellen koreanischen Mustern. Anschnallgurte hätte dieser wohlkalkulierte Mix nicht gebraucht.

Victoria Beckham hat sich ihren guten Ruf als Designerin mit perfekten Kleidern erarbeitet. Zum Abschluss ihrer Schau trug sie Hosen, schwarz, knapp überknielang, geradlinig geschnitten und kombiniert mit einem strahlend weißen Hemd. "Hosen sind im Design viel anspruchsvoller", sagt Beckham, "ich musste ein bisschen üben, bis ich sie richtig hinbekommen habe." Das Ergebnis ihrer Anstrengung ist eine Kollektion, die lässiger wirkt als je zuvor. War sonst der Körper fest umschlossen, lassen die schwarz-weiß Kombinationen aus langen Blazern und Tops und die Cocktailkleider mit Plissée jetzt ein bisschen mehr Luft. Mode, in der man auch atmen kann, steht Victoria Beckham ausgesprochen gut.

Dass Alexander Wang das Design von Balenciaga in Paris mit respektablem Erfolg übernommen hat, hat seinem Selbstbewusstsein einen Schub gegeben. Zum wummernden Bass von Kanye West zeigt er Kleider, auf denen immer und immer wieder Alexander Wang steht: in Großbuchstaben, als Laser-Cut-out, als Nietenapplikation und eingewebt in die Fasern der Schürzenkleider. Als der Slogan "Parental Advisory Explicit Lyrics" auf einem Sweatshirt auftaucht, macht Wang die Anspielung an die logo-versessenen neunziger Jahre klar. Ein großsprecherische Kollektion mit einem Augenzwinkern.

Die New York Fashion Week steht für Tragbarkeit, hier steht die Vermarktbarkeit oft über der kreativen Vision. Derek Lam setzte das mit seiner neuen Kollektion meisterhaft um, obwohl er mit schwierigen Elementen spielte: Midilängen für fast alle Röcke, Hosen und Kleider, breite Taillengürtel, überdimensionale Karomuster und Fransentücher. Bis auf die Schuhe alles gut geglückt.

Die in den USA etablierte, aber in Europa eher unbekannte Designerin Rachel Comey suchte die Ruhe. Abseits von Manhattan zeigte sie ihre Mode in einer ehemaligen Fabrik in Red Hook, Brooklyn. Der Aufbau dort war so eigenwillig wie die Mode der Designerin: Die Gäste saßen beim Dinner, während die Models um sie herum flanierten. Die Kollektion machte zerrissene Jeans wieder interessant und schlichte Kleider aus Baumwollspitze abendtauglich. In der Ruhe liegt eben doch die Kraft.

Für Scott Sternberg, den Designer hinter der Marke Band of Outsiders, ist L.A. das Zentrum seiner Arbeit. Folglich dreht sich seine Kollektion immer um ein Mädchen von der Westküste, das genauso im kommenden Sommer gern in die Berge wandern geht und die Vorstellung von Klassikern des Film Noir liebt. Mit ein bisschen gutem Willen passte dann auch alles zu diesen beiden Themen: Die Parkas und die Hiking-Sandalen von Manolo Blahnik passen in die Natur und die asymmetrischen Hemdkleider zu Robert Altmans Film-Noir-Satire "Der lange Abschied".
Bei Joseph Altuzarra steht Schlange, wer ein Kleid für den roten Teppich braucht. Bolerojacken, Seidenblusen und hochgeschlitzte Röcke, wie sie Altuzarra für das kommende Frühjahr entworfen hat, sind dafür nicht die schlechteste Wahl. Ganz einfach zu tragen sind die umgekrempelten Säume, flatternden Zugbänder und hüfthohen Schlitze aber nicht. Schlanke Figur und aufrechter Gang sind unbedingt zu empfehlen.

Die First Lady Michelle Obama kauft ebenso bei Prabal Gurung ein wie Lady Gaga. Seine neue Kollektion passt sich den Gegensätzen an. Neben den klassischen Glamour bonbonfarbener Satinroben und von Sanduhr-Kostümen stellt Gurung expressive Muster und Tops mit Trägern aus transparentem PVC und kalten Metallschließen. Zumindest eine Lady wird deren Fetisch-Touch lieben.
printmailFacebook Twitter0 Google+
03.09.2013
Zeit Online – Versteckte Klassiker
Moderne Schlachtfelder
Über den modischen Appeal eines Tarnmusters kann man streiten. Aus der Mode wegzudenken ist Camouflage nicht mehr, seit Mitte der achtziger Jahre Andy Warhol die braun-grün-beigen Flecken in leuchtend bunten Farben nachmalte und damit aus ihrem militärischen Kontext riss.
Heute gibt es neben jedem erdenklichen Kleidungsstück auch Bettwäsche und Klopapier mit Tarnmuster. Jede mittelgroße Stadt hat mindestens einen Armee-Shop, in dem sich nicht Soldaten einkleiden, sondern gewöhnliche Zivilisten Combat-Hosen anprobieren. Sie wundern sich nicht über das gleichzeitige Angebot von T-Shirts mit Friedenstauben oder Che Guevara-Konterfei.
Seit die Mode die Tarnfarben in ihre Farbpalette aufgenommen hat, gilt die alte Zuschreibung nicht mehr. Wer sie trägt, ist nicht zwingend Pro-Bundeswehr, Pro-Waffeneinsatz oder Ähnliches. Ihm gefällt vielleicht einfach das Muster.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das noch anders. Nur Soldaten trugen damals Camouflage, und zwar nicht nur, um beim Einsatz im Gelände nicht entdeckt und getötet zu werden, sondern auch, um selbst als unsichtbare Angreifer besser töten zu können.
Die Idee für die Tarnkleidung hatten die Franzosen, deren Soldaten bis zum Ersten Weltkrieg in Uniformen mit blauen Jacken, goldenen Knöpfen und knallroten Hosen in den Kampf zogen. Das war elegant, aber nicht hilfreich, denn die leuchtend roten Hosen waren im Krieg regelrechte Zielscheiben.
Um herauszufinden, wie sich Soldaten an den Kriegsschauplätzen besser tarnen konnten, beauftragten die Franzosen Künstler. Die sogenannten Camoufleurs begleiteten die Soldaten an die Front und entwarfen Muster, die das jeweilige Gelände imitierten. Mit den organischen Formen und der Art, wie sie Farben einsetzten, nahmen Künstler wie Grant Wood und Jacques Villon alle zeitgenössischen Kunstrichtungen auf: Den Post-Impressionismus, den Kubismus und den Pointillismus.
100 Jahre später wirken ihre ersten Camouflage-Muster fast antiquiert – zumindest wenn es um das wirksame Mimikry während eines Kriegseinsatzes geht. Die US-Armee denkt derzeit wieder einmal über den Einsatz eines neueren Tarnmusters nach und lässt sich Entwürfe von fünf Firmen präsentieren. In die engere Auswahl hat sie die kanadische Firma Kryptek gezogen, die auf 3D setzt und unter dem Namen "Yeti", "Raid" und "Highlander" Tarnmuster für unterschiedliche Geländetypen bietet.
Bilder zeigen, dass die Muster, die aussehen, als hätte man weichgezeichnete Landschaftsaufsichten mit scharfkantigen Vektorgrafiken kombiniert, Soldaten wirklich fast unsichtbar machen. Im Infotext der Firma Kryptek heißt es, die Muster seien gemacht, um "den Elitesoldaten (…) besser zu tarnen, seine Überlebenschance und (…) seine Tödlichkeit zu erhöhen."
Dennoch ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch die Mode die neuen 3-D-Muster adaptiert. So hat der New Yorker Designer Patrik Ervell, der Männermode macht, für diesen Herbst einen Parka entworfen, dessen Tarnmuster naturalistischer nicht sein könnte: Er ist mit fotorealistischen Ranken und Blättern überzogen. Und Alexander Wang arbeitet statt mit Farben mit Laser-cut-outs und lässt das Tarnmuster dreidimensional erscheinen.

http://www.zeit.de/lebensart/mode/2013-09/mode-camouflage-tarnkleidung

printmailFacebook Twitter0 Google+
26.08.2013
Zeit Online
Versteckte Klassiker – Satin
In den vergangenen Dekaden haftete Satin etwas, nun ja, Halbseidenes an. Der fast spiegelnd glänzende Stoff stand für Unterwäsche-Wühltische, aufgerüschte Abiballkleider und das glänzende Bettzeug, das 1980 den nackten Richard Gere in American Gigolo umwickelte.
Doch nun hat ausgerechnet die Celine-Designerin Phoebe Philo, die stets für ihre Modernität gepriesen wird, ihre halbe Sommerkollektion mit Satin bestritten. Satin-Hosen mit geradem, weitem Bein in cremeweiß und schwarz, ärmellose Satin-Tops mit asymmetrischem Schnitt und Wickel-Detail, leicht ausgestellte Satin-Röcke in der neuen Midi-Länge: alle Stücke sind so einfach geschnitten, dass das Augenmerk komplett auf dem nass-glänzenden Material ruht. Noch unmissverständlicher könnte Philo es nicht sagen. Satin ist die Wiederentdeckung dieses Sommers.
Seidensatin gibt es seit dem Mittelalter. Ursprünglich wurde der Stoff vom Adel bevorzugt und war ihm wegen seines hohen Preises auch vorbehalten. Zum Stoff für die Massen wurde Satin erst in den 1950er Jahren, als er auch mithilfe des deutlich günstigeren synthetischen Polyesters hergestellt werden konnte. Satinwäsche und Ballkleidchen konnte sich nun jede Frau leisten – das war zwar demokratischer, förderte aber nicht eben das Ansehen des Stoffs.
Es ist also kein Wunder, dass der Weg des Satin zurück ins Rampenlicht auf Umwegen verlief. Vor zwei Jahren machten erfolgreiche Rapper wie Chris Brown und Pharrell Williams satinglänzende Baseballjacken populär. Dann griffen große Marken wie Louis Vuitton und Balenciaga die Jacken auf und versahen sie mit auffälligen Mustern. Damit etablierten sie Satin, den Stoff, der bisher mit Weiblichkeit assoziiert war, im Bereich der traditionellen Männermode. Erst dieser Schwenk machte das Revival in der Damenmode möglich.

Trenchcoat mit Satinkragen

Wie es aussieht, ist Satin von nun an für beide Geschlechter salonfähig. In der Männerkollektion des britischen Hauses Burberry Prorsum tragen die Herren satinierte Hosen in Hot Pink und hochglänzende Hemden in Türkis. Selbst den klassischen Trenchcoat hat der Designer Christopher Bailey mit einem gesteiften Satinkragen in babyblau-metallic versehen.
Der Belgier Raf Simons, der für Dior schneidert, nutzt Duchesse-Satin für seine Interpretation des Erbes von Christian Dior. Für die jüngste Haute-Couture-Kollektion hat er einen knöchellangen Rock aus metallisch schimmerndem Satin entworfen, der mit großen abstrahierten Blüten bedruckt ist. In Kombination mit einem eng anliegenden langärmeligen Top aus schwarzem Kaschmir und spitzen giftgrün glänzenden Pumps entsteht das messerscharfe Design, für das Simons bekannt ist.
Auch Mary-Kate und Ashley Olsen, die mit ihrem Label The Row immer mehr als ernst zu nehmende Designerinnen und immer weniger als durchschnittliche Schauspielerinnen wahrgenommen werden, geben sich dezenter. In ihrer Sommerkollektion – die wie immer dem Ideal einer eleganten und modernen Frau gilt – dominieren die Farben Nachtblau und Schwarz. Zu den schönsten Entwürfen zählen ein weich-fließendes Kleid mit Pompon-Details und ein in der Taille gebundener Hosenanzug.
Unnötig zu betonen, dass ihr Satin nicht aus synthetischen Fasern gewebt wurde, sondern aus echter Seide.

http://www.zeit.de/lebensart/mode/2013-08/mode-trend-satin/komplettansicht
printmailFacebook Twitter0 Google+
22.05.2013
Achtung
Interview mit Dirk Schönberger
Lange Jahre hat der Rheinländer seine eigene Kollektion für Männermode in Paris präsentiert, ging dann für kurze Zeit zu Wolfgang Joop, dessen Label Joop! ins Stolpern geraten war und verpflichtete sich schließlich als Creative Director der „Sport Style Division“ bei Adidas – sprich, er schaut selbst Yohji Yamamoto bei seiner Arbeit für Y-3 auf die Finger. Nach knapp drei Jahren in Herzogenaurach ist es Zeit für eine Bilanz. Verdirbt Corporate Business bei einem internationalen Unternehmen von der Größe den Charakter und ruiniert die Kreativität? Oder lassen sich unter den Fittichen einer großen Marke Visionen umsetzen, die im Alleingang nicht realisierbar sind? Frisch aus dem Flieger, ein wenig unrasiert, aber in tadellos polierten schwarzen Lederschuhen und einem grauen Anzug, der auch bei der imposanten Fast-Zwei-Meter-Größe des Designers noch smart aussieht, gibt Dirk Schönberger Auskunft.

DS: Ich bin vor allen Dingen erstaunt, wie gut es mir auf dem Land gefällt. Ich lebe außerhalb, nicht in Nürnberg oder Fürth wie viele andere, die bei Adidas arbeiten. Besonders im Winter habe ich es genossen, abends aus dem Auto auszusteigen, in das Dunkel, die Stille und den Geruch von Holzfeuer.

Achtung: Ist die Arbeit auch so genussvoll, oder fehlt Dir die Freiheit, Dein eigener Herr zu sein?

DS: Es kann von Außen so aussehen, als hätte man Handschellen an, aber das ist nicht so. Bevor ich bei Adidas anfing, kam ich für eine Stippvisite vorbei und fand es gleichzeitig fremd und spannend. Die Marke, die man lange Zeit nur für ihre drei Streifen kannte hat sich weiterentwickelt und mit Y-3 modisch orientiert und mit Originals die Streetwear wie wir sie heute kennen mit geprägt. Nach innen ist das eine junge, dynamische Firma –
ich bin in Meetings oft der Älteste im Raum, das finde ich super – es hält mich auf den Zehenspitzen. Mich fasziniert auch eine Marke wie NEO mit der wir die Produktionszyklen verkürzen und schneller reagieren können.

Achtung: Du bist Designer – klar bist Du begeistert, wenn Du die Möglichkeit siehst, Deine Entwürfe schneller zum Kunden zu bringen. Ich sehe in fast fashion einen Beschleuniger bei dem die Kreativität leidet – ganz zu schweigen von den sozialen und ökologischen Auswirkungen.

DS: Für mich ist es interessant, Teil einer Firma zu sein, die sich weiterentwickelt. Ich trage Verantwortung für viele verschiedene Teams – das heißt zwei Stunden Neo, zwei Stunden Originals, zwei Stunden SLVR. Da muss ich aus meiner Komfort-Zone heraus und genau das mag ich. Jetzt machen wir Jeans für Originals – mir gefällt die Entscheidung, denn das ist genau das wonach die Konsumenten fragen. Ich bin voller Energie, weil die Firma so beweglich ist. Wenn mir langweilig würde, müsste ich einen Nebenkriegsschauplatz finden. So bin ich abends schön müde.

Achtung: Trägt eine der vielen Kollektionen Deine Handschrift deutlicher als andere?

DS: Am stärksten geprägt habe ich SLVR, da habe ich lange alles selber entworfen. Am wenigsten sichtbar bin ich in der Y-3 Kollektion, die von Yohji Yamamoto und seinem Team gemacht wird. Bei Originals ist meine Arbeit eher konzeptionell, denn ich bin selbst kein Originals-Kunde. Aber natürlich sehe ich, wie sich der Kunde bewegt – momentan weg von einem sportiven und hin zu einem maßgeschneiderten Look. Also James Blake und The XX statt Kirmes-Techno, um es mal mit dem Musikgeschmack der Kunden zu erklären.

Achtung: Du klingst richtig begeistert.

DS: Für mich ist Adidas wie ein Spielzeugladen. Es gibt so viele Möglichkeiten, so viele bunte Sachen, die man anfassen muss.

Achtung: Und Du darfst Dir Freunde in das Spieleparadies einladen. Es gibt die Kooperation mit Raf Simons, der einen High Tech Laufschuh für Adidas entworfen hat. Und aktuell eine Zusammenarbeit mit dem Industriedesigner Tom Dixon. Mit dem hast Du gleich eine ganze Kollektion entwickelt.

DS: Ja, Raf kannte ich aus Antwerpen und ich wollte gern mit ihm arbeiten, denn ich schätze seinen Blick auf Jugendkultur und seine modern Vision. Er hat einen Schuh gestaltet, der modisch aussieht, aber eine Performance-Schuh ist. Und es bleibt nicht bei einem Schuh. Tom Dixon ist auf uns zugekommen..

Achtung: ..weil er von einer anderen Sneaker-Kollaboration enttäuscht war, bei der er nur die Farbe der Schuhe bestimmen konnte...

DS: .. und ich mag seine Arbeit. Mit einem Industrie-Designer ist natürlich der Ausgangspunkt ein ganz andere. Was konnten wir machen? Accessoires? Aus dem Prozess hat sich das Set entwickelt, mit dem man eine Woche lang unterwegs sein kann: Es ist alles drin, für jeden Anlass. Schuhe, Kleidung und die Tasche, in der man sein Gepäck trägt.

Achtung: Wenn Du von Adidas redest, sagst Du ganz selbstverständlich „wir“. Gehst Du ganz auf in der corporate-Kultur?

DS: Es geht nur ganz oder gar nicht. Und ich glaube ich habe einen guten Realitätssinn. Bei meinem eigenen Label war ich in alles involviert, ich war, gemeinsam mit meinem Partner, für alles verantwortlich – das Design, aber eben auch das Geschäft. Darum muss ich mir jetzt keine Gedanken machen – und das lässt mich die Limitierungen, die es natürlich auch gibt, in Kauf nehmen. Außerdem habe ich mittlerweile genug Erfahrung und bin in einem Alter, in dem ich die stoische Ruhe habe, den Felsbrocken immer weiter den Berg hinaufzuschieben.

Achtung: Hast Du manchmal trotzdem den Impuls, Dein eigenes Ding machen zu wollen?

DS: Ja. In den letzten Wochen hatte ich eine Idee und dann nervt das corporate business manchmal schon. Ich glaube, wer einmal sein eigenes Ding gemacht hat, aus dem bekommt man die Idee, das irgendwann wieder zu tun auch nicht heraus. Aber ein Schauplatz reicht. Das Gute bei Adidas ist auch, dass immer dann, wenn ich nach einer Runde langer Meetings denke „Noch ein Turnschuh und ich raste aus“, irgendein Designer von einem anderen Label kommt und mir etwas Neues zeigt. Zuletzt war das der „Boost“-Schuh (ein extrem gut gefederter neuer Laufschuh, Anmerkung d. Red.). Da dachte ich gleich wieder: Juhuu! Und war voller Energie.

printmailFacebook Twitter0 Google+
18.05.2013
Süddeutsche Zeitung
Die Urmutter der Jeans
In der Levi’s-Zentrale in San Francisco zitiert man gern den Modeschöpfer Yves Saint Laurent: „Ich wünschte, ich hätte die Blue Jeans erfunden. . . “ Schließlich gilt Levi Strauss bis heute als ihr Erfinder und die Levis 501 als Urmutter der Jeans. Lange Zeit war sie die eine Jeans, auf die sich modebewusste Menschen weltweit einigen konnten.

Die Bilder raubeiniger Cowboys in Nietenhosen haben sich ins kollektive Bewusstsein gebrannt, auch das von Marlon Brando in dem Film „The Wild One“ oder die süße Marilyn Monroe, die im Film „The Misfits“, die Levis 501 zu Zöpfen und Cowboyboots trug. Nur sind diese Bilder mindestens fünfzig Jahre alt. Die Hose selbst feiert am 20. Mai diesen Jahres ein etwas schiefes Jubiläum, ihren 140. Geburtstag nämlich. Und je älter die Levis wird, desto weniger eindeutig wird das Bild, das man von ihr hat.

Dass heute Sarah Jessica Parker, Brad Pitt und Präsident Obama ab und an in eine 501 schlüpfen – wie die Presseagentur in einem ihrer Jubiläums-Infos mitteilt – hat wenig Strahlkraft. Obwohl sie sich durch ihre mit Nieten versehenen Taschen von anderen Denim-Hosen unterscheiden sollte, ist die 501 ist heute eine Jeans unter vielen, ihr Image ist nicht länger unverwechselbar.


Dazu passt, dass zum Jubiläum nicht etwa eine Edition der klassisch blauen Jeans im 501-Schnitt auf den Markt kommt, sondern eine 501, die weder indigo-blau ist noch aus Jeansstoff. Stattdessen gibt es die Geburtstags-501 aus „non-Denim“, genauer gesagt aus Baumwoll-Twill, einem Stoff, der von beiden Seiten gleich aussieht. Wahlweise in „knalligem Mineral Red“, einem Beige namens „True Chino“, oder in verwaschenen Blautönen, die „Chalk Blue“ und „Aquarius“ heißen. Mit anderen Worten: Die Jeans ist gar keine Jeans mehr.

Selbst firmenintern sorgte diese Entscheidung für Unruhe. Die Historikerin Lynn Downey, die in den vergangenen 24 Jahren ein umfangreiches Archiv für Levi´s aufgebaut hat, kennt die Evolution der 501 wie keine andere. Sie sagt: „Non-Denim? Ich dachte, mein Herz bleibt stehen.“ Dann aber erklärt sie eilig, dass es ganz im Sinn der Firmenphilosophie sei, öfter mal etwas Neues auszuprobieren.

Mattheo Fontanell ist Chef-Einkäufer für Männermode im Onlinekaufhaus Luisaviaroma. Er kennt alle Trends und Marken und hat darüberhinaus einen genauen Überblick über ihren wirtschaftlichen Erfolg. Seine Erklärung ist pragmatischer: „Ich denke, es geht nicht darum, ein neues Image der 501 zu kommunizieren. Das ist eher eine kommerzielle Strategie. Der Denim-Markt leidet überproportional unter der schlechten wirtschaftlichen Lage, gleichzeitig ist die Nachfrage nach einem anderen amerikanischen Klassiker gestiegen – der Chinohose aus Baumwoll-Twill.“

Christophe Winnock, der für das Design und Merchandising der Levi’s-Herrenjeans in Europa verantwortlich ist, bestätigt das: „Wir passen die 501 kontinuierlich den Bedürfnissen der Kunden an. Jede Generation bekommt die 501, die sie verdient.“ Richtig ist, dass jede Generation von Konsumenten an der 501 etwas zu meckern hatte. So passte den Cowboys der ersten Generation die Niete im Schritt nicht – angeblich wurde sie heiß, wenn man am Lagerfeuer saß. Levi´s reagierte, die Niete verschwand. Ein wenig später störten sich die Kunden an den Nieten der Gesäßtaschen, die angeblich den Reitsattel und die Sitzmöbel verkratzten. Wieder reagierte Levi´s prompt und überzog die Nieten mit Stoff.

Auch die Passform der Hose unterwarf sich im Laufe der Jahre dem Zeitgeist , mal war sie ein wenig weiter, mal ein wenig niedriger im Bund. Dann, nach dem Revival der Levis 501 in den 80er und 90er Jahren, expandierte das Unternehmen und entwickelte eine Fülle von Passformen: die 512 mit ausgestelltem Bein, die 639 als Röhre, die 525 mit Stretchanteil, die 626 als Karottenjeans . . . und so weiter und sofort. Zusätzlich gab es verschiedene Untermarken, um die unterschiedlichen Geschmäcker der Konsumenten besser zu bedienen.

In Nordamerika bot Levi´s seit 1969 neben der „Red Tab“, der Jeans mit dem roten Fähnchen an der Gesäßtasche, auch noch die „Orange Tab“ mit einem orangefarbenen Fähnchen an. Und ab der Jahrtausendwende zusätzlich die „Silver Tab“. Diese Linien unterschieden sich hauptsächlich in der Festigkeit des Denim-Stoffs und in den Nähten, die „Silver Tab“ zielte auf jüngere Käufer.

Viel entscheidender als Schildchen und Passform war allerdings schon früh das, was man mit der Hose verband. Schon in den 50er Jahren trennte sich das Image der Jeans grundlegend von ihrem Nutzen als Arbeiterkleidung. Jeans waren zum Symbol für Rebellion geworden. Ende der 70er Jahre kam plötzlich eine ganze andere Facette zum Tragen, die Jeans taugte nun auch als Luxusobjekt. Die amerikanische Firma Jordache investierte in eine aufwendige Imagekampagne und brachte die erste Designerjeans auf den Markt; es folgten Calvin Klein, Armani, Helmut Lang und Closed. Und plötzlich räkelten und streckten sich Topmodels wie Brooke Shields in Jeans vor der Kamera.

Levi´s reagierte zunächst zögerlich auf die Veränderungen auf dem Denim-Markt, dann auf ganzer Linie. Und spätestens zu Beginn der 90er Jahre wurde es dann unübersichtlich. In Europa entwickelte Levi´s die Linie „Engineered“, die ergonomisch geschnitten sein sollte und sich durch eine ungewöhnliche Nahtführung auszeichnete. Parallel dazu entstand auch die Linie „Vintage“, die Klassiker neu auflegte, sowie die Linie „Made & Crafted“ mit Klassikern aus hochwertigen Materialien. Nebenher liefen in Nordamerika Linien, die den Massengeschmack treffen sollten, „Signature“ oder auch „Denizen“, die nur über die Supermarktkette Target vertrieben wurde.

Ab dem Herbst 2013 wird es die „Revel“ geben, eine Jeans, die mithilfe einer „liquid shaping“- Technologie die Körperkontur der Frau haargenau nachzeichnet. In alle der Zeit noch immer dabei: die Levi´s 501. Zwar blieb sie, wie Mattheo Fontanelli von Luisaviaroma sagt, ihrer DNA immer treu – geschwungene Ziernaht auf den Gesäßtaschen, rotes Schildchen, Etikett mit zwei Pferden, die an einer Jeanshose ziehen und sie auf ihre Belastbarkeit prüfen – aber ganz so ikonisch und unverwechselbar ist die Jeans nun eben nicht mehr.

Lynn Downey hat Recht, wenn sie sagt, dass heute der Konsument die Mode diktiert. Aber bei dem gut gemeinten Versuch, es allen recht zu machen und gleichzeitig unverwechselbar zu bleiben, ist das ehemals scharfe Markenimage von Levis und der 501 auf der Strecke geblieben. Zwar denken viele noch „Levis“, wenn sie das Wort „Jeans“ hören, aber die individuellen Ansprüche an eine Jeans befriedigen die meisten anderswo. Billige Jeans für Jedermann gibt es überall, von Kik über H&M bis zu Zara. Außerordentlich modische Jeans, die den Zeitgeist reflektieren, ebenso. Luxuriöse Jeans aus hochwertigen Materialien findet man bei J.Brand, Frame Denim oder Acne, die aus der Ära der Designerjeans hervorgegangen sind.

Vielleicht wäre es eine gute Strategie für die 501, sich einfach auf ihre Grundwerte zu besinnen: „Schutz zu bieten und Geld zu sparen“, wie Lynn Downey sagt. Ihr liebstes Exponat aus dem Levis-Archiv ist eine Hose, die weit über hundert Jahre alt ist. Eingeschickt wurde sie als Reklamation. Der Kunde beanstandete, dass die Hose nun kaputt sei, nachdem er sie gerade mal drei Jahre lang getragen hatte, an jedem Tag, außer Sonntag. Dass jemand ein Kleidungsstück so oft und lang trägt, ist heute kaum denkbar. Dabei ist die Sehnsucht nach Dingen, die durch den eigenen Gebrauch personalisiert, werden groß, wie man am Erfolg der Levi´s Vintage-Kollektionen und dem Erfolg von Vintage-Mode ablesen kann. Und als Gegenbewegung zur Wegwerfkultur hat sich die Sehnsucht nach langlebigen, unverwüstlichen Dingen entwickelt, wie man an Firmen wie Manufactum sehen kann, oder auch am Wiedererstarken der Maßschneiderei.

Bietet Levi´s eigentlich einen Reparaturservice für seine Levis 501 an? Oder gibt es eine Produktgarantie über mehrere Jahre? Lynn Downey und Christophe Winnock schauen verwundert und bekräftigen sich dann gegenseitig in der Überzeugung, dass „das in den Flagship-Stores in London und Berlin sicherlich möglich ist“. Und tatsächlich, am Berliner Kudamm sitzt an manchen Tagen eine fleißige Schneiderin gleich im Schaufenster. Meistens kürzt sie Hosen, aber sie kann auch Flicken aufnähen und andere kleine Reparaturen übernehmen.

Breit aufgestellt sein, lautet die Losung unserer Tage. Aber vielleicht stimmt das nicht immer, oder auch immer weniger, je mehr das Angebot steigt. Vielleicht sollte Levi´s den Weg der Nachhaltigkeit entschiedener beschreiten. Das Thema hat man jedenfalls endlich entdeckt. Seit 2010 gibt es die 501 „Water‹Less“, die in der Produktion knapp dreißig Prozent weniger Wasser verwendet als konventionelle Jeans. Und jetzt gibt es mit der „Levi´s 501 Waste‹less“-Jeans eine limitierte Auflage von 501-Jeans, die statt aus reiner Baumwolle zu 29 % aus recyceltem Plastik bestehen. Genauer gesagt rund acht PET Flaschen. Es ist wohl doch so: Jede Generation bekommt die Levi´s 501, die sie verdient.
printmailFacebook Twitter0 Google+
14.05.2013
Zeit Online
Friede den Hüten
Aus den Siebzigern ins Hier und Jetzt: Der Schlapphut zeigt wie kein anderes Accessoire die Laune seines Trägers. Eine neue Folge unserer Modeserie "Versteckte Klassiker"
Mit einem Tusch hat Marc Jacobs den Schlapphut im letzten Winter zurück auf die Bühne geholt. Die Hüte, entworfen von dem britischen Hutmacher Stephen Jones, waren kein Accessoire unter vielen, sondern überdimensionale, monströse Objekte aus plüschigem Samt, Fell und Federn. Sie beanspruchten alle Aufmerksamkeit für sich. Ihre Krempen wippten und wogten im Takt der Schritte der Models; fast schien es, als hätten sie ein Eigenleben. Ins echte Leben schafften es nur wenige, sie waren wohl eher show pieces. Ein Gedenken an die Modejournalistin Anna Piaggi, eine Exzentrikerin, die ohne Hut das Haus nicht verließ, und die Marc Jacobs sehr schätzte.

Die Schlapphüte der aktuellen Sommerkollektion, egal ob bei Saint Laurent, Rachel Zoe oder Temperly London, werden es einfacher haben. Sie sind schlicht und tragbar.

Alle erinnern an den ursprünglichen Schlapphut, den es bereits seit der Renaissance gibt und der als Kopfbedeckung der Bauern galt: eine Kopfbedeckung aus weichem Filz, mit breiter Krempe und rundem Kopf.

Ein Hut wirkt geheimnisvoll

Bei Hedi Slimane, dem nach Kalifornien ausgewanderten Designer des französischen Modehauses Saint Laurent, erinnern sie an den glamourösen Hippie-Chic der siebziger Jahre. Es gibt Fotos von Uschi Obermaier, auf denen sie einen sehr ähnlichen Schlapphut trägt: aus schwarzem Filz, weit in die Stirn gezogen. Slimanes Version ist jedoch nicht blumig und farbenfroh, sondern düster, ein bisschen streng und männlich, als würden die Trägerinnen den ganzen Tag psychedelischen Rock hören. Unter der breiten Hutkrempe sind ihre Augen kaum zu sehen. Sind sie gelangweilt? Abwesend? In jedem Fall geheimnisvoll.

Die Schlapphüte von Rachel Zoe sind da harmloser. Sie passen gut in den Fundus der ehemaligen Stylistin, die das geschickte Arrangement von schon Dagewesenem zu ihrem Markenzeichen gemacht hat. Ihre fast klassischen Stroh-Schlapphüte sind formschöne Schattenspender für den nächsten Strandbesuch.

Ursprünglich war der Schlapphut ein Accessoire, mit dem man ganz bewusst Auskunft über die eigene Befindlichkeit geben konnte. Er wurde auch Respondent genannt – abgleitet vom lateinischen respondere, denn er gab Auskunft über die Laune seines Trägers. Ursprünglich war er mit einer langen Fasanenfeder verziert – je nach Stimmung steckte man diese aufrecht oder quer unter das Hutband. Auch mit der Stellung der Krempe zeigte man seine Befindlichkeit. Weit ins Gesicht gezogen bedeutete, dass man seine Ruhe wollte, nach oben geschlagen signalisierte Offenheit.

Heute ziehen die Schlapphüte alle Register: Bei Saint Laurent sind die Gesichter verschattet – die Laune also eher schlecht. Bei Rachel Zoe weisen die Krempen gen Himmel – die Sonne lacht. Und bei Temperly London hängen sie ein wenig unentschieden auf halber Höhe.

In Zeiten, in denen die Sonne nicht nur Freude, sondern auch ein Krebsrisiko bedeutet, ist der Schlapphut ein eleganter und einfacher Schutz. Und er erweitert die Palette modischer Ausdrucksformen. Wer einen Schlapphut hat, braucht keine Emoticons. Ein leichtes Zupfen an der Hutkrempe genügt.

Quelle: ZEIT ONLINE
Adresse: http://www.zeit.de/lebensart/mode/2013-05/versteckte-klassiker-schlapphut/komplettansicht

printmailFacebook Twitter0 Google+
12.05.2013
Süddeutsche Zeitung
"Verschwendet das Leben nicht am Computer!"
Eine Knochensäge singt. Kundig zerteilen zwei Köche große Tierhälften. Im Berliner Restaurant The Grand ist der kleine Speisesaal nur durch eine Glasscheibe von der Küche getrennt. Yohji Yamamoto rührt das Treiben nicht – ganz in schwarz gekleidet sitzt er selbstversunken an einem Tisch, die langen, grau melierten Haare verdecken sein Gesicht. Er trinkt einen Kaffee. Schwarz natürlich.

Herr Yamamoto, lassen Sie uns über Geschwindigkeit reden. Sie haben die Beschleunigung von Kultur und Mode immer kritisiert. Wegwerfmode – oder fast fashion – finden Sie „scheiße“.

Die Leute sind faul geworden, weil es Computer gibt. Sie verlieren ihre Träume. Wer sich an seinen Computer setzt, denkt, dass er mit ihm alles hat, in ihm alles findet, was er sucht. Das versaut die Leute. Ihr Verlangen, ihre Sehnsucht, verschwindet.


Ihr eigenes Leben ist ruhelos. Sie zeigen allein vier Kollektionen im Jahr – zwei in Paris unter eigenem Namen, zwei in New York unter dem Namen Y-3, einer Marke, die von Adidas produziert wird. Dann gibt es noch ihre eigene Sportswear-Linie s´Yte. Dabei sagen Sie immer, man solle innehalten. Wie kommen Sie zur Ruhe?


Ich habe vieles ausprobiert. Ich habe angefangen, Musik zu produzieren, habe angefangen zu malen. Leider kann ich es nicht bei einem Hobby belassen – ich mache aus allem eine Berufung, einen Auftrag. Und dann stresse ich mich damit. Das ist wohl Teil meines Wesens, das ich nichts leichtfertig tun kann, sondern mich in alles vertiefe.

Unter anderem in Karate? Mit Anfang vierzig fingen Sie an, zu trainieren.


Durch die ganze Raucherei war ich damals spindeldürr und hatte auf den Flügen von Japan nach Europa das Gefühl, mich wundzusitzen. Hätte ich so weitergemacht, hätte ich nicht mehr nach Europa kommen können. Also fing ich mit Karate an. Ich hatte keine Lust, aber wenn ich zum Unterricht nicht erschien, kreuzte mein Lehrer bei mir zuhause auf. Er scheuchte mich sogar morgens aus dem Bett.

Mit 45 machten Sie dann ihren schwarzen Gürtel.

Es ging nicht anders.

Sie sind gegen Beschleunigung, aber mit Ihren vier Kollektionen pro Jahr erhalten Sie den fortwährenden Wechsel der Mode aufrecht. Hat Ihnen das jemals Magenschmerzen gemacht?


So ist eben das Schicksal der Mode. Ich bin kein Künstler, sondern ein Schneider und Handwerker.

Als Wim Wenders 1989 eine Dokumentation über Sie drehte, kaufte er sich in Vorbereitung auf den Film eine Jacke von Ihrem Label Yohji Yamamoto. Er sagte, er hätte in dieser Jacke nicht das Gefühl ein Kleidungsstück zu tragen, sondern er selbst zu sein.

Meine Mode ist so, als würden Sie jemand kennenlernen und sich mit ihm anfreunden. So eine charmante Begegnung kann fast fashion nicht bieten. Ein guter Freund kann fast fashion nicht sein.


Wim Wenders fand Ihre Arbeit aber durchaus paradox. Er sagte, Ihre Mode sei zugleich beständig und flüchtig. Weil sie jede Saison durch Ihre neusten Ideen ersetzt wird?

Meine Mode ist kein Konsumgut. Man kauft sie, um mit ihr zu leben.


Und was machen Sie mit Kunden, die Ihre Mode nicht verstehen?

Schon möglich, dass es Leute gibt, die einen meiner Läden betreten und nicht verstehen, worum es mir geht. Aber wenn sie ein Outfit von mir kaufen, verändert das ihr Leben. Meine Mode passt nicht zum Leben des durchschnittlichen Konsumenten. Sich ein Outfit auszusuchen bedeutet, sich für einen anderen Lebensstil zu entscheiden.

Wollen Sie damit sagen, dass Ihre Mode transformative Kraft hat?

Ja.


Sind Sie als Gestalter, als Schöpfer, in guter Gesellschaft? Wie ist es um die Ausdruckskraft der angewandten Künste bestellt?

Der Modernismus verseucht alles. Er nimmt den Dingen ihre Seele. Es wird immer von „gutem Design“ gesprochen. Was soll das sein? Ich hasse diesen Begriff. Ich glaube jede Schöpfung entsteht instinktiv, nicht mithilfe des Verstands. Schöpfung entsteht aus Instinkt und Handwerk. Vielleicht bin ich in dieser modernen Welt schon ein Fossil, aber ich glaube überzeugt an die Kunstfertigkeit der menschlichen Hände und an unsere Kultur. Ich habe Zweifel, dass junge Designer, die am Computer entwerfen, ihren Entwürfen Seele einhauchen können. Der Computer ist nur eine Maschine.

Ihren Studenten sagen Sie, sie sollen ihre Augen schließen und sich auf ihre Seele besinnen. Und dann?

Ich sage zu den jungen Leuten: Lebt Euer Leben! Verschwendet Eure Zeit nicht vor dem Computer. Trefft Freunde, liebt. Ihr werdet gehört werden, weil ihr liebt. Man muss sein Leben als echtes Leben leben. Man muss erfahren, dass das Leben sehr hart ist, sehr einsam und sehr aufregend, manchmal. Ohne diese Erfahrung kann man nicht schöpferisch tätig sein, ohne diese Erfahrungen verliert man seine Gefühle.

Wollten sie deswegen als junger Mann „Zeit“ entwerfen?

Ich arbeitete damals an einer neuen Kollektion und immer wenn ich Mode in Secondhand-Läden sah, kam sie mir sehr stark und verführerisch vor. Man sah ihr an, dass sie schon einiges erlebt hatte – sie war vom Regen verzogen und von der Sonne ausgeblichen. Diese Mode hatte einen eigenen Charakter entwickelt und ich wünschte mir, aus so gealtertem Material eine neue Kollektion zu machen. Aber mit der Vorbereitung für so ein Projekt hätte ich dann fünfzehn oder zwanzig Jahre früher beginnen müssen.

Schon lustig, dass die Leute heute genau das wollen: Mode, die bereits gealtert ist. Und statt sie selbst einzutragen kaufen sie künstlich ausgeblichene Jeans, absichtlich zerfranste Säume...

Sie kaufen sich Zeit.

Sie entwerfen grundsätzlich asymmetrische Mode. Auch eine Art „Zeit“ zu entwerfen. Zumindest als Betrachter ihrer Mode muss man ihre Entwürfe ein wenig länger ansehen, um zu verstehen wie sie gemacht sind. Ist das eine kleine Lektion in Sachen Entschleunigung?


Einfach gesagt: Symmetrie langweilt mich. Nur Gott kann Perfektion schaffen. Alles was der Mensch schafft ist nicht mangelhaft, aber lückenhaft. Und das liebe ich. Schauen Sie sich das an – teilt sein Gesicht mit der Hand in zwei Hälften – wir Menschen sind auch nicht symmetrisch.

In ihrem eigenen Leben gibt es eine Konstante: Frauen. Sie sind allein mit Ihrer Mutter aufgewachsen, haben in Tokyo das Bunka College of Fashion besucht, an der sie zwei Jungen und über hundert Mädchen waren. Ihre Mutter ist jetzt 97 und hat bis vor kurzem alle Mahlzeiten für Sie und Ihre Assistenten gekocht. Bringen Frauen Ruhe in ihr Leben?

Ha! Ich bin da sehr ambivalent. Es ist eine Hass-Liebe. Als Sohn einer Kriegerwitwe lebte ich sehr brav und angepasst. Ich war der Mann im Haus, obwohl ich bis heute ein Junge bin. Später dachte ich, ich müsste die Frauen mit meiner Mode beschützen. Dann wollte ich ihnen ermöglichen, auch Männerkleidung zu tragen und sich frei zu bewegen. Irgendwann habe ich erkannt, dass Frauen stärker sind als Männer.

Was meinen Sie damit?

Männer regeln alles mit dem Verstand oder mit dem Geist. Aber die Frauen leben ihr Leben instinktiv und richtig. Sie brauchen meinen Schutz und meine Fürsorge nicht. Ich kann ihnen meine Hilfe höchstens anbieten.


Haben Sie mal darüber nachgedacht aufzuhören? Ihnen stinkt der maßlose Konsum unserer Zeit, die Frauen brauchen sie nicht mehr... Wäre keine Mode von Yohji Yamamoto da ein Zeichen?


Wenn bei der letzten Anprobe vor der Modenschau das Model aus der Umkleide kommt und meinen Entwurf vorführt, reagiert mein Körper auf das was er sieht. Nicht mein Geist, nicht meine Sinne. Solange mir mein Körper das Signal gibt, mache ich weiter, solange halte ich das für gesund für mich. Vielleicht bin ich nichts mehr, wenn ich aufhöre, Kleidung zu entwerfen.

Zur Person
Yohji Yamamoto wurde am 3. Oktober 1943 in Yokohama/Japan geboren. Seinen Vater lernte er nie kennen, er wuchs bei seiner Mutter auf, von der er das Schneiderhandwerk lernte. Ihr zuliebe studierte er Jura, absolvierte aber im Anschluss ein Modestudium. Mit seiner damaligen Freundin Rei Kawakubo zeigte er 1981 in Paris seine erste Modekollektion, die einen Skandal provozierte. Besonders die sackartigen Entwürfe seiner Frauenkollektion wurden als „Hiroshima-Chic“ beschimpft, später aber von der Avantgarde als „Anti-Mode“ gefeiert. Seither entwarf Yohji Yamamoto neben seiner eigenen Kollektion auch Kostüme für eine Oper von Heiner Müller, ein Tanzstück von Pina Bausch und den Film „Dolls“ von Takeshi Kitano. Mit Wegwerfmode fängt Yohji Yamamoto auch nach seiner Insolvenz im Jahr 2009 nichts an, er wurde von einer japanischen Investmentfirma aufgekauft, die ihm kreative Freiheit lässt.
printmailFacebook Twitter0 Google+
13.04.2013
Süddeutsche Zeitung
Schicker rollen
Der Luxuszug Eastern & Oriental Express fordert Stil von seinen Reisenden. Aber die tun sich schwer.
30 Kilo Reisegepäck sind eine Herausforderung. Immerhin packt man für eine neuntägige Reise mit dem Luxuszug durch Südostasien; für eine Dschungel-Expedition, mehrere Cocktail-Empfänge, Dinner-Veranstaltungen, Tempel-Exkursionen, einen Elefanten-Ausritt und eine Feuerwerks-Gala.

Außerdem gibt es genaue Vorstellungen darüber, wie man sich kleiden soll. Es steht in den Buchungsunterlagen für die Reise mit dem Luxuszug Eastern & Oriental Express, der asiatischen Schwester des legendären Orient-Express, der zwischen London und Istanbul verkehrt: „An Bord herrscht eine Atmosphäre entspannter Kultiviertheit“. Tagsüber gilt die Kleiderordnung „smart casual“, Jeans und Turnschuhe sind nicht erwünscht. Weiter heißt es: „Die Dinner-Veranstaltungen geben den Gästen Gelegenheit, sich dem Anlass entsprechend glamourös und stilvoll zu kleiden.“ Ein Blick auf die Bilder der flaschengrünen Broschüre verrät, dass es nicht damit getan ist, Krawatte und Jackett zu tragen, oder jeden Abend in das gleiche kleine Schwarze zu schlüpfen.

Kaum aus Bangkok heraus, ist schon der Weg zum Cocktail-Empfang eine Bewährungsprobe. Denn während vor den Panoramafenstern das Grün der Reisfelder im weichen Licht der Dämmerung leuchtet und ein paar Mädchen in violetten Schuluniformen selbstversunken an den Gleisen spielen, schlingert und ruckt es im Zug mehr als gedacht. Die Stewards laufen ungerührt durch die Gänge, die Reisenden ringen um Haltung.

In der Pianobar gibt es Champagner, aus speziell für den E&O gefertigten Kristallflöten, ihr Fuß ist verstärkt damit sie nicht so leicht umfallen. Vielleicht würden den Damen Bleigewichte in den Absätzen helfen – so tänzeln sie ein wenig unsicher und sinken nach dem Anstoßen sichtbar erleichtert auf die blass-rosanen Polsterbänke. Die Reisenden werden der Kleiderordnung gerecht: Manche mehr, manche weniger. Besonders gute Noten erhält ein Paar aus Dubai, das seinen Hochzeitstag feiert. Sie trägt ein siennafarbenes Etuikleid aus Rohseide zum smarten schwarzen Pagenkopf und er steckt in einem gut geschnittenen Anzug. Eine niederländische Diplomatengattin mit strahlenden Augen und wippenden grau melierten Locken kombiniert glaubhaft ein westliches Abendkleid mit einem roten Pakama, einer ungenähten Stoffbahn aus gebatikter thailändischer Seide, die sie als Schal um Schultern und Oberkörper gelegt hat. An der Bar fallen drei britische Gentlemen auf, alle im Smoking mit tadellos sitzendem Smoking-Hemd und blank gewienerten Lederschuhen. Sie knabbern exotische Nüsschen aus einer silbernen Etagere und trinken Gin Tonic. Und ein Geschwisterpaar sticht ebenfalls heraus, beide 50+, er in einem flatternden beigen Hemd und dunkelblauer Chinohose, sie in einem dünnen Trägerkleid aus Baumwolle mit einem Baumwolltuch über den Schultern und ohne BH.

Im Verlauf der Reise, auf dem Weg von Chiang Mai nach Lampang, schärft sich das Bild: Die ganze große Eleganz beherrscht hier kaum jemand. Und das hat nichts damit zu tun, dass die meisten Reisenden im Rentenalter sind und einige sogar hoch betagt. Auf den Exkursionen tragen alle entweder gehobene Funktionskleidung oder Varianten amerikanischer Freizeitkleidung. Sprich beige Hosen, deren Beine man mit Reißverschlüssen auf halbe und Dreiviertel-Länge kürzen kann, oder beige Baumwollshorts zu grünen oder himmelblauen Polo-T-Shirts. Die Nationalitäten nehmen sich dabei nichts – Briten, Amerikaner, Australier, Schweizer, Deutsche, alle gleich: Nicht stilvoll, aber praktisch.

Bei den Abendveranstaltungen mit anspruchsvollerem Dresscode haben alle ihr Pulver schnell verschossen. Die Männer erscheinen stets im gleichen Anzug, immerhin ein Australier mit freundlichem Mondgesicht führt täglich ein Hemd mit anderem Blumenmuster vor. Die Damen zeigen eher pragmatischen Glamour. Eine frisch geschiedene Französin beweist, wie sie ihr hübsches weißes Spitzentop an gleich drei Abenden zu unterschiedlichen Röcken kombinieren kann. Und die stets fantastisch gekleidete Diplomatengattin kommt auch mit nur einem Paar Schuhe gut aus. Nach der Eleganz einer Marlene Dietrich, wie man sie aus einem anderen Luxuszug kennt – dem „Shanghai Express“ aus dem gleichnamigen Filmklassiker – strecken sie sich nicht. In bodenlangen Abendroben aus schwarzem Samt mit Straußenfedern räkelt sich im E&O keine und auch eine Pelzstola ist nicht zu sehen. Dafür gibt es ein Paar Quotenhippies, den Australier mit seinem beigen Hemd und der dunkelblauen Chinohose und seine leicht bekleidete Schwester nämlich. Denn zumindest er wechselt seine Kleidung einfach gar nicht.

Die Hippies sind aber auch eine gute Erinnerung daran, dass man sich nicht mehr in der Kolonialzeit befindet. Denn trotz der kundig geführten Exkursionen auf denen man einen realistischen Eindruck des heutigen Nordthailands gewinnen kann, ist die Verführungskraft des E&O groß. Zumindest an Bord befindet man sich in einem perfekt inszenierten Paralleluniversum, in dem die „Eleganz einer längst vergangenen Zeit“ auflebt und in der Luxus eine ganz normale Annehmlichkeit ist.

Dabei kann auch der E&O das Problem der Beschränkung nicht lösen, das in einem – fahrenden – Zug den Annehmlichkeiten eines normalen Luxushotels entgegensteht. Weitläufige Suiten mit begehbarem Kleiderschrank, die auf hohem 5 Sterne Niveau sonst zum Standard gehören, kann es in einem Zug nicht geben. Und eine endlose Dusche unter dem Rainshower-Duschkopf ist schlicht nicht machbar. Dafür gibt es hier maximalen Luxus auf minimalem Raum. Die Kabinen mit sind mit durchschnittlich 7,8 m2 gerademal so groß wie ein begehbarer Kleiderschrank, aber sie sind mit goldfarbenem Duftholz verkleidet und mit Intarsienarbeiten verziert, wie man sie sonst nur noch in einem Grand Hotel aus der Kolonialzeit findet. In dem winzigen Bad gibt es passend zum Mosaik der Marmorkacheln auch ein Marmorwaschbecken – und natürlich eine Dusche.

Und der E&O macht den Mangel an Platz und Ressourcen mit seinem makellosen Service wett. In jedem Waggon kümmert sich ein Steward 24 Stunden am Tag um die Reisenden. Er serviert das Frühstück und den Fünf-Uhr-Tee im Abteil und kümmert sich abends um den turn down service, wenn die Gäste zu Tisch sind. Er sorgt dafür, dass täglich frische Orchideen in den Silbervasen stehen und der Nachschub an Bulgari-Beauty-Produkten nicht abreißt. Klingelt man ihn nachts heraus, mit einem Druck auf den messingfarbenen „Attendant“-Knopf, weil man nicht schlafen kann, so bringt er Oropax, eine seidene Schlafmaske und kocht sogar einen Kamillentee.

Selbst in Sachen Stil leistet das Team seinen Gästen Hilfestellung. Eine Situation wiederholt sich nämlich auf jeder Reise: Die Gäste gehen an Bord, betreten ihr Abteil und wollen ihre 30 Kilo klug zusammengestelltes Reisegepäck auspacken. Dann stellen sie fest, dass auf die Kleiderstange in dem einzigen Kleiderschrank des Abteils genau drei Kleiderbügel passen. Und dass es außer zwei Gepäckablagen – aus sehr hübschem, lochgestanzten Messing, keinen weiteren Stauraum gibt.

Zum Glück hilft einem dann ein Steward wie Prachak Thaweephol auf die Sprünge: „Organisieren Sie ihre Garderobe“ sagt er. „Packen Sie nur die Kleidung für die ersten drei Tage und Nächte aus. Den Rest verstauen Sie in Ihrem Koffer und geben ihn mir. Am vierten Tag bringe ich Ihnen dann die Kleider für den zweiten Teil der Reise.“ Sprichts, verbeugt sich in seinem Anzug aus gebatikter thailändischer Seide und einem blitzweißen gestärkten Hemd, und zieht sich diskret zurück.

Prachak Thaweephol selber wohnt in einem Abteil, das etwa zwei Quadratmeter groß ist, am Ende des Waggons. Man fragt sich, ob er im Stehen schläft. Die Küche in der er Frühstück und Nachmittagstee anrichtet, ist noch kleiner. Hier bereitet er den Doi Chaang Kaffee aus Nordthailand zu, verteilt das frische Obst und die Teigwaren, reinigt und verwahrt das antike Silbergeschirr mit den Verzierungen aus Gingko-Blättern. Selbst für Bügeleisen und Bügelbrett findet er noch Platz. Es ist unverständlich wie, aber es passt. Dass man auf 7,8 m2 nicht genug Platz haben kann, ist für Prachak Thaweephol wahrscheinlich ein Rätsel.

Die Umsetzung der Kleiderordnung sieht das Team des E&O übrigens gelassen. Zwar wechselt Ulf Buchert, der gebürtiger Pfälzer und Senior-Zugmanager seit 26 Jahren sein Outfit ganz selbstverständlich mindestens zweimal am Tag. Aber die laissez faire der Reisenden sieht er nüchtern: „Wir stellen fest, dass der Smoking und ein elegantes Abendkleid nicht mehr so gängig sind.“ Er selbst trägt abends Smoking oder Anzug, zu letzterem kombiniert er täglich eine andere Krawatte. „Wir kommen jetzt an einen Wendepunkt“, sagt er, „zwar ist die Etikette bei den Gästen durchaus gefragt. Aber wir überlegen, sie ein bisschen zu lockern.“

Dass in naher Zukunft Schmerbäuche in Hawaiihemden und Sandalen an Bord des altehrwürdigen Zugs gehen, steht nicht zu befürchten. Vorerst verabschiedet sich der E&O maximal von der Pflicht zum Smoking, dem Dresscode „black tie“. Trotzdem sollten Reisende sich beim Packen um die „Eleganz einer längst vergangenen Zeit“ bemühen, wie es bei E&O so schön heißt. Am Ende stehen sonst irgendwann Plastikblumen im Abteil.

printmailFacebook Twitter0 Google+
10.04.2013
Zeit Online
Billig ist interessanter als Bio
Das Kampagnenbild zur neuesten H&M-Kollektion sieht aus, als habe ein leichtes Erdbeben das Fotostudio erschüttert. Auf dem Boden liegt eine Schneiderpuppe, eine andere lehnt schief an der Wand, ein Stuhl ist umgefallen. Nur das blonde Model mit den sorgsam zerzausten Haaren steht stabil und stemmt die Hände in die Hüften. Die junge Frau trägt ihr blassgrünes Korsagenkleid wie eine Rüstung. Unbeirrt und aufrecht blickt sie dem Ansturm der Käufer entgegen, die schon seit Wochen auf den Verkaufsstart der "Conscious-Exclusive"-Linie gewartet haben.

Denn Bilder der überwiegend pastellfarbenen Kleider im Stil früher Hollywood-Diven sind schon vor Wochen von vielen Modebloggern aufgegriffen und euphorisch besprochen worden. Der Tenor im Netz: Hauptsache, ich bekomme auch eins ab! Entsprechend sind 21 der 24 verschiedenen Abendkleider und Anzüge der Damenkollektion im Online-Shop der Schweden bereits ausverkauft.

Nur, dass diese Kollektion, wie auch ein paar Dutzend alltagstauglichere Stücke in der normalen "Conscious Collection", aus "umweltfreundlicheren Materialien" – so die Formulierung von H&M – hergestellt ist, interessiert weder die neuen noch die klassischen Modemedien. Selbst etablierte Magazine wie Vogue, Glamour oder Jolie machten in den Onlinepublikationen zum Thema aus "nachhaltiger" schlicht "nachhaltig" und erfreuten sich ansonsten daran, die Namen der Hollywoodgrößen nennen zu können, die in diesen Kleidern bereits über einen roten Teppich geschritten sind.

Mode aus Fischernetzen und alten Teppichen

Interessierten Journalisten dagegen erklärt H&M gern ausführlich, was der Konzern unter den schwammigen Begriffen "nachhaltiger" und "umweltfreundlicher" versteht. In der Conscious Exclusive Kollektion wird Biobaumwolle, Recycling-Polyester, Recycling-Polyamid und die aus Holz-Zellstoff gewonnene Faser Tencel verwendet. Nicht ausschließlich, aber anteilig. So gibt es beispielsweise ein Kleid aus 49 Prozent aufgearbeitetem Polyamid und 30 Prozent Biobaumwolle und 21 Prozent konventionellem Polyamid. Dass der blassrosa Spitzentraum also immerhin knapp zur Hälfte aus Fischernetzen oder alten Teppichen und Abfällen aus der Textilproduktion besteht, die zu neuen Fasern geschmolzen werden, wäre ja durchaus der Erwähnung wert gewesen.

Bleibt die Frage, ob diese Kollektion nun den Einzug einer neuen Unternehmensphilosophie verheißt bei einem der größten Fast-Fashion-Produzenten der Welt. Oder ob hinter dem guten Gewissen schlicht das Wissen um eine gute Werbekampagne steckt. Eine dezidiert grüne Kleinserie so groß zu bewerben, das ist in Zeiten, in denen Konsumenten und Institutionen zunehmend wachsamer werden, wenn es um die negativen Auswirkungen der stark globalisierten Textilproduktion geht, nicht die abwegigste PR-Strategie. Können die Anstrengungen um eine "umweltfreundlichere", "nachhaltigere" Mode von H&M mehr sein als Augenwischerei?

Die Initiative Clean Clothes Campaign (CCC), die sich weltweit um verbesserte Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie bemüht, sieht die H&M-Aktion kritisch. Während Vanessa Paradis in der H&M-Kampagne in einem zarten, gelben Kleidchen inmitten eines Blumengartens sitzt, ist die Schauspielerin in der drastischen Gegenkampagne der CCC von blassen Näherinnen in der Unschärfe umringt. "Unconscious Collapses" titelt die Organisation dazu und weist damit auf die unzureichenden Löhne der Arbeiterinnen in Textilfabriken hin, die unter anderem auch für H&M arbeiten. "H&M fordert von seinen Lieferanten zwar die Einhaltung des Mindestlohnes. Aber die ist in den Bekleidungsproduktionsländern weit davon entfernt, existenzsichernd zu sein", sagt die deutsche CCC-Aktivistin Bettina Musiolek. Um dem Konsumenten wirklich glaubhaft Mode mit einem reinen Gewissen anbieten zu können, müsste H&M sich zur Zahlung des Existenzlohns verpflichten, so Musiolek.

Doch die CCC erkennt auch an, dass H&M Schritte in die richtige Richtung unternimmt. So zum Beispiel mit der Veröffentlichung seiner Lieferantenliste im März dieses Jahres, als Teil des Nachhaltigkeitsberichts 2012. Zwar ist H&M nicht, wie behauptet, das erste internationale Textilunternehmen, das diesen Schritt geht – bereits 2005 legten, auf Druck der Öffentlichkeit, das amerikanische Textilunternehmen GAP, der Sportartikelhersteller Nike und auch die Jeansmarke Levi´s ihre Lieferantenlisten offen. Aber besser spät als nie.

Marc Starmanns vom Online-Informationsdienst Get Changed! begrüßt, dass H&M mit den verwendeten nachhaltigeren Materialien eines der vielen Probleme in der globalen Modelieferkette angeht und sich verpflichtet, bis zum Jahr 2020 ganz auf "nachhaltigere" Materialien umzusteigen. "Allerdings", so Starmanns, "lädt der Begriff zur Missinterpretation ein. Viele der Firmen in unserem Netzwerk verwenden zu 100 Prozent zertifizierte Bio- und/oder Fair-Trade-Baumwolle. H&M setzt bis 2020 nicht primär auf Bio-Baumwolle mit einem ganzheitlichen ökologischen Ansatz, sondern überwiegend auf sogenannte 'Better-Cotton'-Baumwolle. Bei deren Anbau wird wohl weniger Wasser verbraucht, aber beispielsweise nicht komplett auf Pestizide verzichtet. Das ist nur ein erster Schritt."

Allana McAspurn schätzt die Conscious Kollektionen deutlich positiver ein. McAsprun ist Geschäftsführerin der NGO Made-By, die etablierte Modeunternehmen bei der Verbesserung von Abläufen und Arbeitsbedingungen im Sinne einer nachhaltigeren Produktion berät. "Die Kollektion basiert auf umweltfreundlichen Überlegungen. Beispielsweise wählt H&M seine Fasern anhand des Made-By-Standards für Nachhaltigkeit aus", sagt McAsprun. "Mir persönlich gefällt die Kollektion, weil sie zugleich modisch ist und das Bewusstsein der Konsumenten schärft. Den Kunden erreicht man viel besser über das Produkt als beispielsweise über einen Nachhaltigkeitsbericht. Die Kollektion ist die Basis auf der H&M die Ziele kommunizieren kann, die sich das Unternehmen im Bereich Nachhaltigkeit gesetzt hat."

Klingt einleuchtend. Aber bedeutet das nicht, dass H&M auch in Zukunft einer der größten Produzenten von Mode, die ebenso schnell gekauft wie weggeworfen wird, bleiben will? Wenn ja, wird diese Mode auch in Zukunft billig sein müssen. Und weiterhin unter Bedingungen entstehen müssen, die Natur und Menschen potenziell schadet.

Die Antwort von Allana McAspurn darauf ist kurz: "Fast Fashion bleibt." Diese Einschätzung teilt sie mit anderen ausgewiesenen Vorreitern nachhaltiger Mode. In New York veranstaltete H&M zum Start der Conscious Kollektionen eine Podiumsdiskussion, moderiert von Simon Collins, dem Leiter der Fakultät Mode an der renommierten Parson´s New School of Design. Hier sprachen der Designer Bruno Pieters, der mit seinem Label Honest by für transparente Produktionswege in der Luxusmode wirbt, Scott Mackinlay Hahn, Designer der nachhaltig produzierten Modemarke Loomstate, die Chefredakteurin des Magazins Ecouterre, Jasmin Malik Chua, und Julie Gilhart, die seit ihrem Ausstieg als Vizepräsidentin des Nobelkaufhauses Barneys als Beraterin mit grüner Agenda arbeitet, mit den beiden Nachhaltigkeitsbeauftragten von H&M. Die sechs waren sich erstaunlich einig in der Einschätzung, dass schnelle Mode vorerst nicht verschwinden wird. Denn, so die einhellige Expertenmeinung, genau das will der Konsument: Allzeit verfügbare, billige Mode. Wer jetzt missbilligend die Nase rümpft, sollte an die desinteressierten Modeblogger denken und an diese Worte von Bruno Pieters: "Die Konsumenten, das sind nicht die anderen. Das sind wir."

Quelle: ZEIT ONLINE
Adresse: http://www.zeit.de/lebensart/mode/2013-04/HM-conscious-collection-faire-Mode/komplettansicht

printmailFacebook Twitter0 Google+
01.03.2013
Zeit Online
Das Burgfrollein ist zurück
Statt der x-ten Auflage der Fünfziger gibt es endlich etwas Neues in der Mode: die langen, wallenden Kleider des Mittelalters. Aus der Serie "Versteckte Klassiker"
Dass Designer die Mode der jüngst vergangenen Dekaden plündern, um sich für ihre aktuellen Kollektionen zu inspirieren, ist bekannt. Dass sie eine Zeitreise unternehmen, die sie mehrere Hundert Jahre zurückführt, ist hingegen neu. Vielleicht haben sie sich am Ende selbst gelangweilt mit den allgegenwärtigen Repliken der Mode der biederen Fünfziger.

Statt um die Sekretärin à la Mad Men kümmert sich eine Handvoll internationaler Designer nun um das Burgfrollein im weitesten Sinne. Angefangen hat das bereits im vergangenen Spätsommer auf der New York Fashion Week, als die Schwestern Laura und Kate Mulleavy für ihr Label Rodarte eine moderne "Princess of Power" defilieren ließen. Sie trug ein bodenlanges Kleid aus petrolfarbener Seide, das hoch geschlossen und eng tailliert war und mit einer goldenen Kreuzung aus Mieder und Korsage Brust, Taille und Hüften sauber akzentuierte. Nicht zu vergessen die Schleppe, die sich bei jedem Schritt anmutig bauschte und nur deswegen nicht auf dem Boden schleifte, weil die moderne Prinzessin hohe Blockabsätze trug. In der Zeit zwischen ausgehendem Mittelalter und Beginn der Renaissance trugen europäische Adelige ähnliche Kleider. Abgesehen natürlich von den kurzen Ärmeln und dem extrem hohen Beinschlitz.

Die aktuellen Schauen in Mailand und London zeigten nun, dass sich auch andere Designer für die Kleiderordnung jenseits der vergangenen hundert Jahre interessieren. Giles Deacon eröffnete seine Schau in London mit einem bodenlangen, weißen Kleid aus Seiden-Organza, das ebenfalls aus der Renaissance stammen könnte: weite, einfach gepuffte Ärmel, an natürlicher Stelle tailliert, nach unten hin einfach abgeteilt und ausgestellt. Vorgeführt wurde es allerdings von Kristen McMenamy, einer Model-Ikone des Grunge, die mit weiß gefärbtem Haar, blass geschminkter Haut und dunkel unterlaufenen Augen das Kleid von allem historischen Ballast befreite. Giles Deacon ließ Variationen dieses Kleids folgen. Er zeigte es mal mit metallischen Ornamenten verziert, mal mit schwarzem Lurex so durchwirkt, als habe man einen Eimer Pech über der Dame ausgeschüttet. Sein Burgfrollein geisterte irgendwo zwischen Pechmarie, Goldmarie und Morticia Adams.

Die Londoner Designer sind für ihre Exzentrik bekannt. Aber auch in Mailand, eher der Hort eleganter und tragbarer Designs, befasst man sich mit der Mode von knapp nach Ende der Kreuzzüge – als Samt, Seide, Damast und Brokat aus dem Orient nach Europa kamen. Domenico Dolce und Stefano Gabbana hatten schon immer ein Faible für verkitschten Katholizismus. In ihrer Herbstkollektion für Dolce & Gabbana treiben sie ihn auf die Spitze: Die Models tragen Kleider, die so vor Gold und Steinen strotzen, dass sie fast einer Ritterrüstung ähneln. Sie sehen aus, als hätten sie nicht nur sämtlichen Brokat und alle Seide der Kreuzritter an sich gerafft, sondern das Gold und die Edelsteine der Kirchen gleich dazu. Die beiden Italiener mögen es plakativ, zeigen als Motive Heiligenbilder und setzen ihren Models goldene Kronen auf. Wären ihre Kleider nicht schmal und kurz geschnitten – es wäre des Guten zuviel.

Gianfranco Ferrés Burgfrollein ähneln wehrhaften Knappen mehr als aristokratischen Madames. Ihre Kleider sind bodenlang, aber frei von Ornament. Der breite Gürtel erinnert an die traditionell gegürteten Männerröcke des Mittelalters. Unter den tief dekolletierten Kleidern tragen die Models einen angedeuteten Brustpanzer aus Holz oder metallischem Gewebe. Es sieht so aus, als hätte der italienische Altmeister eine recht emanzipierte Maid vor Augen gehabt.

Ob aus New York, London oder Mailand – die Anleihen an Mittelalter und Renaissance sind erfrischend und amüsant und ab und an auch elegant. Trotzdem liegt die Frage nach der Tragbarkeit dieser Entwürfe auf der Hand. Mit einer Schleppe oder einem bodenlangen Kleid erscheint man heute bestenfalls noch zu einer Galanacht wie den Oscars. Normalsterbliche tragen selbst zur Opernpremiere schnöde Jeans.

Immerhin muss man nicht nach dem Frauenbild der Designer fragen. Langer Saum hin und typisch weiblich akzentuierte Silhouette her: Dass es hier um eine Rückbesinnung auf eine stereotyp weibliche Rolle der Frau geht, kann man getrost ausschließen. Alle Kleider sind entweder so weit, so kurz oder so hoch geschlitzt, dass das Burgfrollein von heute maximale Beinfreiheit und Beweglichkeit genießt.

Quelle: ZEIT ONLINE
Adresse: http://www.zeit.de/lebensart/mode/2013-03/versteckte-klassiker-mittelalter-kleider/komplettansicht

printmailFacebook Twitter0 Google+
22.02.2013
Zeit Online
Halber Rock, volle Wirkung
Einst verdarb Margaret Thatcher dem Midi seinen eleganten Ruf. Bei den aktuellen Herbstschauen rehabilitieren die Designer den knielangen Rock mit Spitze und Schlitz.
Der Midi hat in der Mode einen sensationell schlechten Ruf, nämlich: Er sieht schnell unvorteilhaft aus. Trotzdem prägt die Rocksaumlänge, die bis zum Knie oder knapp über das Knie reicht, fast jede Kollektion der laufenden Modewochen. In London eröffnete J.W. Anderson seine Schau mit einem Midi-Kleid aus schwarzem, schwerem Wollstoff. Und schickte Variationen in reinweiß, grau und schwarzem Nappaleder hinterher. Erdem Moralioglu zeigte ebenfalls Midi in schwerem schwarzen Tweed oder dunklem Bordeauxrot, mit Federn, Pailletten oder Seidengaze. Jonathan Saunders, der bereits für den Sommer eine von den späten Fünfzigern und der US-Fernsehserie Mad Men inspirierte Kollektion mit knapp überknielangen Röcken entworfen hatte, lässt auch im Herbst den Saum das Knie umschmeicheln.

Die Tücken der halben Länge zeigen sich selbst an überlangen, zarten Laufstegmodels. Midi verkürzt optisch das Bein und setzt den Fokus auf die breiteste Stelle der Wade. Ohne himmelhohe Schuhe oder eine starke Taillierung sieht man mit einem Midi-Rock schnell aus wie – Margaret Thatcher. Denn die ehemalige britische Premierministerin war es, die den Midi-Look in Verruf gebracht hat.

Ursprünglich galt Midi als einmalige Verbindung von Eleganz und Pragmatismus. Von Röcken und Kleidern in Bodenlänge befreite sich die Mode schon zur Jahrhundertwende. In den 1930er Jahren pendelten sich die Rocksäume auf Kniehöhe ein. Hier, so wollte es der damalige Zeitgeist, trafen sich das Mindestmaß an Anstand und das Höchstmaß an Bewegungsfreiheit. In den 1940er Jahren wurde die Silhouette dann zusätzlich schmal, was weniger der Mode geschuldet war, als der Notwendigkeit Stoff zu sparen, schließlich herrschte Krieg.

Thatcher machte der Eleganz des Midi den Garaus

In den Sechzigern dann wurde der Midi abgelöst, um schon eine Dekade später sein erstes Comeback zu feiern. Er war ein Kernstück der britischen Kultmarke Biba und der damalige Herausgeber der Women's Wear Daily, John Burr, bewarb den Midi auf den Titelblättern seines Magazins, um den Absatz der Textilindustrie anzukurbeln.

Dann kam Margaret Thatcher an die Macht. Die eiserne Lady trug medienwirksam nichts als Midi; im knielangen Kostüm wurde die matronenhafte Politikerin zur Ikone der Achtziger. Mit dem Sex-Appeal und der Eleganz des Midi war es damit vorbei.

Die Designer, die Midi jetzt wieder auf die Laufstege bringen, wissen um diese Fallstricke. Doch ihre Designs sind clever: Jonathan Saunders steuert mit hohen Schuhen gegen, J.W. Anderson bewahrt die guten Proportionen mit dem hüfthohen Schlitz des Kleids und Erdem Moralioglu arbeitet mit Einsätzen aus transparenter Gaze, sodass Oberschenkel und Knie durchscheinen, obwohl sie bedeckt sind.

Dass der Midi auch abseits der Designateliers eine Lobby hat, beweist Alexandra Shulman, die Chefredakteurin der britischen Vogue. Der Daily Mail sagte sie: "Der Midi stellt endlich die Annahme in Frage, dass wir alle zwanghaft unsere Oberschenkel zeigen wollen."

Quelle: ZEIT ONLINE
Adresse: http://www.zeit.de/lebensart/mode/2013-02/versteckte-klassiker-fashion-week-midi-rock/komplettansicht


printmailFacebook Twitter0 Google+
19.02.2013
Süddeutsche Zeitung
& other Stories – einmal erste Klasse bitte
Marketingexperten würden dem Namen eine Vier geben. Etwas sperrig und nicht sehr klangvoll. Doch die Macher sagen, genau dadurch präge man sich den Namen ein. „& other Stories“ heißt das neue, hochpreisige Label aus dem H&M-Imperium. Übersetzt „und andere Geschichten“.
Gerüchte gab es schon lange, befeuert durch Fotos aus den Lookbooks, die in den großen Modeblogs auftauchten. In diesem Frühling ist es nun so weit: in ausgewählten europäischen Städten werden die ersten Läden eröffnet.
Die Story zu der neuen Marke, die der schwedische Kreativchef Samuel Fernström mit Vorliebe erzählt, so auch an diesem Januartag während der Berliner Modewoche, klingt in der Tat anders, anarchistischer als andere Label-Startup-Geschichten. Sie geht folgendermaßen: „Ich sollte eigentlich eine Kosmetikmarke für Frauen entwickeln. Aber als wir uns die ersten Ergebnisse ansahen – schön zurechtgemachte Gesichter – fanden wir sie irgendwie nackt.“ Also wurde er bei Karl-Johan Persson vorstellig, CEO vom Modetitan H&M. Fernström bat darum, die Kosmetiklinie um vier Modekollektionen erweitern zu dürfen, jede mit eigener Schuh- und Accessoires-Linie. Und Karl-Johan Persson willigte ein, angeblich ohne zu zögern. Wenn Samuel Fernström dann weiter ausführt, dass bei H&M oft nach Bauchgefühl entschieden wird, klingt das märchenhaft in einer Zeit, in der es bei Mode immer weniger um spontane Kreativität geht, sondern um Kommerzialität.
Der 34-jährige Fernström, der seit mittlerweile zehn Jahren für H&M arbeitet, durfte sich 45 Designer aussuchen – darunter Philomène Tellaroli, die vorher für die französischen Häuser Lanvin und A.P.C gearbeitet hat, Colombe Campana von Sonia Rykiel oder Luca La Rocca, der bei Cerruti lernte. Es wurden vier Design-Teams gebildet, die knapp zwei Jahre Zeit hatten, eine Kollektionen zu entwerfen. „Wir nannten sie Berlin, New York, Paris und Stockholm“, sagt Samuel Fernström, „jede sollte die Ästhetik einer Stadt verkörpern“. Später, im Laden, tragen die Kollektionen keine Städtenamen mehr, aber die Referenzen sind offensichtlich. Der Industriechic mit viel Schwarz, Hologramm-Folien und bunten Mustern ist – „Berlin“. Die Linie „New York“ ist feminin und elegant, mit einer hochwertigen Optik und goldenen Akzenten. „Paris“ ist mädchenhaft und verspielt, mit geblümten Kleidern, viel Seide, sogar Rüschen. „Stockholm“ erinnert an die Mode der Marke Cos, die genau wie Monki, Cheap Monday und Weekday zum H&M-Konzern gehört: puristische Schnitte, hochwertige Materialien in gedeckten Farben, naturalistische Digitalprints. Zu jeder Kollektionen gibt es Schuhe und Accessoires – von der flachen Sandale aus metallisch schimmerndem Leder, die einem klassischen Brogue nachempfunden ist, über die Handtasche, mit aufwändig gefertigtem Karabinerhaken, bis zur Unterwäsche, die so penibel verarbeitet ist wie sonst nur im Luxussegment. Die Mode ist hübsch, aber die Accessoires und Schuhe sind der Hingucker.
Ab April eröffnet das neue Label also die ersten Läden, alle in den besten Lagen: in Berlin auf der Schönhauser Straße, auf der rue Saint-Honoré in Paris und in London auf der Regent Street. Mailand, Kopenhagen und Stockholm folgen. In Belgien, Finnland und den Niederlanden kann man wird man zuerst einmal nur online shoppen können, und der Rest der Welt muss auf die neue Geschichte von H&M erst einmal warten. Die Frage ist, ob die Geschichte gut genug ist, um am Markt zu bestehen. Schon bevor der erste Laden überhaupt geöffnet hat, lästerten das Branchenblatt Women’s Wear Daily und das Wall Street Journal über den Namen der neuen Marke.
Branchenkenner gehen davon aus, dass & other Stories vielleicht doch keine so ganz spontane Herzensidee war. Im Gegenteil: Es sieht eher aus wie eine von langer Hand geplante Maßnahme, die den Erfolg des Konzerns sichern soll. Im vergangenen Jahr konnte H&M sein Geschäftsziel nicht halten, jährlich 10 bis15 Prozent neue Läden zu eröffnen. Weil die Schweden in den Ausbau des Online-Handels investieren mussten, wuchs der Nettoumsatz im letzten Jahr nur noch um ein knappes Prozent. Solche Zahlen lesen sich natürlich nicht so gut. Interessanter ist da schon die Info, dass der Konzern jetzt Mode für gut betuchte Kunden hat. Vor Monaten schon tuschelten Modeblogger von H&Ms neuer „Luxusmarke“. Die in London vom Büro Karla Otto betreut wird, dem PR-Guru für Luxusmarken wie Jil Sander und Prada.
Schuld an der gegenwärtigen Flaute des Modediscounters H&M ist die Konkurrenz. Die US-Billigkette Forever 21 und das irische Primark, das in Hannover einen Flagshipstore auf vier Etagen hat, ziehen H&M die Käufer ab. „Durch die Finanzkrise hat die Kaufkraft der H&M-Zielgruppe – der 16-Jährigen bis Mittzwanziger – gelitten“, sagt die Wirtschaftsanalytikerin der französischen Bank Société Générale, Anne Critchlow, in einem Interview mit dem Wall Street Journal. Nur bei der älteren Generation sei die Kaufkraft unverändert hoch.
Das neue H&M-Label setzt auf die Käufergruppe dazwischen. Nicht mehr ganz junge, aber modeaffine Mädchen, die die Intention und das Budget haben, jede Facette ihres Charakters durch Mode auszudrücken. Klingt abgehoben, aber so sind die Frauen in ihren 20ern und 30ern, die man heute in Streetstyle-Blogs sieht. Sie mischen Altes und Neues und haben gängige Modemantras wie den kalkulierten Stilbruch oder den Materialmix verinnerlicht. Immer häufiger verneifen sie sich den Shoppingrausch im Billigshop und gönnen sich dafür ein Luxusteil – von Marken wie Acne, A.P.C., The Kooples, Sandro oder Maje. Das sind auch Frauen, die Altes vom Flohmarkt und Neues von der Stange mischen, wobei sie allergisch reagieren, wenn sie ihr neues Schößchentop an einer Kommilitonin im Uni-Proseminar oder im Club spazieren führen sieht.
Fragt sich also, ob es diese moderne Individualistin nicht unromantisch findet, ihr personalisiertes Outfit an einem einzigen Ort schnöd zusammen zu shoppen. Dass auch die Konkurrenz längst mindestens zwei Kollektionen mit unterschiedlicher Ausrichtung bietet – beispielsweise TRF und Woman bei Zara, Forever 21 und Love 21 bei Forever 21 – stört Samuel Fernström nicht. Er ist, selbstverständlich, vom Konzept der vier Kollektionen überzeugt.
Noch einmal kurz für alle Marketingstreber: Es gibt das eine Alleinstellungsmerkmal, mit dem Fernström schließlich beiläufig herausrückt. „Jeder Laden wird eine eigene Accessoires- und Schuhabteilung haben, darauf liegt der Fokus“, sagt er. Je 100 Quadratmeter soll es alleine für Schuhe geben und genau so viel für Accessoires. Solche Dimensionen findet man sonst in Nobelkaufhäusern wie Bloomingdale’s oder der Galeries Lafayette.
Auf einmal steht der eigens für & other Stories entwickelte Karabiner, der die Handtasche in eine Clutch verwandelt und den Fernström mit leuchtenden Augen präsentiert, in einem anderen Licht da. Er ist kein Haken, sondern die Pointe der Geschichte. Verstanden, Modemädchen?
printmailFacebook Twitter0 Google+
15.02.2013
Musikexpress
Adam Green und Binki Shapiro
Zusammen mit dem Fotografen Françoise Kleebaum, meiner Assistentin Bianca Fleisch und dem Haare/Make-up Artisten Hauke Krause habe ich den Sänger Adam Green und die Sängerin Binki Shapiro getroffen. Die beiden hatten Streit und haben nicht miteinander geredet. Den Bildern sieht man das nicht an.









Hier das Making of zur Strecke, wie immer von Michael Braun
printmailFacebook Twitter0 Google+
11.02.2013
Süddeutsche Zeitung
Erste Reihe: Trendhappen NYFW
1. Man sagt, dass das Modevolk nie isst. Das Gegenteil ist wahr – sie essen die ganze Zeit! Auf der Fashion Week New York sieht man es gerade wieder: Kaum haben sie ihre Plätze in der Schau eingenommen, fingern Redakteurinnen in den goodie bags nach Schokokeksen. Backstage sorgen die Sponsoren für Grundnahrungsmittel: In Minikühlschränken stapeln sich Wasser, Diät-Cola und der Eiweißriegel Fibre One. Gerademal 90 Kalorien hat die Geschmacksrichtung Schokolade-Karamell-Bretzel. Um einmal über den Laufsteg zu staksen reicht das.

2. Natürlich geht es während der Fashion Week um mehr als schnöde Nahrungsaufnahme. Man muss am richtigen Ort, die richten Sachen in Anwesenheit der richtigen Leute verspeisen. Im Empire Hotel ist die Trefferquote hoch: Das Designhotel dessen Lobby mit goldenen Vasen und Leoprint-Kissen dekoriert ist, gilt als hip, es gibt kostenlosen Champagner und Sterne-Häppchen im Rahmen zahlloser PR-Empfänge und man trifft nur internationales Modepublikum, denn zum Lincoln Center ist es nicht weit.

3. Im West Village bei Chez Sardine muss man für sein Essen zwar zahlen, hat aber den Zeitgeist auf seiner Seite. Seit der Eröffnung im letzten Jahr versucht halb New York einen der dreißig Plätze in dem Lokal zu ergattern, in dem Gabriel Stulmann mit seinem Team ungewöhnliche Sushi-Interpretationen zubereitet. Wer die Austern mit Äpfeln und Schnittlauchöl, Saibling mit scharfem Reis oder Rinderzunge mit Ponzusoße kosten möchte, sitzt nicht auf dem Präsentierteller, denn Chez Sardine ist unprätentiös und entspannt. Nur reservieren muss man unbedingt.

4. Viele Modemenschen trifft man auch im Standard Grill, dem Restaurant gleich um die Ecke des Standard Hotels. In dem Hotel, das seinen guten Ruf aus dem Mutterhaus in Los Angeles mitgebracht hat, wohnt man mit Blick auf den Hudson River. Im Grill verspeist man Hacksteak, Austern und Waldorfsalat unter der High Line. Diese ehemalige Hochbahntrasse, die zum Park umfunktioniert wurde ist traditionell ein beliebter Ort für aufsehenerregende Modeparties oder Pop-up Läden. Nicht ganz unwichtig – das Essen im Grill schmeckt gut.

5. Lustiger, lauter und ebenfalls lecker ist es um die Ecke im Tortilla Flats. Der kleine Tex Mex-Laden ist von oben bis unten mit Glitzergirlanden, Heiligenbildchen und Trash-Memorabilia geschmückt, es gibt gutes billiges Essen und einen Popkultur-Quiz, den der Schauspieler und Teilzeit-Kellner Ben Curtis veranstaltet. Wer die richtige Antwort weiß, wird mit einem kostenlosen Tequila belohnt. Unnötig zu sagen, dass front row Sternchen wie Blake Livley und Penn Badgley hier gern vorbeischauen.

6. Während die etablierten Designer ihre Schauen im Lincoln Center zeigen hat sich in Chelsea eine zweite Fashion Week etabliert. Im Rahmen der MADE zeigen Designer wie Alexander Wang oder Suno ihre Kollektionen und füllen das, was man als „downtown cool“ bezeichnet mit Inhalt. Wer hier snacken will, wird im Chelsea Market fündig, einem weitläufigen Lebensmittelmarkt in dem es einfach alles gibt: Gesunde Suppen bei „Hale & Hearty Soups“, Hummer und Austern im „The Lobster Place“ und das weltbeste Wassereis aus Bio-Obst bei „People´s Pops“.

7. Wer den „downtown cool“ in echt und Farbe erleben möchte schwänzt die Schauen und geht zum Frühstücken nach Soho zu „Jack´s Wife Freda“. Hier schaufeln hippe junge Dinger, die ihre Outfits liebevoll und makellos aus Flohmarktfünden und New Yorker Marken zusammenstellen Rosenwasser-Waffeln mit libanesischem lebnah-Joghurt und frischen Erdbeeren oder verspeisen „Soldaten“ mit Haut und Haar – zackig zurechtgeschnittene getoastete Weißbrotquader, die zum weichgekochten Ei serviert werden. Keine Selbstverständlichkeit in New York: Der Kaffee schmeckt gut.

printmailFacebook Twitter0 Google+
26.01.2013
Süddeutsche Zeitung
Kostas Murkudis – der Macher
Seit fast drei Jahrzehnten prägt Kostas Murkudis die deutsche und internationale Mode. Der große Durchbruch bleibt ihm versagt. Wieso eigentlich?

Eigentlich kann Kostas Murkudis alles. Er hat Unterwäsche entworfen, Schuhe, Schmuck, Modelinien für Frauen und Männer, Kaschmirpullover, gehobene Sportbekleidung, Jeans, Kaufhausmode, Ledertaschen, Mobiltelefonhüllen, eine Klanginstallation, Turnschuhe sowieso. Sein Bruder Andreas Murkudis meint sogar: „Ich kenne kaum einen Designer, der so vollkommen ist wie er.“

Die Liste der Traditionsunternehmen für die der deutsche Designer mit den griechischen Wurzeln in den vergangenen 30 Jahren gearbeitet hat ist jedenfalls lang: Schiesser, Ludwig Reiter, Swarovski, Johnston Cashmere, Burlington, Pringle of Scotland, New York Industries und Coccinelle. Er war mehrere Jahre in Italien tätig und zeigt in Paris seit langem eine Mode unter seinem eigenen Namen. Vor einer Saison hat er sich als Designchef für die Frauenkollektion des deutschen Labels Closed verpflichtet. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit – Jeans in satten, dunklen Waschungen, Jacken und Oberteile in ungewöhnlicher Steppoptik und minimalistische Kleider in tiefen Blauschattierungen – wurde auf der Berlin Fashion Week gerade begeistert gefeiert.

Außerdem hat er mit Helmut Lang zusammen gearbeitet, fast sieben Jahre lang ab Mitte der 1980er, in Österreich. Dieser Teil seiner Vita hat nicht an Strahlkraft eingebüßt. Bis heute bringt die Modewelt Kostas Murkudis mit dem österreichischen Designer in Zusammenhang. In New York oder Tokyo heißt es dann „Kostas Murkudis, ah, einer von Helmuts Leuten. Er ist gut. “

Für den Olymp der Mode reichte es bislang noch nicht. In Paris, Mailand, London und New York werden andere Namen gefeiert. Kostas Murkudis hingegen sitzt mit seinem guten Ruf in einem schmucklosen Atelier in einem eher tristen Winkel von Berlin Mitte, auf der Potsdamer Straße. Ein Tisch, zwei Stühle, von oben Neonlicht, die Heizung ist gerade ausgefallen. Es ist still, nur aus seinem Mac Book Pro tönt leise Musik, ab und zu leuchtet das Display seines iPhones. Kostas Murkudis hat sein silbern meliertes Haar zurückgestrichen, er trägt zur schwarzen Jeans einen bordeauxfarbenen Kapuzenpulli. Alles hier ist unaufgeregt, er ist es auch.
Zum hysterischen fashion business passt das nicht. Gefragter sind große Auftritte und große Gesten. Ein künstlicher Eisberg auf der Chanel-Schau, eine lebensgroße Dampflok bei Louis Vuitton, bestellte stehende Ovationen für Giorgio Armani, Marc Jacobs im schwarzen Spitzenkleid von Comme des Garçons. Sicher, es gibt auch stille Charaktere wie die Belgier Dries van Noten, Raf Simons, oder Martin Margiela, der Unsichtbarkeit zu seinem Image gemacht hat – aber sie sind selten.
Auch Kostas Murkudis stellte sich Paris. „Ich wollte der Angst begegnen, dem Risiko zerschmettert zu werden.“ Sein eigenes Label gründete er 1994, zwei Jahre nachdem er bei Helmut Lang aufgehört hatte. Als Startkapital diente ihm das Preisgeld des Phillip Morris Design Awards, er zeigte regelmäßig eine Frauen- und eine Herrenkollektion. Von Anfang an hatte er eine treue Fangemeinde, schließlich führten international fast 80 Läden seine Marke. Doch das reichte nicht.

Über sein Scheitern spricht er nicht im Detail, aber er sagt: „Das war das Schockierendste, das mir passiert ist.“ Es gibt Stimmen, die sagen Kostas Murkudis sei eine Diva oder schlichtweg nicht talentiert genug, um einer der ganz Großen zu werden.
Sein Bruder sieht das anders: „Kostas ist introvertiert und in seiner Arbeit kompromisslos. Keiner, der in die Welt geht, um seinen Ruhm zu mehren.“ Er sagt sein Bruder sei toll, aber nicht ganz einfach.

Kaum jemand kennt Kostas Murkudis so gut wie sein Bruder, die beiden stehen sich ungewöhnlich nahe. Kostas ist Jahrgang 1959, Andreas zwei Jahre jünger. Sie kamen in Dresden zur Welt, ihre Eltern waren vor dem Militärregime in Griechenland geflohen. Eine Weile verbrachten sie in einem Auffanglager des Roten Kreuz. „Dort haben wir auf engem Raum zusammen gelebt“, sagt Andreas Murkudis, „das hat uns zusammengeschweißt.“ Er erzählt, dass sie die gleichen Schulen besuchten, alles voneinander wussten und selbst die intimsten Dinge miteinander teilten. Bis heute hat sich daran nichts geändert, sie sprechen täglich miteinander, der eine verfolgt die Arbeit des anderen, sie beraten und kritisieren einander. Was die Mode angeht, teilen sie ähnliche Werte: „Es geht um Qualität und Handwerk, mit der Wegwerfindustrie können wir nichts anfangen“, sagt Andreas Murkudis, der in seinem eigenen Laden in Berlin ausgesuchte Designer wie Balenciaga, Dries van Noten oder Nymphenburger Porzellan führt. Der Laden liegt nur einen Hof weiter als das Atelier von Kostas Murkudis. Die Brüder sind kaum einen Steinwurf voneinander entfernt.

Nachdem Kostas Murkudis seine Marke Anfang der Nuller Jahre aufgeben musste, begann er, Kollaborationen einzugehen, einige von ihnen auch auf Anraten seines Bruders. Die meisten waren nach zwei Saisons beendet, aber an Kostas Murkudis lag das nicht: „Ich hätte all diese Dinge auch länger gemacht“, sagt er, „aber Schiesser meldete Insolvenz an, Coccinelle ging es finanziell auch nicht so gut und Karstadt war schon nach zwei Saisons vorbei, obwohl wir eine ganz andere zeitliche Perspektive geplant hatten.“

Trotzdem war jedes seiner Projekte ein Erfolg. Sein Mut zu abstrakten Formen und ungewöhnlichen Farbkombinationen adelte eine Sandale der deutschen Schuhmarke Flip Flop zum high fashion Schuh und führte ein farbiges Plateau vor, lange bevor es Miuccia Prada zum modischen Standard einer Saison erhob. Über die vielen Kollaborationen sagt er heute: „Geniert habe ich mich dafür nie. Ich habe immer viel gelernt.“ Und er hat eine Anpassungsfähigkeit bewiesen, die ihn in den Augen von Gordon Giers, einem der drei Besitzer der Marke Closed, auszeichnet: „Er verfügt über die kreative Intelligenz, sich in eine Marke hineinzudenken. Er ist offen, flexibel und neugierig.“ Flexibel schon, aber nicht willenlos. Abgelehnt hat er lukrative aber für ihn unsinnige Angebote, wie zum Beispiel das, als Juror bei „Germany´s Next Topmodel“ aufzutreten. Auch eine Professur hat ihn nie gereizt. „Dafür bin ich viel zu interessiert am Machen.“

Die Verpflichtungen auf Zeit, die Kostas Murkudis vor über zehn Jahren angenommen hat, sind mittlerweile auch für noch namhaftere Designer die ganz normale Realität: Statt ein Label unter eigenem Namen zu führen, stellen sie ihr kreatives Talent zur Verfügung und verfeinern das Image einer großen Marke. Deswegen arbeitet Phoebe Philo für Celine, Kris van Asche für Dior Homme und Nicolas Ghesquière, der bis zum letzten Herbst das Design-Department für Balenciaga leitete, ist einer der ganz wenigen, die sich auf ein Label unter eigenem Namen freuen dürfen.

Für Kostas Murkudis boten die Kollaborationen, die er nach 2001 annahm und die „primär wirtschaftlich motiviert“ waren auch eine andere Möglichkeit: Er konnte die Arbeit an seiner Marke „Kostas Murkudis“ wieder aufzunehmen. Seit 2009 fertigt er wieder zwei Frauen-Kollektionen im Jahr und präsentiert sie in Paris im Showroom. Seit 2010 wird er durch die Münchner Agentur Loews vertreten, die auch Prada und Jil Sander zu ihren Kunden zählt. Seine Muse ist das Model Luca Gadjus, die für Marken wie Miu Miu und Prada arbeitet. An ihr führt er die meisten seiner Kollektionen vor.

Sein Scheitern in Paris war nicht das Ende seiner Karriere. Im Gegenteil. Denn heute fügt sich Vieles so wie Kostas Murkudis es immer wollte: Er lebt und arbeitet in Berlin. Dort, wo seine Familie ist, also Andreas, dessen Frau und Kinder und auch der über 80jährige Vater, der dreimal im Jahr nach Berlin kommt und dann für zwei Monate bleibt. Dort wo seine Freunde sind, sein kleines Netzwerk, in dem Kunst und Mode zusammenlaufen.
Seine eigene Kollektion führt er in kleinem Rahmen fort, wie er sagt „als Fingerübung, um zu sehen, dass ich es noch kann.“ In der kommenden Saison wird er es mit schwarzer Seide, feinen Baumwollen und Bast sagen – die Stoffproben sind schon zu Collagen zusammengelegt, auf dem Tisch in seinem Atelier.
Mit Closed hat er einen Arbeitgeber gefunden, der ihm die Arbeitsbedingungen bietet, die er braucht. Die in den 80er Jahren gegründete Marke, die die Erfindung der Designerjeans für sich beansprucht, nimmt sich bewusst Zeit, sich langsam zu entwickeln. Designer wie Martin Margiela und Ennio Capasa von Costume National haben hier gearbeitet, die letzte Designerin, die von Burberry kam, schied nach sechs Jahren nur deswegen aus, weil sie mehr Zeit mit ihren zwei Kindern verbringen wollte.
Gordon Giers nimmt Kostas Murkudis und seine Bedürfnisse ernst. Er kann sich seine Zeit frei einteilen und man hat ihm in Hamburg einen eigenen Arbeitsraum eingerichtet – ohne Telefone, ohne Durchgangsverkehr, ohne Störungen. Genau das richtige für einen, der Rückzug liebt. Dem Designer scheint es zu gefallen. Im Herbst stand er auf der Liste der möglichen Nachfolger für das französische Haus Balenciaga. Bei Closed hielt man den Atem an. Aber Kostas Murkudis blieb. Er sagt: „Da wo ich gerade bin, fühle ich mich wohl.“
printmailFacebook Twitter0 Google+
21.12.2012
Musikexpress
Siegertreppchen
Mit dem Fotografen Amos Fricke und der Haare/Make-up Artistin Ewa Cervena entstand diese Strecke für den Musikexpress. Wir würdigen die Gewinner der ME-Style Awards, unter anderem die Designer Hien Le und Marc Jacobs.
printmailFacebook Twitter0 Google+
21.11.2012
Musikexpress
Lianne La Havas
Lianne La Havas war kurz in Hamburg und hatte Zeit für einen Nachmittag mit dem Fotografen Anselm Woesler, meinem Assistenten Henning Jurke und mir. Sogar die Sonne kam kurz raus. Jetzt erscheint die Produktion in der Dezember-Ausgabe des Musikexpress.











Making of: Michael Braun/RomanundBraun

printmailFacebook Twitter0 Google+
20.11.2012
Zeit Online
Nicolas Ghesquière verlässt Balenciaga
Das Stühlerücken in den Designabteilungen der großen Modehäuser geht weiter. Nachdem in diesem Frühjahr Raf Simons von Jil Sander zu Dior wechselte und Hedi Slimane sich bei Saint Laurent Paris verpflichtete, trennen sich nun Balenciaga und Nicolas Ghesquière.

Am Montag erklärte der Luxusgüterkonzern Pinault-Printemps-Redoute (PPR), dass der verantwortliche Designer das französische Modehaus zum Monatsende verlässt. In der Erklärung heißt es, die Entscheidung sei einvernehmlich gefallen. Einen Nachfolger für Ghesquière gab PPR vorerst nicht bekannt.

Der Gründer von PPR, François-Henri Pinault, lobte Nicolas Ghesquière für sein "unvergleichliches kreatives Talent" und würdigte seine Arbeit als "entscheidend für die einzigartige Ausrichtung des Hauses". Ghesquière selbst stand für eine Stellungnahme nicht zur Verfügung, weil er sich auf einer Japanreise befindet.

Der Abgang kam überraschend, denn Nicolas Ghesquières Arbeit war künstlerisch und kommerziell erfolgreich. Er hatte großen Rückhalt innerhalb von PPR und galt unter Modekritikern als visionärer Kopf. Im dritten Quartal dieses Jahres steigerte die PPR-Gruppe, zu der auch Alexander McQueen, Gucci und Stella McCartney gehören, ihren Gewinn um knapp sieben Prozent. Raf Simons, der als Designer für Jil Sander von Kritikern stets bejubelt wurde, konnte dagegen seine Vision gegenüber dem Haus wohl deswegen nicht länger durchsetzen, weil der kommerzielle Erfolg fehlte.

Eine Linie unter eigenem Namen

Nicolas Ghesquière arbeitete fünfzehn Jahre für Balenciaga. Außer ihm können nur Marc Jacobs, der ebenfalls seit fünfzehn Jahren für Louis Vuitton arbeitet, und Karl Lagerfeld, der bei Chanel seit dreißig Jahren das Design bestimmt, auf eine ähnlich lange Karriere in einem Modehaus zurückblicken.

Ghesquière, der zuvor als Assistent bei Jean-Paul Gaultier gearbeitet hatte, erwies sich schnell als unerschrockener Erneuerer des Couture-Labels, das der Spanier Christóbal Balenciaga 1937 gegründet hatte. Ghesquière scheute das große Erbe nicht und zitierte stilprägende Formen wie die geradlinige I-Linie oder die locker fallenden Kimonoärmel, die der Kundin Bewegungsfreiheit erlaubten. Dem historischen Erbe des Couture-Hauses stellte er sein Faible für Science-Fiction gegenüber. Er entlehnte High Heels den Uniformen von Football-Spielern, zeigte Kleider aus Neopren und Silhouetten, die an Comic-Heldinnen erinnerten. Der häufige Einsatz von Funktionsstoffen und extremen Schnitten prägten Ghesquières Kollektionen ebenso wie die Tragbarkeit seiner Entwürfe.

Bernard Arnault, Chef des Luxuskonzerns Moet Hennessy Louis Vuitton (LVMH) soll Ghesquière laut einem Bericht der New York Times bereits eine Linie unter eigenem Namen und der Leitung seiner Kinder Delphine und Antoine Arnault angeboten haben. Das könnte durchaus eine Möglichkeit für den Franzosen sein. Im Gespräch mit Tom Ford für das amerikanische Interview-Magazin sagte Ghesquière vor einigen Jahren: "Ich stecke soviel von mir selbst in Balenciaga, dass ich, wenn jemand zu mir sagen würde 'Komm, lass uns das Nicolas Ghesquière Projekt umsetzen', das nicht könnte."
printmailFacebook Twitter0 Google+
04.11.2012
Süddeutsche Zeitung
Erste Reihe: Namen
1. Seit wann wird eigentlich so ein Aufhebens gemacht um den richtigen Baby-Namen? US-Schauspielerin Uma Thurman etwa taufte ihre kleine Tochter auf den, ähem, die Namen: Rosalind Arusha Arkadina Altalune Florence – kurz Luna. Eigentlich ist es egal, denn wenn sie mal groß ist und auch im Showgeschäft reüssieren will, kann sie sich einen Künstlernamen zulegen. Wie Popstar Lizzie Grand, die derzeit als Lana del Rey Erfolg hat. Oder Sänger Prince, der den schwer aussprechbaren Namen hat: O(+>.

2. Prince legte seinen Namen ab, weil seine Plattenfirma die Rechte an seinem Namen hielt. Ganz anders die Fußballstadien in Deutschland: Sie lassen sich zur hochglanzpolierten Arena umbauen und nennen sich fortan nach ihren Finanziers: So heißt das ehemalige Waldstadion in Frankfurt nun Commerzbank Arena, das Westphalen-Stadion in Dortmund Signal-Iduna-Park, die Stuttgarter kicken im Gottlieb Daimler Stadion und die armen Nürnberger gehen nicht ins Franken- sondern ins Easy Credit-Stadion. In Bremen ist die Welt in Ordnung: Das Weserstadion heißt nicht Wiesenhof-Arena.

3. Die Werbung suggeriert gerne, dass ein Produkt sich alleine dadurch ändert, dass man ihm einen neuen Namen gibt. Was natürlich Quatsch ist. Im „Happy Meal“ steckt ebenso wenig Glück wie in der „Juniortüte“ dafür ähnlich viel Fett. „Twix“ schmeckt immer noch wie „Raider“ und die „Agentur für Arbeit“ zu besuchen ist genau so deprimierend wie das „Arbeitsamt“. Und was „Sky“ angeht: Sportfans gucken in die genau gleiche Röhre wie damals bei „Premiere“. Aber die Werbung ist besser.

4. Die Swastika ist in Indien ein Glücksbringer, die mit der Symbolik des Hakenkreuzes hierzulande nichts zu tun hat. Als Rajeh Shah im indischen Ahmedabad sein Modegeschäft „Hitler“ nannte (nach seinem Großvater) und ein Hakenkreuz in den i-Tupfen malen ließ, dachte er sich nichts Böses. Kurz darauf konnte er sich vor übler Presse aus dem Westen kaum retten. Jetzt sucht er nach einem neuen Namen für seinen Laden. Kleiner Tipp, Mister Shah: „Napoleon“ wäre halbwegs unbedenklich.


5. Hedi Slimane hat einen Namenstick. Wo er hinkommt, muss er Namen ändern. Als Chefdesigner bei Dior taufte er 2001 „Christian Dior Monsieur“ in „Dior Homme“ um. Jetzt krempelt er auch das französische Modehaus Yves Saint Laurent mit den drei verschlungenen Buchstaben – YSL – um und nennt es „Saint Laurent Paris“. Zwar hieß es in den 70er Jahren schon einmal so, aber da saß es auch in Paris. Hedi Slimane hingegen verlegt das kreative Herz kurzerhand nach Los Angeles, ausgerechnet. Armer Yves!

6. 1953 beschloss der damalige Ministerpräsident der DDR, Otto Grotewohl, Chemnitz in Karl-Marx-Stadt umzutaufen. Dass Marx aus Trier stammte, störte ihn wenig; aus Chemnitz sollte eine sozialistische Prachtstadt werden. Die Band Kraftklub hat ihrer Heimatstadt ein Lied gewidmet. Der Refrain stimmt etwas traurig: „Ich komm aus Karl-Marx-Stadt / bin ein Verlierer Baby/ original Ostler“. Wie Grönemeyers „Bochum“ ist es eine Hymne für eine Stadt, deren Strahlen man erst auf den zweiten oder dritten Blick erkennt.

7. Noch lieber als ihren Namen zu ändern, lassen sich Stars Lebensweisheiten und Glücksformeln auf den Körper tätowieren, gern in glücksformelreichen Schriften wie chinesisch oder hindi. Blöd nur, wenn der Tätowierer das Rechtschreibeniveau eines Grundschülers hat. So steht auf David Beckhams Arm nicht „Victoria“ , sondern „Vihctoria“ und auf Britney Spears Hüfte „seltsam“ statt „geheimnisvoll“ – auf chinesisch. Glück hatte Justin Timberlake, der sich für eine Filmrolle den halben Arm mit japanischen Schriftzeichen zuhacken ließ. Der „Eiskunstlaufen“- Schriftzug war abwaschbar.


printmailFacebook Twitter0 Google+
10.09.2012
Süddeutsche Zeitung
In der Grauzone
Offiziell gibt es in Deutschland keine Mode für Senioren. Sicher, Kleidung für Menschen, die beim Ankleiden auf die Hilfe anderer angewiesen sind, gibt es wohl. Im Fachhandel oder Sanitätshaus. Aber modische Bekleidung, die sich explizit an Ältere wendet? Nicht in deutschen Einkaufsstraßen.

Dort sieht es aus, als wäre Deutschland von Teenagern bevölkert. Miniröcke und grelle Prints bei Zara, knallbunte Hosen bei C&A, bauchfreie Strickpullis bei Benetton und selbst im konservativen Kaufhaus Peek & Cloppenburg hängen in diesem Spätsommer Röhrenjeans und T-Shirts, die mit Tribalmotiven bedruckt sind. Dabei liegt das durchschnittliche Alter der Deutschen bei 43,7 Jahren, laut Angaben des Europäischen Statistikamts Eurostat. Und die Menschen werden bekanntlich immer älter - Frauen im Durchschnitt etwa 82 Jahre und die Männer 77,5 Jahre.

Über Kaufkraft verfügt die Generation der jetzigen Alten allerdings auch, deswegen hat die Werbeindustrie ja so schöne Bezeichnungen für sie erfunden - die "Best Ager", die "Generation Gold" und die "Master Consumer". Kleiden müssen sie sich allesamt, nur bislang wollte die Kleider niemand für sie entwerfen.

Die kurze Hoffnung, der schwedische Konzern H&M könne sich dieser Altersgruppe annehmen - es gab Gerüchte über eine neue Marke - verflüchtigt sich bei der Anfrage in der Presseabteilung. Ein Label für ältere Leute? Nein, das sei nun wirklich nicht geplant. Wer sich in deutschen Einkaufsstraßen umsieht, wundert sich jedenfalls nicht, dass viele Senioren zu beigefarbener Funktionsbekleidung aus dem Katalog greifen - eine pure Verzweiflungstat.

Dabei führt die Modebranche selbst schon seit einiger Zeit vor, dass ältere Menschen eine Rolle spielen. Der Schmuckhersteller Bulgari wirbt mit der italienischen Schauspielerin Isabella Rossellini, die im Juni 60 Jahre alt geworden ist. In der Herbst-Winter-Kampagne der französische Luxusmarke Lanvin ist das Amateurmodel Jacquie "Tajah" Murdock zu sehen, sie ist 82. Und die amerikanische Modekette American Apparel, die für ihre Kampagnen mit jungen Angestellten in freizügigen Posen bekannt ist, wirbt nun mit Jacky O'Shaughnessy, einer wunderschönen Dame mit langen, grauen Haaren, die Ende des Jahres ihren 61. Geburtstag feiert. Und die nichts an einem "crotch shot" findet, einem Foto, bei dem die Kamera auf ihre gespreizten Beine hält.

Ja, ältere Herrschaften erleben gerade so etwas wie ihren zweiten Frühling, in der Mode. Sie tauchen in Modeblogs auf (advancedstyle.blogspot.com) und auf internationalen Laufstegen, zum Beispiel in Paris bei Jean-Paul Gaultier, in Berlin bei Michael Michalsky, in Mailand für den Herrenmodedesigner Adam Kimmel. Umso erstaunlicher, dass sich so wenige Modemarken mit dieser Klientel befassen wollen.

Womit man unweigerlich bei Gerry Weber ist. Die Firma hat - und das gilt auch für andere Damenoberbekleidungshersteller - nur leider nicht den Appeal eines angesagten Modelabels. Die Sachen sind bekannt dafür, unauffällig zu sein, was aber nicht mit "minimalistisch" zu verwechseln ist. Aktuell heißt das: Strickcardigans mit ethnisch inspirierten Mustern, Blazer in den üblichen Herbstfarben, schmale Hosen und gestreifte T-Shirts. Aber dort traut man sich zu sagen, dass Menschen jenseits der 40 eine andere Mode brauchen. In dieser Hinsicht könnte man Gerry Weber also durchaus "radikal" nennen.

Doris Strätker betreut das Design aller Gerry-Weber-Kollektionen und sitzt auch im Vorstand. Sie sagt: "Zwischen 40 und 45 verändert sich die Silhouette der Frau. Damit wollen sich die wenigsten Firmen befassen. Es ist einfacher, für 16- bis 30-Jährige zu entwerfen."

Viel einfacher, denn: Irgendwann verschwindet langsam die Taille. Mal mehr, mal weniger, je nach Lebensstil und Veranlagung. Nicht alle Frauen nehmen beispielsweise durch die Wechseljahre zu, in jedem Fall aber ändert sich die Silhouette. Was die Massenmodeketten auf ihre Kleiderständer hängen, ignoriert jegliche mögliche physische Veränderung. Ein Sonderfall ist die Übergrößenkollektion von H&M - aber älter zu werden bedeutet ja nicht zwangsläufig, rund zu werden. Wenn eine Frau jenseits der 40 trotzdem weiter bei den sogenannten Highstreetlabels einkaufen will, braucht sie ein gutes Händchen (COS ist besser geschnitten und um einiges eleganter als H&M!). Oder aber sie sieht aus, als würde sie die abgelegten Klamotten der eigenen Tochter auftragen.

Wie sieht man das Thema "Mode im Alter" bei Strenesse, jenem deutschen klassisch-eleganten Modelabel, das vor mehr als sechzig Jahren in Nördlingen/Bayern gegründet wurde, und das von Gabriele und Gerd Strehle und seit diesem Jahr auch von ihrem Sohn Luca geführt wird? Gabriele Strehle sagt am Telefon, es sei ihre Erfahrung, dass das Bedürfnis nach gut Gemachtem mit dem Alter steige - man setze mehr auf "Investmentmode" denn auf "Verschleißteile". "Ein Mensch sieht nur gut aus in einem Kleidungsstück, wenn er sich darin körperlich wohl fühlt", sagt sie. "Das ist eine Frage der Materialien, der Passform, der Nähte, des Schnitts. Ich frage mein Team immer: Ist das Teil wirklich hautig? Das Wort gibt es nicht. Versteht aber jeder. Das heißt, die Mode als Haut begreifen." Bei Strenesse werden alle Kollektionen in den Größen 34 bis 42 angeboten - recht sinnvoll, wenn man bedenkt, dass die Durchschnittsgröße deutscher Frauen keine 36, sondern eine 42 ist.

In jeder Größe werden alle Proportionen sorgfältig bedacht. In Nördlingen genauso wie in Halle. Frau Strätker von Gerry Weber erklärt, warum das so wichtig ist: "Übersetzt man einen Schnitt auf unterschiedliche Größen, ändern sich alle Details: vom Abnäher über das Revers bis hin zu den Taschen, die neu gesetzt werden müssen. Jacketts werden beispielsweise pro Größe einen Zentimeter länger - deswegen sehen ab Größe 42 zwei Knöpfe besser aus als einer." Trotzdem: Im Hause Strenesse ist man darauf bedacht, nicht den Eindruck zu erwecken, man entwerfe Mode für die ältere Generation. Gabriele Strehle weist darauf hin, dass Frauen heute andere Körper haben, dass sie Yoga machen und sich gesund ernähren. Das bedeutet also in logischer Konsequenz: Diese Frauen fühlen sich von einem jüngeren Model wie Luca Gadjus vielleicht mehr animiert als von einer rüstigen älteren Dame.

Wenn jemand weiß, was es bedeutet, für Senioren Mode zu entwerfen, dann Fanny Karst. Die 27-jährige Französin und Absolventin des Central Saint Martins College in London entwirft ganz explizit Mode für ältere Damen. Sie hat nichts dagegen, wenn auch Mädchen ihre Mode anziehen, aber ihre Zielgruppe sind die über 50-Jährigen. Meistens sind sie noch älter.

Kürzlich präsentierte Karst ihre vierte Kollektion. Kleider, Röcke und Hosenanzüge in Weiß und Marineblau, mit Digitalprints von Urlaubsmotiven, etwa einem Baum vor einem abendlichen Horizont oder einer palmengesäumten Chaussee. Auf dem Rücken einer Jacke steht "See you in Paris next year. Perhaps." Beige sucht man hier vergeblich, auch von kitschigen Pastelltönen hält die Designerin nichts. Ihre Mode spielt mit der Vergänglichkeit, ist aber wunderschön und lebensbejahend. Auf der jüngsten Show im Londoner Westend präsentierten fünf lässige Omis ihre Mode. Eine von ihnen ging an einem Stock mit silbernem Knauf. Alle trugen Espadrilles, jede für sich sah hinreißend aus. "Old Ladies Rebellion" heißt ihr Label - übersetzt: die Rebellion der alten Damen. Die Mode ist ungewöhnlich, elegant, und ziemlich frech. Und man denkt nicht einen Augenblick daran, dass diese Mode zu jung sei für ihre Models.

Fanny Karsts Faszination für betagte Damen hat ganz persönliche Gründe. "Ich habe immer meine Großmutter bewundert", erzählt sie. "Sie hatte nicht einmal einen großen Hang zur Mode, trug aber alles mit einer unglaublichen Haltung. Ich wollte für alte Damen entwerfen - so wie ich das sehe, ist das Alter ihre Stärke. Sie müssen keine Rücksicht mehr nehmen, trauen sich, exzentrischer zu sein, und sagen frei heraus, was ihnen gefällt und was nicht."

Ihre Kundinnen gewinnt Fanny Karst per Mundpropaganda. Sie kommen dann ins Atelier zu Anproben und geben der Designerin Feedback, was ihnen gefällt und was nicht. Fanny Karst zeigte ihre Kollektion in diesem Jahr zum ersten Mal in Paris. Doch ausgerechnet in der Stadt der Mode war man für die "Old Ladies Rebellion" noch nicht so ganz bereit. "Ich hatte laute Hip-Hop-Musik ausgesucht, zu der meine Damen die Kollektion vorführten. Das Publikum war ein bisschen schockiert. Ihnen fehlt wohl der britische Humor", erzählt Fanny Karst.

Tatsächlich ist Mode für Ältere bislang überwiegend genau das: humorlos. Kleidung für Ältere, das führt der Teleshoppingsender HSE24 täglich vor - mit Marken wie Sarah Kern und Helena Vera -, muss kaschieren, verspielte Details haben und einen gewissen Stretchanteil. Das kommt bei der Zuschauerin an - der Modeanteil des Sortiments hat sich in fünf Jahren mehr als verdoppelt. "Unsere Hauptzielgruppe in der Mode sind Frauen zwischen 40 und 60", sagt Eva Brüning, die Leiterin der Abteilung Softgoods - also: Textilien. "Aber auch ältere Damen werden bei uns fündig." Brüning erklärt, dass auch hier die Schnitt-Techniker die Körperproportionen berücksichtigen, die sich mit dem zunehmenden Alter ändern. Außerdem werden die meisten Artikel von Größe 36 bis 54 angeboten - und es gibt außerdem Kurzgrößen für die nicht so groß gewachsene, ältere Generation. "Wir passen die Schnitte so an, dass sie auch bei einer Körpergröße von unter 1,68 Meter passen - die Hose also nicht unter der Brust sitzt", erklärt Brüning.

Die älteren Zuschauerinnen schätzen die Präsentationen im scheinbar privaten Rahmen, ein Konzept aus vergangenen Tagen. Bei HSE24 wird die Zuschauerin direkt vom Moderator angesprochen, er gibt Pflegehinweise und Infos zu den Trends der jeweiligen Saison. Die jüngeren Zuschauer grinsen und wünschen sich für ihre älteren Verwandten einen frischeren Look. Vielleicht folgen ja bald noch mehr Designer dem Beispiel von Fanny Karst. Ein paar Farbtupfer täten der beigefarbenen Landschaft da draußen ganz gut.

Foto: Amina Nolan
http://www.sueddeutsche.de/stil/modeindustrie-entdeckt-senioren-in-der-grauzone-1.1461937
printmailFacebook Twitter0 Google+
05.08.2012
Süddeutsche Zeitung
Die Guten ins Körbchen
In einer Zeit, in der die Mode immer schneller wird, machen sie einen hoch effizienten Job: die Einkäufer der Online-Kaufhäuser. Sie müssen wissen, was sich verkauft – lange bevor etwas Trend wird. Unterwegs mit einem „Buyer

Es ist immer dasselbe, ob in Paris, London, oder in Mailand, wo vor kurzem die Herrenmodenschauen stattfanden: Für die Schauen selbst bleibt einfach keine Zeit. Während Moderedakteure und Stylisten bei 35 Grad im Schatten auf die nächste Schau warten, rauchen und Vitamin-Mineralwasser trinken, müssen die Einkäufer weiter.
Im klimatisierten Showroom L.A. Distribuzione begutachtet Matteo Fontanelli die neueste Kollektion der amerikanischen Marke Band of Outsiders. Zuerst verschafft er sich einen Überblick über die Kollektion, Sommer 2013. Auf eine Kleiderstange hängt er die Stücke, die ihm gefallen. Hier eine Hose, da ein Hemd, dort drüben ein Jackett. Immer wieder fährt der Einkäufer mit den Fingern über die Stoffe, sieht sich Nähte und Verarbeitung ganz genau an. Ab und zu schlüpft er sogar selbst in eine Jacke, um ihren Sitz zu überprüfen. Wie fühlt sich der Stoff auf der Haut an? Wirft er Falten? Lässt sich das Teil überhaupt waschen? Eigenheiten erfährt er vom Showroom-Mitarbeiter.



Matteo Fontanelli ist ein „Buyer“, ein Einkäufer, für das italienische Online-Kaufhaus Luisaviaroma. Und er macht den vielleicht effizientesten Job in der Branche. Die Online-Einkäufer setzen Trends, bevor die Modemagazine sie ausrufen. Was sie aussuchen, wird dank der globalen Reichweite des Internets weltweit geklickt und gekauft. Die Einkäufer sorgen dafür, dass neue Kollektionen in den führenden Online-Kaufhäusern wie Luisaviaroma.com, Netaporter.com und Mytheresa.com ausliegen, bevor sie im konventionellen Handel verfügbar sind. Oder man in der Vogue über sie liest.
Natürlich arbeiten auch Programmierer, Grafiker und Redakteure für die Online-Kaufhäuser. Aber es sind die Einkäufer, die einfach alles über die aktuelle Mode wissen müssen. Sie stellen ein feinsinniges Sortiment zusammen, wie man es bislang nur aus „concept stores“ –Themenläden – wie Colette in Paris, Dover Street Market in London oder Excelsior in Mailand kannte.
Bekannt ist keiner der Experten, die für die etablierten Online-Häuser auf Shopping-Tour gehen. Im konventionellen Modehandel ist das nicht anders. Kaum einer weiß, wer den Einkauf für ein Haus wie das KaDeWe, Ludwig Beck oder die Galeries Lafayette macht. Aber im konventionellen Handel werden selten Trends gesetzt. Online schon.
Bisher kaufte man sich Magazine wie die Vogue, um zu erfahren, was wichtig ist. Man sicherte sich durch die Kritiken von Suzy Menkes oder Cathy Horyn in der New York Times ab. Kollektionen schaute man auf style.com.
Jetzt klickt man auf Netaporter, Luisaviaroma oder Mytheresa und sieht die aktuellen Kollektionen in Bildern, die ungleich tiefenschärfer und detailgenauer sind, als alles was man gedruckt zu sehen bekommt. Als Zugabe gibt es Vorschläge für die Kombinationen von Kollektionen und Tipps für das richtige Outfit zum richtigen Anlass. Ein Ersatz für die herkömmlichen Modemedien ist das noch nicht. Aber eine ernstzunehmende Ergänzung, die die Deutungshoheit der konventionellen Mode-Medien infrage stellt.
Allein in Deutschland kaufen laut „Arbeitsgemeinschaft Online Forschung“ insgesamt 85,5 Prozent der Internetnutzer in den vergangenen zwölf Monaten Produkte online. Das sind umgerechnet 42,88 Millionen Menschen. Damenbekleidung und Schuhe rangieren auf Platz vier der Bestsellerliste. Und es ist etwas anderes, ob ein weißes T-Shirt im Peek & Cloppenburg in Wolfenbüttel ausverkauft ist, oder ob es weltweit vegriffen ist. Als Susanne Botschen, die Chefeinkäuferin von Mytheresa, vor rund einem Jahr einen Turnschuh der französischen Designerin Isabel Marant anbot, entschied sie sich für ein schwieriges Stück. Der „Betty Sneaker“ hat ein verstecktes Plateau und sieht aus wie ein orthopädischer Korrekturschuh. Er war über Nacht ausverkauft, auch bei Netaporter. Bis heute gibt es Wartelisten für diesen Turnschuh. „Wenn es so läuft, macht der Job Riesenspaß“, sagt Botschen.
Aber was ist zu tun, damit es so läuft? Auf den ersten Blick arbeiten Online-Einkäufer wenig anders als ihre Offline-Kollegen. Sie sichten in Showrooms die aktuellen Kollektionen und ordern ausgewählte Stücke. Sie besuchen die großen Modemessen, immer auf der Suche nach neuen, vielversprechenden Marken. Aber wer einen Online-Buyer begleitet, sieht: ihr Zeitplan ist atemloser, ihre Werkzeuge präziser. Sie sind, schlichtweg schneller.
Matteo Fontanelli, Einkäufer für „contemporary menswear“, setzt auf ein dreiköpfiges Team, einen Laptop, ein iPad und eine Handvoll Smartphones. An einem durchschnittlichen Arbeitstag stehen drei bis vier Showrooms mit je bis zu fünfzehn Kollektionen auf dem Programm. Fast sechzig Kollektionen sichtet Matteo Fontanelli so an einem Tag. Auf ein solches Pensum kommt nicht einmal die geschäftigste Moderedakteurin. Im Mailänder Showroom stellt er fünf komplette Looks zusammen. Wie ein Stylist sucht er nach interessanten Kombinationen – gute Farbzusammenstellung, interessanter Materialmix, schlüssige Proportionen. Dann muss sein Team ran: Ein Model schlüpft in die Outfits, die von allen Seiten fotografiert werden. Details werden als Nahaufnahmen mitgenommen. Parallel protokolliert Fontanellis Assistentin die Order auf dem Laptop. „Gestione Ordini“ heißt das Computerprogramm, in dem man nicht nur die Stückzahl und den Preis einträgt, sondern zudem jedes noch so kleine Detail vermerken kann. Wie viele Taschen hat das Jackett? Ist die Jeanswaschung „sandblasted“ oder doch „frat pack wash“?
Während Fontanelli die Kollektion durchgeht, hat er stets sein iPad im Auge. Der Tablet-PC verrät ihm, welche Stücke der aktuellen Band-of-Outsiders-Linie sich gut verkauft haben, wie überhaupt alle älteren Kollektionen gelaufen sind. Und er kann live verfolgen, wenn es gerade einen Run auf ein bestimmtes Teil gibt. Diese Zahlen beeinflussen seine Bestellung. Jedoch: Deutlich weniger, als man vermuten würde. „Die kommerziell erfolgreichen Stücke interessieren mich nicht. Ich lasse mir bewusst die ungewöhnlichen zeigen.“ Spricht’s und hängt ein halbtransparentes Regencape für Herren mit auf den Rollständer. Es ist mit rot-blauen Segelboot-Motiven bedruckt und sieht nach einem niedlichen Kleidungsstück für Schuljungs aus. Man kann sich schwer vorstellen, dass es viele Männer gibt, die dieses Gummi-Mäntelchen freiwillig anziehen würden.



Aber Matteo Fontanelli ist sich seiner Sache sicher. Der typische Online-Kunde sei schließlich, so erklärt er, überdurchschnittlich modeaffin, überdurchschnittlich gut informiert und suche nach außergewöhnlichen Stücken. Allerdings: „Onlinekunden sind faul“ , so Matteo Fontanelli. „Je mehr Klicks sie zwischen dem Kleidungsstück und dem Einkaufswagen machen müssen, desto unwahrscheinlicher wird es, dass sie etwas kaufen. Deswegen muss auf einen Blick alles klar sein: Material, Stoff, Verarbeitung, Schnitt und Image des Stücks.“
Der Einkäufer des italienischen Onlinestores Luisaviaroma kennt jede Kollektion seiner Kunden bis ins Detail. Zu den Modenschauen gehe er selten. Dort gebe es schlicht nichts Neues für ihn zu sehen. Alle Looks stünden bereits Stunden später auf der Modefotoplattform Style.com. Und von den Kollektionen selber sieht er im Showroom mehr, als alle Gäste in der ersten Reihe zusammen. „Mindestens die Hälfte des Jahres bin ich unterwegs, um einzukaufen“, erzählt Fontanelli. Für Susanne Botschen von Mytheresa gilt das gleiche. Sie sagt: „Man muss für diesen Job eine wirkliche Passion haben. Sonst kann man das nicht.“ Beide haben ihr Privatleben mit dem Beruflichen verbunden – die Freundin von Matteo Fontanelli ist Einkäuferin für Prada, ihr Terminplan ist ähnlich hektisch wie der ihres zukünftigen Ehemanns. Und Susanne Botschen ist nicht nur Chef-Einkäuferin, sondern auch Besitzerin von Mytheresa. Sie führt das Unternehmen gemeinsam mit ihrem Mann. Wenn sie ein halbes Jahr lang aus dem Koffer leben, machen sie das zumindest gemeinsam.
Konkurrenz gibt es übrigens kaum unter den Einkäufern der Online-Kaufhäuser. Matteo Fontanelli erzählt, dass er wenig darauf gibt, was die Mitbewerber einkaufen und was sie liegen lassen. Es fällt ihnen sowieso nicht auf, weil die Showroom-Besitzer die Termine so vergeben, dass sich niemand in die Quere kommt.
Mag sein, dass die Arbeit der Einkäufer wenig glanzvoll ist. Keine Champagnerparties, keine vielkommentierten Auftritte in den großen Modeblogs, wie man es von Moderedakteuren, Stylisten und Bloggern kennt. Die größte Freude für die Einkäufer von Luisaviaroma und Mytheresa ist es, wenn sich die „Sold out“-Meldungen häufen. Oder ein renommiertes Kaufhaus wie das New Yorker Barney´s seinen Online-Handel so ausbaut, das er zum eigenständigen Laden wird. Dann genießen sie die stille Genugtuung, wieder mal genau gewusst zu haben, wohin der Trend geht.

Bild:Alex Bohn


printmailFacebook Twitter0 Google+
16.07.2012
Zalando
Guideline-Shooting Teil II
Tag zwei der Produktion für Zalando, aufgenommen in den Berlin Studios. Fotografin: Frauke Fischer, Haare/Make-up: Manuela Kopp/ Nina Klein, Models: Julia/Place Model Management, Laurin Titze/SPIN Models

printmailFacebook Twitter0 Google+
15.07.2012
Musikexpress
Saschienne
Für die Ausgabe 7/2012 statten wir dem DJ Sascha Funke und seiner Frau Julienne einen Hausbesuch ab. Fotograf: Andreas Lux, Styling: Alex Bohn, Alex Heckel, Assistenz: Elisabeth Dermaris, Making of: Michael Braun (ROMANundBRAUN)
















Und hier das Making of zur Strecke – mit Musik von Saschienne

printmailFacebook Twitter0 Google+
14.07.2012
Zalando
Guidelineshooting Teil I
Im Juni habe ich für die Münchner Agentur Janvier Burger & Stasch das Styling des Guideline-Shootings für das Berliner Online-Versandhaus Zalando übernommen. Jetzt gibt es eine Auswahl der Bilder zu sehen.

Fotografin: Frauke Fischer, Haare/Make-Up: Manuela Knopp/ Nina Klein, Models: Fabienne/ Iconic Management, Alex/ SPIN Models

printmailFacebook Twitter0 Google+
23.06.2012
Zeit Online
Jil Sander: Es ist eine ganz große Freude, zurück zu sein
Viel Zeit hat sie sich nicht gelassen. Im Februar kehrte Jil Sander als Chefdesignerin zu der Marke zurück, die sie 1968 in Hamburg gegründet hatte. Am Samstagmorgen, nicht einmal vier Monate später, zeigte sie auf der Mailänder Modewoche ihre erste neue Kollektion, für Männer.

Die Schau fand am traditionellen Schauplatz auf der Via Luca Beltrami statt. Es ist ein wichtiger Termin. Sieben Jahre lang hat der Belgier Raf Simons die Marke Jil Sander geführt und ihr einen sehr eigenen Stempel aufgedrückt. Seine Entlassung in diesem Frühjahr wurde in der Modebranche fast einhellig bedauert, auch wenn er kurz darauf den Platz von John Galliano bei Dior einnahm. Umso größer ist nun die Neugier auf die erste Kollektion der Hausherrin. Wie sieht Jil Sander Jil Sander heute? Kann sie an alte Erfolge anknüpfen? Suzy Menkes von der New York Times sagte sie, sie müsse die Marke "zurück zu unserem Erbe bringen". Selbstverständlich ist Menkes nun hier, um sich das anzusehen. In einem mintfarbenen Twinset sitzt die Kritikerin in der ersten Reihe, gleich neben ihr Tim Blanks, der für die amerikanische Vogue und das Männerheft GQ schreibt. Anna del Russo, die Chefredakteurin der japanischen Vogue ist auch da, und von Kopf bis Fuß gehüllt in einen aktuellen Entwurf von Sanders Vorgänger. Ein Warnsignal?

Als der letzte Stehplatz besetzt ist, geht das Licht aus, Spots tauchen nur den Laufsteg in einen kalten Schein. Die Schau beginnt. Als erstes fallen die fast züchtigen Shorts auf, überknielang und marineblau. Jil-Sander-blau. Zu den Boardshorts tragen die Models reinweiße Hemden und schmal geschnittene, überlange Jacken ohne Ärmel. Das erste Adjektiv, das einem beim Anblick dieser Entwürfe einfällt: weicher. Ihre neue Kollektion sieht weicher aus als alles, was Raf Simons in den vergangenen Jahren gezeigt hat. Er bevorzugte harte Silhouetten. Jil Sander selbst zeigt keine Schulterpolster, verwendet Wolle und Baumwolle. Der in der Mode derzeit so verbreitete Laserdruck und Tech-Appeal fehlt.

Zu Dreiviertelhosen kombiniert sie großzügig geschnittene Blousons in Olivgrün und Senfgelb. An den Füßen trägt der Jil-Sander-Mann im kommenden Sommer schwarze oder Two-Tone-Lederschuhe. Geometrische Muster in Grün und Gelb kreuzen über weiße Strickshirts. Hier diente die Arbeit des Malers Robert Mangold der Designerin als Inspiration. Ein langer, schwerer Trenchcoat schlägt dann doch eine Brücke zur letzten Kollektion von Raf Simons. Es gibt ihn in Cremeweiß und Schwarz. Dann folgen Muster, Blautöne auf Weiß, die Silhouette bleibt luftig und asiatisch.

Kann sie das Haus noch einmal erfolgreich führen?



In dieser Reihung und im Vergleich zu Raf Simons sieht die Arbeit von Jil Sander für Jil Sander fast ein bisschen harmlos aus. Weniger konturiert. Weniger exaltiert. Langweiliger am Ende? Ein Anzug genügt, um den leisen Zweifel daran, ob sie mit 68 Jahren die Marke noch einmal erfolgreich kreativ führen kann, auszuräumen.

Es ist der achtzehnte Look des Morgens, ein mittelblonder Wuschelkopf führt ihn vor. Schon am hektischen Klicken der Kameras hört man: Hier kommt etwas Richtungweisendes. Viel zu sehen gibt es nicht, und das genau ist der Punkt. Der Anzug ist schmal geschnitten, bordeauxfarben, die Beine sind leicht gekürzt. Dazu ein schwarzes Hemd. Ein einziges dekoratives Element sind Kontrastflächen in einem noch dunkleren Rot. Das war´s.

Und es reicht. Denn Jil Sander schafft mit einem Anzug zwei Dinge: Sie knüpft an die Gestaltung von Raf Simons an und untermauert ihre eigene gestalterische Position. Mit den Kontrastflächen nimmt sie das color blocking wieder auf, das Raf Simons vor einigen Saisons für Jil Sander vorgestellt hat und das seither viele Designer in ihren Kollektionen aufgegriffen haben. Doch sie entwickelt das Spiel mit den Farbflächen außerordentlich geschickt weiter. Nicht plakativ, schon gar nicht willkürlich setzt sie die Farbe ein. Ihre Absetzungen unterstreichen die Schnittführung des Anzugs, stellen die Tadellosigkeit seiner Passform heraus. Und damit das bestimmende Thema ihrer Arbeit: Purismus, der aus formaler Zurückhaltung und handwerklicher Brillanz entsteht. Man misst in dieser Schau nicht Jil Sander mit Raf Simons. Es ist umgekehrt.

Lauter als das hektische Klicken der Kameras ist der Applaus, der Jil Sander nach dem Ende der Schau entgegenbrandet. Die deutsche Modekritikerin Ingeborg Harms, die sich erstmals hinter den Kulissen um den reibungslosen Ablauf der Schau kümmerte, ist erleichtert, zu hören, dass diese Kollektion ganz klar die Handschrift von Jil Sander trägt. "Während der Arbeit an dieser Kollektion konnte sie gar nicht in Worte fassen, was sie da gerade tut", sagt Harms.

Jil Sander selbst steht in einem Pulk aus Journalisten und Freunden und wird von einem türbreiten Security-Mann gegen zu vorwitzige Drängler abgeschirmt – ganz so, als sei sie niemals weg gewesen. Die weichen, mittelblonden Locken umspielen das Gesicht voller Sommersprossen, dazu trägt sie die Jil-Sander-Uniform: kalkweiße Bluse, schwarze Hose, schwarzglänzende Lederhalbschuhe. Ihre Hände sind weich und warm, ihr Händedruck fest. Während sie spricht, hält sie, so gar nicht hanseatisch kühl, die Hand ihres Gesprächspartners. "Ich bin hier zu Hause! Es ist eine ganz große Freude, zurück zu sein."

Quelle: ZEIT ONLINE
Adresse: http://www.zeit.de/lebensart/mode/2012-06/jil-sander-comeback-mailand-maennermode/komplettansicht
printmailFacebook Twitter0 Google+
27.05.2012
Financial Times
Mein Büro am Ende der Welt
Die Szenerie im Villingili-Resort ist geradezu unwirklich perfekt. Aus der Außendusche tropft das Wasser wie ein sanfter Regen. Die frei stehende Badewanne aus handgearbeitetem Terrazzo ist groß genug für zwei. Am saphirblauen Himmel huscht ab und zu ein Flughund vorüber. Palmen umrahmen den Blick auf die Weite des Indischen Ozeans. Und der WLAN-Empfang ist tadellos. Zeit für eine Skype-Konferenz mit den Zehen im weißen Sand meiner Malediven-Insel.
Seit auch die letzten Paradiese mit Funknetzen überzogen werden, hat es keinen Sinn mehr, in der Strandbar über lästige Dienstmails zu lamentieren. Höchste Zeit, die Situation umzudeuten: lieber unter Palmen arbeiten als im miefigen Büro.
Das sieht auch der Gast so, der gerade aus Wasservilla Nummer 23 auscheckt, ein Geschäftsmann aus Europa. Gleich zwei Villen hatte er angemietet, eine für seine persönliche Assistentin und eine für sich, berichtet Leslie Garcia-Moica vom Management des Villingili-Resorts. "Sie führte sein Büro, er saß in seiner Villa am Computer." Kein Einzelfall: "Viele Gäste können es sich nicht leisten, komplett abzuschalten." In jeder der 170 Quadratmeter großen Villingili-Villen steht in einer lauschigen Ecke ein hölzerner Schreibtisch. Davor ein ergonomisch geformter Stuhl, daneben alle wichtigen Anschlüsse, die ein Manager oder seine Assistentin so braucht. Auf Anfrage bietet das Resort einen vollständigen Sekretariatsservice samt Übersetzer.
Urlaub war einmal eine Zeit eingeschränkter Erreichbarkeit. Die weißen Funkloch-Flecken auf der Weltkarte wurden eine Zeit lang gehandelt wie Geheimtipps. Heute sind drahtlose Funknetze so selbstverständlich wie die Minibar. Die WLAN-Anbindung ist laut einer Studie von J.D. Power and Associates eines der wichtigsten Kriterien bei der Hotelauswahl. Wichtiger als ein anständiges Frühstück. Früher hat man sich den Urlaub verdient, heute verdient man im Urlaub.

Auch in den anderen großen Malediven-Resorts ist inselweites WLAN der neue Standard, wie wir auf Anfrage erfahren. Und selbst vor den einsamsten Exklusivdestinationen wie dem Inselchen Vamizi vor Madagaskar, laut "Condé Nast Traveller" eine der Top-100-Locations der Welt, macht die Entwicklung nicht halt: An der Einrichtung des WLAN werde gerade gearbeitet, erklärt das Management der Privatinsel (Slogan: "Mehr Robinson Crusoe geht nicht").
Von der einsamen Insel auf hohe Berge: Im Hochland von Patagonien, unweit des Gletschers Perito Moreno liegt das Fünf-Sterne-Hotel Eolo Relais & Châteaux. Direktor Rodrigo Braun garantiert Abgeschiedenheit, Ruhe und ein hohes Maß an Privatsphäre. "Wir ermuntern unsere Gäste, sich von Blackberrys und Laptops zu trennen und eins zu werden mit der Natur." Vergebliche Liebesmüh. Viele Reisende checken erst die Inbox und dann, vielleicht, die majestätische Schönheit des Gletschers. "Wir sind Naturfanatiker", sagt Braun. "Aber mehr als mit gutem Beispiel vorangehen können wir nicht."
Wie es aussieht, wird Braun wohl einsam vorangehen. Jeder zweite Deutsche arbeitet im Urlaub, jeder fünfte gar jeden Tag. Der Job, der Boss, klar. Die Gesellschaft für Konsumforschung erhielt von mehr als einem Viertel der Befragten jedoch auch die Antwort: Ich mache das aus Spaß.
Und beim lustvollen Versüßen der exotischen Sonderschichten ist ein Fünf-Sterne-Resort wie das Villingili ja gern behilflich. Morgens private Tennis- oder Yoga-Stunden, mittags Schaffen in der @Lounge (die heißt tatsächlich so). Als Offline-Belohnung verabreichen zwei Spa-Therapeutinnen eine Yin-Yang-Harmonizing-Massage mit maledivischem Kokosnussöl (Achtung, im Spa gilt Handyverbot!). Vor Sonnenuntergang (also zu mitteleuropäischer Bürozeit) noch mal kurz Mails checken, bevor der Küchenchef in einem der drei Restaurants ein mehrgängiges Menü serviert.
Wer hier nicht auf kreative Ideen kommt, nimmt besser gleich das nächste Speedboot zurück. Ich lasse mich in die weich gepolsterte Liege am Villa-eigenen Infinity-Pool fallen und öffne Skype. Videokonferenzen funktionieren problemlos. Die Verbindung ist perfekt, die Neidblässe meines Gesprächspartners gut zu erkennen.
Mal sehen, ob sich das noch steigern lässt. Es geht ja schließlich noch einsamer auf Villingili. Die Insel ist für Malediven-Verhältnisse recht lang, gut drei Kilometer. Ich packe den Laptop ein und radle mit einem der dunkelgrünen Cruiser-Fahrräder zum äußersten Südzipfel. Hier ist nichts mehr außer weißem Sand, klarem Wasser. Ein Horizont so weit und flach, dass man die Erdkrümmung sieht. Laptop auf, Videokonferenz fortgesetzt.
Da es keine Störeinflüsse gibt, erstreckt sich das Netz bis weit aufs Meer. Auf Schnorcheltörns erläutert Meeresbiologe Peter Wattpringle das Leben im Korallenriff. Aber genauso gut könnte man Wikipedia die Unterwasserflora erklären lassen. Die Skipper haben sich daran gewöhnt, dass die Wünsche sich ändern. Klar, die meisten fahren noch immer zum Sonnenuntergangsdinner aus. Trinken Champagner und genießen die Aussicht. "Aber manche lassen sich einen Konferenztisch aufbauen und wollen auf der Äquatorlinie arbeiten", sagt Wattpringle.
Seit das Netz über der Insel liegt, passiert auf Villingili das Unvermeidliche: Gäste fliegen gezielt zum Konferieren ein. Vorläufiger Höhepunkt im vergangenen Herbst: Die Mitglieder der Südasiatischen Wirtschaftsgemeinschaft (SAARC) hielten im Resort ihr Gipfeltreffen ab. Regierungschefs aus Indien, Afghanistan, Bangladesch, Bhutan, Nepal und Sri Lanka bezogen die Villen. Ein paar wohnten in den Baumhäusern, die einzigartig auf den Malediven sind. Dort sind es vom Sonnendeck aus nur drei Banyanbäume bis zum offenen Ozean, bis zum Hausriff ist es ein Kokosnusswurf. Und bis zum Ministeriumsserver ein Mausklick.
Apologeten des Abschaltens wenden ein, es werde bald wieder ein Wettbewerbsvorteil für entlegene Resorts sein, offline zu gehen. Was dann blüht, erlebte ein Hotelmanager in Südafrika.
Bei Maarten Groos in Overberg, 200 Kilometer südöstlich von Kapstadt, endet der afrikanische Kontinent. Auf seiner Farm 215 lebt man mitten in der Natur. Die Ausritte zu Pferd können Tage dauern. Wale, Robben und Haie tummeln sich in Sichtweite der Klippen. Die Flora ist legendär, es wimmelt von äußerst seltenen Spezies. Und seit einiger Zeit nistet sich auch hier diese Art von netzabhängigen Gästen ein. "Sie dürfen nicht offline sein, weil ihre Chefs ihnen das verbieten. Oder sie sind selbst der Chef und wollen die Kontrolle nicht abgeben", sagt Groos.
Die Schlange vor dem einzigen öffentlichen Computer wuchs. Bis Groos dem Drängen der Gäste nachgab und auf der Farm WLAN installieren ließ. Zugleich zog er eine Grenze: keine Laptops und keine Handys im Restaurant und auf der Terrasse. Schon bei der Reservierung macht er klar: Das setze ich auch durch.
Wen er trotzdem mit Laptop oder Handy erwischt, den versucht er bei der Ehre zu packen: "Sie sind hier, um sich zu erholen. Wenn Sie arbeiten, kann ich Ihnen Ihren Aufenthalt wohl kaum in Rechnung stellen."
Was hätte der Gast aus Wasservilla 23 wohl dazu gesagt?

printmailFacebook Twitter0 Google+
29.04.2012
Musikexpress
Love, Peace und frische Luft
Die Festival-Saison hat begonnen. Wir zeigen, was man vor der Bühne trägt.
Fotografie: Katja Hentschel
Produktion/ Styling: Alex Bohn
Assistenz: Lorena Maza
Models: Kate, Marcelo, Max V. , Lenny/Izaio, Eva P. Viva, Artjom, Meggie/M4Models
Illustration: André Gottschalk





Hier das Making of zur Modestrecke:


printmailFacebook Twitter0 Google+
28.04.2012
Süddeutsche Zeitung
Erste Reihe – Tag der Arbeit
Die einen protestieren, die anderen randalieren, so ist das am Tag der Arbeit. Wieder andere schlafen einfach aus. Die Bäcker zum Beispiel, die selbst in Zeiten des Billigbacks noch gottfrüh aus dem Bett müssen. Wenn auch ihr Handwerk leidet, ihre Arbeitskleidung strahlt wie eh und je. Geht es nach Designer Alexandre Phlokov dann werden alle Bäckermeister und mehlweiß die Farbe des Sommers.


Die Chemielehrerin


Sie lehrte uns, was aus Magnesiumpulver und Feuer wird. Eine Stichflamme nämlich. Die hässlichen Brillen aus Plexiglas, die sie uns tragen ließ, hatten plötzlich einen Sinn. Jetzt zeigt Karl Lagerfeld, wie viel modisches Potential in der Frau Chemielehrerin steckt: Laborkittel, flache Schuhe mit rutschfester Sohle, standesgemäße Schutzbrille – fesch! Und für die Frisur braucht es nichts weiter, als einen Versuch mit unbekanntem Ausgang.


Der Kellner


Er hat nicht den Beruf gewechselt, Hussein Chalayan bleibt Designer. Aber die dienstbaren Geister – Servier- und Zimmermädchen, Kellner – die seine aktuelle Kollektion inspirieren, gefallen ihm so sehr, dass er aussehen will wie sie. Recht hat er. Die schmucke Uniform in schwarz und weiß, ganz zu schweigen von der Fliege, sieht man heute viel zu selten. Höchstens wenn auf der Einladung „white tie“ steht.


Die Gärtnerin


Bisher war die Berufskleidung der Gärtner ein bisschen fad. Dunkelgrün, baumwollig, Latzhose oder Overall. Es half auch nicht, dass manch ein grüner Daumen die Gummistiefel gegen pengbunte Crocs tauschte. Jetzt schlägt der Brite Christopher Kane voll-abwaschbare PVC-Schürzen mit Blumenapplikationen vor. Ob die Variante mit Nichts drunter auch für Normalsterbliche funktioniert wird man sehen.


Der Stripper


Erst kürzlich trat in der ARD der Stripper Sascha Mühle gegen den Literaturexperten Hellmuth Karasek an. Er wollte zum Super-Champion 2012 gewählt werden und eine halbe Millionen Euro gewinnen. Das gelang ihm nicht. Aber bei seiner Mini-Stripeinlage leuchteten so viele Augen, dass man Designer Jeremy Scott, der für den Sommer 2012 dieses Outfit zum Super-Outfit erklärt, recht geben muss: Da geht einiges!

Die Nonne


Die Mädchen bei Hermès sehen aus wie Kartäuserinnen – Nonnen eines Ordens, der auf ein rein kontemplatives Leben ausgelegt ist. Will Tomas Maier, der unter eigenem Namen eine Kollektion mit Zen-inspirierten Uniformen zeigt, uns etwas sagen? Dass ein bisschen Kontemplation uns gut zu Gesicht stünde? Vielleicht auch: „Ruhe, verdammt noch mal!“? Gut möglich. Oder es gab den naturweißen Leinstoff im Angebot.


Der Seemann


Wer auf hoher See arbeitet, schwebt dauernd in Lebensgefahr. Jeden Moment könnte nebenan eine Gasplattform explodieren, oder das Schiff von Piraten entführt werden. Oder man geht einfach so auf einem Luxuskreuzer unter. Der US-amerikanische Modedesigner Thom Browne hat ein Herz für Seeleute. Seinen Wollpullover stopft er mit Polstern aus, bis der Träger aussieht wie die Cartoonfigur Popeye. So einen entführt keiner. Unnötig zu sagen: Der Pulli taugt auch als Schwimmweste.
printmailFacebook Twitter0 Google+
12.04.2012
Musikexpress
Who Made Who


Auf der Bühne und in Videos trägt das dänische Elektro-House-Trio gerne grelle Kostüme oder auch mal gar nichts. Privat mögen sie es lieber klassisch, wie uns Gitarrist Jeppe Kjellberg und Bassist Tomas Høffding beim Shoot in Berlin zeigten. Drummer Tomas Barfod entspannte derweil in seiner Wahlheimat L.A.

Produktion: Alex Bohn
Fotograf: Michael Mann
Assistenz: Signe Reibisch
Styling: Alex Bohn
Assistenz: Henning Jurke
Making of: Michael Braun (ROMANundBRAUN)

Hier das Making of zur Modestrecke:
printmailFacebook Twitter0 Google+
30.03.2012
Die Zeit
Na, Klout genug für die erste Reihe?

Wie wichtig es Modefirmen nehmen, wer bei einer Schau in der ersten Reihe sitzt, hat vor Kurzem ein köstlicher kleiner Eklat in London gezeigt. Die Designerin Nicole Fahri, in Großbritannien durchaus eine Branchengröße, "enthüllte" gegenüber dem Sunday Telegraph, dass viele Kollegen Prominente dafür bezahlen, bei ihren Defilees in der ersten Reihe zu sitzen. Diese Praxis sei, so Fahri, "unprofessionell" und "abscheulich". "Was wird denn hinterher in den Medien gezeigt? Nicht die Kleider, sondern irgendwelche Stars, die dafür bezahlt werden zur Show zu kommen."

Der (gar nicht mal so geheime) Trend zum Bezahl-Promi, dessen Erscheinen bei einem Modeevent die jeweilige Marke bekannter machen soll, kam, laut der vom Telegraph befragten PR-Leute, vor einigen Jahren aus den USA. Genau daher erreicht uns nun die Nachricht, dass vielleicht sehr bald kein Hahn mehr nach Stars in der ersten Reihe kräht. Außer es handelt sich um Ashton Kutcher, der sich mit knapp 10 Millionen Abonnenten bei Twitter brüsten kann und auch sonst in Internet-Dingen Bescheid weiß. Denn ein Algorithmus könnte zukünftig bestimmen, wer bei den Modewochen in der ersten Reihe sitzt.

Der Meinung ist zumindest Klout.com, ein Unternehmen aus San Francisco, das mit einer Formel berechnen können will, wie einflussreich jemand ist. Klout wertet die Online-Aktivitäten einer beliebigen Person zu einem Statuswert aus, in den vor allem das Engagement in den sozialen Netzwerken Facebook, Twitter, LinkedIn und Google+ einfließen. Je mehr Kurznachrichten man zu einem bestimmten Thema dort absetzt und je mehr andere sie lesen und weiterverbreiten, desto höher der Wert. Ginge es nach diesem Klout-Wert, dann wäre beispielsweise Anna Wintour, Chefredakteurin der amerikanischen Vogue, während der vergangenen New Yorker Modewoche zur Schau des Nachwuchsdesigners Malan Breton nicht eingeladen worden. Die Organisatoren hatten festgelegt, dass Gäste einen Klout Score von mindestens 50 vorweisen sollten. Frau Wintour kommt allerdings nur auf einen Wert von 40.

Gäste werden zu Live-Berichterstattern auf Twitter

Gerard Butler leitet die PR-Agentur BRPR in Miami, die sich unter anderem auf Marketing mittels Social Media spezialisiert hat. Butler glaubt an Klout. Die Gäste, die er kürzlich zu einer von der US-Vogue organisierten Abendveranstaltung einlud, brachten alle einen Klout von mindestens 40 mit. "Dank Klout hatten wir Gäste mit großem Einfluss in sozialen Netzwerken", sagt Gerard Butler. "Wir konnten uns darauf verlassen, dass sie auf Twitter über unsere Veranstaltung berichten – in Wort und Bild."

Nach Miami hätte es Anna Wintour mit ihrem Klout von 40 immerhin auch geschafft. Ihre Kolleginnen Christiane Arp und Emanuelle Alt dagegen nicht. Nicht nach New York, nicht nach Miami, denn keine der beiden Vogue-Damen postet regelmäßig auf Facebook. Selbst etablierte Modeblogger wie Scott Schumann oder Brian Boy können keinen nennenswerten Klout Score vorweisen. Unter den namhaften Bloggern schmückt sich allein die Norwegerin Hanneli Mustaparta mit einer 51. Wie verlässlich aber kann ein Dienst sein, der die etablierten Namen einer Branche mal eben als unbedeutend wegsortiert? Klout schätzt allein solche Modeinteressierte, die sich rund um die Uhr mit ihrer Online-Gemeinde über die Schönheit des neuen Schuhs von X oder die Zusammenarbeit von Modefirma Y mit Künstler Z austauschen. Keine Journalisten, Blogger oder Stylisten also, die mitunter bei ihren Online Aktivitäten zwischen Beruf und Privatleben unterscheiden – sondern Fans, die Werbung machen.

Klout selber äußert sich nicht zu Fragen, die den Algorithmus betreffen. Und auch auf die Anfrage, welche Modemarken den Service von Klout bereits in Anspruch nehmen, gibt es keine Antwort. Die Funktionsweise von Klout dagegen offenbart sich jedem, der sich als Nutzer anmeldet. Man erhält eine kostenlose Statusbewertung und darf sich als Experte für bestimmte Themen einordnen. Klout kategorisiert seine Nutzer entsprechend und verkauft diese Daten gebündelt der Industrie. Ein Nutzer, der sich als Experte zum Thema "Auto" führen lässt, wird dann beispielsweise von einem Autohersteller zu einer Testfahrt mit dem neuesten Modell eingeladen. Wie viel Klout daran verdient – wieder keine Antwort. In den USA, soviel kann man auf der Webseite erfahren, arbeiten Unternehmen wie Disney und Audi mit Klout zusammen.

Der amerikanische Berater und Start-Up-Guru Brian Solis hat gerade in einer umfangreichen Studie offengelegt, was genau Klout und Mitbewerber wie PeerIndex, Kred und Radian6 eigentlich leisten. Laut seiner Analyse messen sie nicht den tatsächlichen Einfluss einer Person auf andere, sondern lediglich das Potenzial dafür.
printmailFacebook Twitter0 Google+
09.02.2012
Musikexpress
Mallrats
Im Film von Kevin Smith tragen die Kids Holzfällerhemden und Doc Martens. Grunge eben. Heute ist auch mal ein Louis Vuitton Täschchen dabei und ohne Handy geht garnichts. Was bleibt ist: Abgehangen wird in der Mall und nicht zuhause

Fotografie Georg Roske, Produktion Alex Bohn



Und hier das Making-of zur neuen Modestrecke:

printmailFacebook Twitter0 Google+
09.02.2012
AMD – 5. Semester Fashion Styling
From catwalk to sidewalk

Ich unterrichte ein Fach, das es in Deutschland bislang nicht gibt: Fashion Styling. Meine Studierenden an der Akademie für Mode und Design in Berlin stehen kurz vor dem Abschluss ihres Studiums. Innerhalb eines Semesters lernen sie die Arbeit einer Mode-Stilistin kennen und erarbeiten selbstständig eine erste Produktion. In diesem Semester interpretieren sie Laufsteg-Trends neu – als urbane, jugendkulturell inspirierte Looks. So treffen Pastellfarben auf Grunge, das 50er Jahre Dauer-Revival auf Rock´n Roll und Sport Couture auf Proll Chic. Hier ein kleiner Einblick. Der Fotograf ist Andreas Lux.




printmailFacebook Twitter0 Google+
28.01.2012
Süddeutsche Zeitung
Erste Reihe – Frühjahrstrends 2012

Blanke Mitte
Die gute Nachricht zuerst: Die Trends der ersten Jahreshälfte sind idiotensicher. Unmissverständlich. Hier treffen nicht die 50er auf die 80er, nicht niedlich auf sexy, nicht Baumwolle auf Plastik. „Alles geht“ geht schon mal gar nicht. Die schlechte Nachricht: Wer mitspielen will, muss über gute Gene oder einen starken Willen verfügen. Denn Trends wie die entblößte Taille, hier am Beispiel von Proenza Schouler, dulden kein Schwabbeln in der Körpermitte.


Hüftgold
Im letzten Sommer dachte Raf Simons sich für Jil Sander ein Schößchenkleid aus. Das machen ihm jetzt alle Designer nach. So kommt es, dass schmale early adapter, wie Gossip Girl Blake Lively, dieser Tage aussehen, als hätten sie die Sahnetorten im Doppelpack verspeist. Denn ein Schößchen sorgt da für Volumen, wo die Natur bereits gepolstert hat – auf den Hüften. Praktisch ist, dass mit dem Schößen die Ausrede frei Haus kommt: „Ich, zugenommen? Nein, das ist nur mein Schößchen. Stößchen!“


Sport Couture
Dank Alexander Wang könnte Motocross zur Trendsportart 2012 avancieren. Denn wer es richtig ernst meint mit der Mode, der streift sich nicht nur die aufwendig verarbeiteten Netzhemd-Kleidchen der aktuellen Kollektion über, sondern testet den Sport, der den New Yorker Designer inspirierte, selbst. Ob ein Alexander Wang Outfit eine Schlammdusche überlebt, ist allerdings bislang nicht bekannt.


Bodenputzer
Zoey Deschanel ist bereits ihr eigener Trend. Entzückende Dame mit entzückender Singstimme und eigener Serie „The New Girl“, die seit Neustem sogar auf Pro7 läuft. Noch angesagter aber ist der Saum, mit dem Fräulein Deschanel den Boden putzt. Wer sich in 2012 modisch korrekt abendfein macht, trägt überbodenlang. Sprich, der Saum soll über den Boden schleifen. Damit der Abend nicht in Fetzen endet: Erst Rockraff-Trainingseinheit absolvieren und dann losstöckeln.


Ganzkörperblumenmuster
Wer die Mode liebt, widmet sich ihr von ganzem Herzen. Übersetzt auf den Trend zu Blumenmustern heißt das: Man trägt nicht eine Blume am Revers. Auch nicht eine Blümchenbluse. Man trägt gefälligst nichts als Blumenmuster, von oben bis unten. Höchste Zeit endlich den kanadischen Designer Erdem Moralioglu zu würdigen. Der macht seit sechs Jahren wenig anderes als Blumenmuster. Nur sind seine schöner als alle anderen. Auch von Kopf bis Fuß.


Jeans
Jeans haftet der Makel der ganz großen Beliebigkeit an. Jahrein jahraus ist sie in jeder Form tragbar: Röhre, Marlene, Schlag, alles geht, alles egal. Dank dem unermüdlichen Erneuerer der Mode, Nicolas Gesquire, ändert sich das jetzt. Der Mann hat die Jeans neu erfunden! So zumindest sah sie noch nie aus: Hoch geschnitten, runder Po wie bei einer Barbie aus den 50ern, mit Gürtelschlaufen, die zu Bundfalten werden. Für Modemenschen gibt es ab sofort nur eine Jeans. Die von Balenciaga.


Optischer Mehrwert
„Tim und Struppi“ war noch nicht im Kino angelaufen, da brachte das spanische Label Custo Barcelona eine Kollektion mit 3-D-Drucken heraus. Beim Kauf erhält man eine 3-D Brille und kann sich dann am neuen Kleid sattsehen. Klingt gaga, zieht aber Kreise. Der New Yorker Derek Lam zum Beispiel bietet Kleider, die aus unzähligen kleinen Hologrammen zusammengesetzt sind. Und auch der Newcomer J.W.Anderson verarbeitet holografische Folien in seinen Kleidern. In 2012 darf es fürs Auge ruhig ein bisschen mehr sein.


printmailFacebook Twitter0 Google+
19.01.2012
Musikexpress
Lieblingsstücke
Der Fotograf Johannes Blick hat einen scharfen Blick mit dem er für uns die Mode der kommenden Saison seziert.

Fotografie: Johannes Post
Produktion: Alex Bohn



Hier das Making-of der Modestrecke:


printmailFacebook Twitter0 Google+
17.12.2011
Süddeutsche Zeitung
International Wardrobe – Mode aus Paris? Nö, Kalotazeg
Die Globalisierung ist schuld, dass Mode überall gleich aussieht. Doch es gibt Leute, die etwas dagegen tun: Mit dem Projekt "International Wardrobe" – und Marken wie "Muzungu Sisters"

Sie hat Kunstgeschichte studiert, das passt. Katharina Koppenwallner ist nüchtern gekleidet, trägt das braune Haar zurückgebunden und eine schwarze Rahmenbrille. Aber der erste Eindruck täuscht. Die Gründerin des Projekts „International Wardrobe“ reist an entlegene Winkel der Welt, allein, ohne Guide und Übersetzer. Sie sucht nach Trachten und folkloristischen Textilien. Findet sie, kauft sie und bringt sie nach Deutschland. Auf ihrer Internetseite vermittelt sie die Fundstücke, erklärt in Texten ihre Herkunft, zeigt Fotos der Kleider in ihrem ursprünglichen Kontext und bietet sie zum Verkauf an. Hübscher wäre wohl die Berufsbezeichnung "Entdeckerin".

Aber muss man für Ethno-Mode um die halbe Welt reisen, wenn man den allgegenwärtigen Trend genauso gut in der nächste Zara-Filiale einkaufen kann? Die Idee zur „International Wardrobe“ kam Katharina Koppenwallner vor drei Jahren ausgerechnet dort. Sie wollte eine ungarische Hemdbluse mit Blumenapplikationen und fand einen maschinell bestickten, seelenlosen Lappen. Die Stücke, die sie jetzt bei „International Wardrobe“ präsentiert sind anders. Da gibt es zum Beispiel die schwarzen, plissierten und bestickten Kittelschürzen aus Transsilvanien, die sie mit wenigen Handgriffen zu Hängerkleidchen umarbeitet. Kaum jemand weiß hierzulande, was eine solche Schürze in ihrer Heimat vermittelt: Dass die Trägerin verheiratet ist - und dass heute außerdem ein Festtag ist.

Erst kürzlich beklagte die amerikanische Modehistorikerin Valerie Steele in der New York Times die zunehmende modische Gleichschaltung der Welt: „Die Globalisierung führt dazu, dass der Straßenstil immer homogener wird, weil immer mehr junge Leute auf der ganzen Welt die Kleider internationaler Modeimperien wie Zara kaufen." Recht hat sie und mit Hilfe der Streetstyleblogs im Internet sehen junge Frauen in Antwerpen heute genau so aus wie in Malibu. Zum Glück gibt es Alternativen. „International Wardrobe“ ist ein Eine-Frau-Unternehmen. Aber allein ist Katharina Koppenwallner nicht. Denn die Zahl der Menschen, die professionell nach traditioneller Mode fahnden, steigt.

Da ist zum Beispiel Max Osterweis. In seiner Wahlheimat Kenia sammelt der Drehbuchautor und Designer seit Jahren handgewebte, auf alten kenianischen Webstühlen gefertigte, bunt gemusterte Stoffe. Im Jahr 2008 gründet er in New York mit Erin Beatty das Label Suno und präsentiert ein Jahr später die erste Kollektion: Eine Sammlung von Kleidern aus kenianischen Vintage-Stoffen, allesamt inspiriert vom typisch afrikanischen Kleidungsstück "Kanga" - das als Rock oder Kleid getragen wird. Mittlerweile zählt das Label Michelle Obama zu seinen Kundinnen - und produziert zu fairen Bedingungen in Kenia.

Dass die Zeit reif ist für Mode mit Wurzeln, beweist auch die Designerin Alex Davis. Die derben Stiefel ihres Labels Cobra Society lässt sie nach einer alten spanischen Methode von Hand nähen. In den Schaft der Stiefel ist ein Einsatz aus grob gewebtem Kelim-Stoff eingelassen, der im Atlasgebirge von Marokko gewebt wird. Kein Stiefel gleicht dem anderen. Wer glaubt, dass ein Paar Lederstiefel mit Teppichmuster den anspruchsvollen, verwöhnten Luxuskunden nicht interessiert, der irrt. Schon einen Monat nach dem Launch ihrer ersten Kollektion wird Alex Davis in der internationalen Presse wie Vogue, L'Officiel und Women's Wear Daily gefeiert. Die Stiefel werden mittlerweile beim Onlineshop Netaporter.com feilgeboten.

Wegbereiter dieser Bewegung sind Umberto Leon und Carol Lim, die Gründer der US-Boutique Opening Ceremony. Vor zehn Jahren begannen sie als Botschafter der Mode zu arbeiten, bereisten Jahr für Jahr ein neues Land, machten vor Ort die interessantesten Modeschöpfer ausfindig und präsentierten ausgewählte Teile aus deren Kollektionen im eigenen New Yorker Laden. Dieses Konzept verfolgen sie bis heute. Aber ihr winziger Laden in Downtown New York ist gewachsen, es gibt eine Dependance in Los Angeles und Tokyo und das hauseigene Label bietet vier eigenständige Kollektionen pro Jahr. Die selbsterklärten Mode-Nerds bedienen zehn Jahre nach Gründung ihres Labels das wichtigste Bedürfnis aufgeklärter Konsumenten. Sie bieten authentische Waren, mit eigener Geschichte und eigener Identität.

Das Luxus-Modeversandhaus Netaporter versteht den Reiz dieser Idee bislang wie wenig andere. Einkäuferin Hollie Rogers sucht gezielt nach Marken, die nicht luxuriös sind, weil sie teuer sind, sondern weil sie unverwechselbar sind. Mit dem Label One Vintage, das in Großbritannien sitzt, landete sie einen Volltreffer. Für One Vintage schneidert ein Team von Schneiderinnen Vintage-Kleider zu neuen Kreationen um. Die Ergebnisse sind hybride Unikate: Schnitt und Passform stammen aus dem Hier und Jetzt, die Materialien vermitteln gelebte Vergangenheit. Die Begeisterung der Kundinnen ist hysterisch: Oft sind die Stücke ausverkauft, nur wenige Minuten nachdem sie ins Netz gestellt wurden - obwohl die Preise astronomisch hoch sind.

Günstiger, aber nicht weniger unverwechselbar, sind die Taschen der Marke Wayuu Taya. Die knallbunten Beutel, die aussehen wie im Eine-Welt-Laden erstanden, sind allesamt Einzelstücke. Sie sind handgewebt und zeigen traditionelle Stammesmuster. Auf der Webseite des Labels erfährt man, dass es ganze zwanzig Tage dauert, um eine einzige Tasche herzustellen. Und dass ein ehemaliges Chanel-Model, Patricia Velásquez, das Non-Profit Unternehmen gegründet hat, zu dem die Marke gehört. Mit dem Erwerb eines Wayuu-Taya-Unikats tut man nämlich auch Gutes: Der Erlös wird an das in seiner Existenz bedrohte, südamerikanische Indianervolk Wayúu weitergeleitet.

Die Marke Muzungu Sisters findet den Weg in die Öffentlichkeit – und in die britische Vogue –auch ohne ein Großunternehmen Netaporter. Vor zwei Jahren gründeten die Freundinnen Dana Alikhani und Tatiana Santo Domingo ihr Label. Muzungu bedeutet auf Suaheli "Reisende" und die Freundinnen sind genau das: viel gereiste, moderne Globetrotter. Die eine - Tatiana Santo Domingo - gehört zu der europäischen Jetset-Clique um die Casiraghi-Kinder Charlotte und Andrea. Die andere - Dana Alikhani - wurde im Iran geboren, wuchs auf Zypern auf und studierte in London und New York Menschenrechte. Unter dem Namen Muzungu Sisters bieten die beiden Frauen jetzt Mode an, die sie auf ihren Trips um die Welt gefunden haben. Die Auswahl sieht aus, als hätten sie einen Streifzug über den Basar in Marrakesch gemacht: Kaftans in bunten Farben, feine Lederpantoffeln, Perlenketten, eine geflochtene Strohtasche mit bunten Verzierungen. Die Produktbeschreibungen klingen wie aus einer Frauenzeitschrift. Im Fall einer traditionellen peruanischen Bolerojacke heißt es: "Für lässigen Chic tragen Sie sie zu einer Röhrenjeans oder einem Taillen-hohen Minirock".

Einen Absatz weiter erfährt man, worum es den Muzungu Sisters eigentlich geht: Sie möchten "textile Traditionen bewahren und alte Handwerkstechniken erhalten". Deswegen spüren sie Orte auf, an denen sich die Menschen noch traditionell kleiden. Sie kurbeln eine Produktion ausgewählter Stücke in geringer Zahl an und sorgen so dafür, dass in den lokalen Gemeinschaften Handwerkstechniken gepflegt und an die kommenden Generationen weitergegeben werden. Außerdem halten sie die Menschen, die für sie arbeiten, in Lohn und Brot.

Die Zielsetzung der Muzungu Sisters ist hehr - aber nicht ganz einfach umzusetzen. Das weiß auch Katharina Koppenwallner: "Das ist eine zwiespältige Sache. Ich reise, um diese besondere Mode zu finden und sie zu uns zu bringen. Mich interessiert die Vermittlung von Kultur. Aber ich laufe auch Gefahr, in die Welt meiner Gastgeber zu trampeln und ihnen ihre Geheimnisse und ihre Identität zu entreißen. Das ist ein schmaler Grat." Katharina Koppenwallner geht auf ihrer Suche nach den hübschesten aller Trachten achtsam vor. Sie lässt sich immer nur Stücke verkaufen, von denen die Leute sich leicht trennen können. Hochzeitskleidung beispielsweise würde sie nie nehmen, die ist viel zu persönlich. Ähnliches gilt für Kinderkleidung. Anders als die Muzungu Sisters lässt sie bislang auch nicht für sich produzieren. Sie kauft ausschließlich existierende Bestände auf.

Nicht immer sind die Dinge, die die Gründerin von "International Wardrobe" mitbringt, auch tragbar. Manche sind richtige Ladenhüter. Wie zum Beispiel die Winterjacke aus dem rumänischen Kalotaszeg, die aus den 30er Jahren stammt. Sie ist wunderschön. Aus dunkelblauem, gewalktem Wollstoff, der an den Ärmeln reich mit schwarzen Perlen und Stoffrosetten besetzt ist. Die Ärmel sind korrekt angenäht, aber wenn man die Jacke anzieht, entsteht unter der Achsel eine komische Beule. Koppenwallner erzählt, dass solche Stücke eher von Sammlern gekauft werden, die sie dann im Rahmen einer historischen Kostümausstellung zeigen. Aber das gefällt ihr nicht. "Mode ist am schönsten, wenn sie lebt", sagt sie. Und mal ehrlich: Wer stört sich schon an einer Beule unter dem Arm, wenn man ein Stück besitzt, das kein anderer hat? Lässig sieht die Winterjacke aus Kalotaszeg in Rumänien außerdem auch noch aus. Selbst zu Röhrenjeans.

Foto: Katharina Koppenwallner/International Wardrobe


printmailFacebook Twitter0 Google+
15.12.2011
Musikexpress
Modestrecke – Hip Hip Hurra
Anlässlich der jährlichen Style Awards kürt der Musikexpress seine liebsten Marken. Die Gewinner zeige ich auf den folgenden sechs Seiten. Fotograf ist Patrick Houi, Produktion Alex Bohn, Styling Alex Bohn und Alex Heckel, Haare/Make-up Nathalie Gros/Basics, Models Eva, Falko/Viva, Anna, Janosch/Izaio, Laura/Mega Models, Dank an die Assistenten Nadine Engle und Leon Koplov




Und hier das Making-of zur neuen Modestrecke:

printmailFacebook Twitter0 Google+
10.11.2011
Musikexpress
Modestrecke – Gestatten, Caligola
Die Modestrecke der aktuellen Musikexpress-Ausgabe: "Gestatten, Caligola". Das Geheimnis ist gelüftet. Die ersten Bilder des neuen Projektes von Björn Dixgård und Gustaf Norén (Mando Diao).



Produktion/Konzeption: Alex Bohn
Fotografie: David Fischer
Assistenz: Nicolas Schwaiger & Ulijona Odisarija
Styling: Juliane Solmsdorf
Haare/Make-up: Stephanie Willmann (Ballsaal)
Models: Björn Dixgård, Gustaf Norén, Salla Salazar, Masse Salazar & Natte Silver 
printmailFacebook Twitter0 Google+
15.10.2011
Süddeutsche Zeitung
Der Modefotograf Bill Cunningham – ein Portrait


Zwei "Nikon FM2" zerren an seinem Hals. Eine der beiden Spiegelreflexkameras hängt an einem mit Klebeband geflickten Schulterriemen. Der weißhaarige Herr steht nach vorne gebeugt, mit leicht gekrümmten Schultern.
Haben Sie einen Moment?
"Ich muss zur nächsten Schau", sagt er, "wir sehen uns, ich bin die ganze Woche unterwegs." Dann kettet er sein Herrenrad von einem Laternenpfahl vor dem New Yorker Lincoln Center los, winkt kurz und taucht in den dichten Feierabendverkehr ein. Es ist New York Fashionweek, er tritt in die Pedale wie ein kleiner Junge. Der Mann ist 81, und er ist nicht irgendein Fotograf. Sein Name ist Bill Cunningham, und er ist vielleicht der wichtigste lebende Modefotograf überhaupt. In jedem Fall ist er der ungewöhnlichste.

Seit knapp vierzig Jahren fotografiert er Mode für die New York Times. Seine Schnappschüsse erscheinen in der Sonntagsausgabe. Es gibt keine wichtige Modenschau, keine Benefiz-Gala, auf der er fehlt. Bill Cunningham kennt sie alle, die Chefredakteure, die Modedesigner, die Gesellschafter, die gesamte New Yorker High Society. Nicht alle sind ein Bild wert. "I am looking for stunners", sagt er. Leuten, die ihn verblüffen, die so gut aussehen, dass es ihn umhaut.

Vom Glanz und Pomp seines Sujets ist er unbeeindruckt. Er fotografiert sie nur: die Menschen, von denen einige jeden Tag ein anderes Paar Schuhe tragen, das mehrere hundert Euro kostet. Sie haben noble Häuser und Autos, Fahrer für die Autos und schicken ihre Kinder auf Privatschulen. Bill Cunningham hingegen lebte bis vor kurzem in einem Ein-Zimmer-Apartment in der Carnegie Hall, ohne Bad und Küche. Das Zimmer war mit Aktenschränken zugestellt, bis in den letzten Winkel. Negative seiner gesammelten Arbeiten, Magazine und Bücher füllten die Schränke. Sein Bett war eine Schaumstoffmatratze, die auf Getränkekisten und Bücherstapeln stand.

Er hatte auch keinen Fernseher. Nicht mal einen Kleiderschrank; die paar Hemden hingen auf Bügeln an den Aktenschränken. Im letzten Jahr sollten die Wohnungen in der Carnegie Hall in Büros umgewandelt werden. Cunningham musste in eine Umsetzwohnung ziehen. Mit Bad. Und Küche. In dem Dokumentarfilm "Bill Cunningham - New York", der im letzten Jahr von zwei Redakteuren der Times über ihn gedreht wurde, kommentiert er knapp: "Was soll ich mit all diesen Räumen? Die muss man bloß in Schuss halten."

Er hat Besseres zu tun, als seine Wohnung zu putzen. Den größten Teil des Tages verbringt er auf der Straße, hier entstehen die meisten seiner Bilder. Jeden Tag radelt er durch Manhattan und legt sich auf die Lauer. "Man kann der Öffentlichkeit nicht berichten, wenn man nicht alles gesehen hat", lautet eine seiner Maximen. Mit Vorliebe fotografiert er Passanten an den vier Ecken der 5th Avenue und 57ten Straße. Leute auf dem Weg zur Arbeit, von der Arbeit ins Restaurant, Touristen auf dem Weg vom Hotel ins Guggenheim oder zur Magnolia Bakery.

Er wird auch oft als Urgroßvater der Streetstyle-Fotografie bezeichnet, jener mittlerweile so populären Form der Fotografie, bei der Menschen so abgelichtet werden, wie sie auf der Straße unterwegs sind. Anders als die Streetstyle-Fotografen von heute - wie der Blogger Scott Schuman oder dessen Blogger-Freundin, die Pariserin Garance Doré - fotografiert Bill Cunningham seine Motive nicht frontal. Er fängt die Mode in Bewegung ein, hält einen flüchtigen Moment fest. Nie geht es um die Person, die er fotografiert. Die Kleidung steht immer für sich.

Da ist zum Beispiel die legendäre Geschichte seiner ersten Times-Veröffentlichung in den frühen siebziger Jahren. Ein Mantel fiel ihm auf, mit einer interessanten Schulterpartie. Er drückte auf den Auslöser seiner Kamera. Dann erst sah er, dass andere Passanten seinem Motiv nachsahen. Er erkannte, was er auf den ersten Blick übersehen hatte: Die Dame im Mantel war Greta Garbo.

Bill Cunningham spürt die Mode-Stimmungen auf den Straßen von New York auf. Tragen plötzlich alle Blau, fängt Bill Cunningham diese Laune ein. Fotografiert Frauen in blauen Kleidern, Nahaufnahmen von blauen Schuhen, selbst die blauen Hortensien und blauen Keramik-Übertöpfe, die auf dem Farmer's Market reißenden Absatz finden, fließen in die Collage für die Sunday Times ein. Bill Cunningham ist ein Foto-Reporter, er inszeniert nicht, er bildet die Mode dort ab wo sie sich täglich zeigt.
Sein Stil: Eine Frage der Haltung

Als Reporter fühlt er sich der Wahrheit verpflichtet. Deswegen hält er Distanz zu den Leuten, die er fotografiert. Auf den Veranstaltungen, zu denen er eingeladen ist, setzt er sich an keinen Tisch, nicht einmal ein Glas Wasser nimmt er an. Er macht die Runde, grüßt, scherzt, schießt ein paar Fotos und verschwindet so schnell und unauffällig, wie er gekommen ist. Immer trägt er eine Uniform aus einer blauen Handwerkerjacke, braunen oder beigefarbenen Khaki-Hosen und derben schwarzen Lederschuhen. Wenn es regnet, streift er einen unförmigen Regenumhang über, den er an mehreren Stellen mit Heftklammern repariert hat. In der Dunkelheit trägt er eine reflektierende Schutzweste, damit er auf dem Fahrrad gesehen wird. Er weiß, dass sein bescheidener Aufzug nicht jedem gefällt. Aber das kümmert ihn nicht.

Sein Verhältnis zur Wahrheit schätzen auch nicht alle. Als er vor Jahren für das Magazin Details arbeitete, deckte er Plagiate auf. Er zeigte ein Armani-Kleid neben dem Original von Serge Diaghilev. Daraufhin strich Armanis Media-Agentur alle Anzeigen, die sie gebucht hatte. Für immer. Ein anderes Mal stellte Bill Cunningham ein Kleidungsstück vor, das Izaac Mizrahi kopiert hatte. Der Designer reagierte anders. Er bot Cunningham einen Sitz in der ersten Reihe all seiner Modenschauen an. Auch für immer. Bei der Fachzeitschrift Women's Wear Daily kündigte Bill Cunningham, als man seine Bilder für eine "In-und-out"-Geschichte verwendete. Nach seinem Verständnis ist alles "in". Über finanzielle Konsequenzen machte er sich keine Gedanken. Niemals. "Geld ist das billigste Gut und Freiheit das teuerste", sagt er in dem Dokumentarfilm. Und beißt herzhaft in einen Drei-Dollar-Burger.

In der Mode ist Bill Cunningham eine Ausnahme. Keiner, der es so weit gebracht hat wie er, lebt so bescheiden. Ein Designer wie Helmut Lang mag sich aus der Mode zurückgezogen haben und Kunst produzieren. Aber er lebt ein Landleben in Wohlstand und käme kaum auf die Idee, auf einem Bett aus Getränkekisten zu schlafen.

Bill Cunningham wahrt Abstand und ist trotzdem mittendrin. Und er ist so freundlich und unverstellt wie wenig andere in der Branche. Bei der mit Spannung erwarteten Rodarte-Show auf der jüngsten New York Fashionweek zeigte sich das wieder. Gäste wie Anna Wintour, die Chefin der US-Vogue, Carine Roitfeld, die ehemalige Chefin der französischen Vogue, die Schauspielerinnen-Schwestern Dakota und Elle Fanning haben ihre Plätze bereits eingenommen. Bill Cunningham ignoriert sie. Genauso wie er die Sängerin Beyoncé Knowles ignoriert, die mit Nachrichten über ihre erste Schwangerschaft gerade Schlagzeilen macht. "Ich suche nach etwas, das schön ist", sagt er. Dann sitzt er auf seinem Stuhl in der ersten Reihe und die Schau beginnt. Hübsche Kleider mit großflächigen Drucken von Sonnenblumen, so wie van Gogh sie gemalt hat, schweben über den Laufsteg. Bill Cunninghams Kamera ruht in seinem Schoß.

Vielleicht kommt ihm das alles alt vor. Er hat das Thema ja auch längst verarbeitet, in einer Sommerausgabe der New York Times, mit Bildern von echten Sonnenblumen, von Menschen in sonnengelben Caprihosen und einer Frau in einem gelben Cocktail-Kleid, deren Handtasche die Form eines Bienenstocks hatte.

Foto: Donnie Miller All Rights Reserved


printmailFacebook Twitter0 Google+
12.10.2011
Musikexpress
Modestrecke – On the road
Die Modestrecke der aktuellen Musikexpress-Ausgabe: On The Road - Wir sind alle unterwegs. Aber wie willst du reisen? Fotos von Roman Goebel. Außerdem: das Making-of zur Modestrecke.



Produktion/Konzeption: Alex Bohn
Fotografie: Roman Goebel
Styling: Christoph Post
Haare/Make-up: Christiane Buchholz
Models: Christopher, Dan & Richard (Izaio), Dennis & John (Mega), Leander (Viva)
Making of: Michael Braun

Und hier das Making-of Video zur Modestrecke:

printmailFacebook Twitter0 Google+
15.09.2011
Die Zeit / New York Fashion Week
Band of Outsiders – Der oberste Knopf ist immer zu

Den Nachfolger von Ralph Lauren hat man sich anders vorgestellt. Scott Sternberg, Gründer und Designer des Modelabels Band of Outsiders, sieht aus wie die amerikanische Antwort auf Kurt Krömer: Linkische Haltung, verschossene Kleidung, Seitenscheitel im farblosen Kurzhaar. Er schnieft. "Ralph Lauren ist ein Genie. Seine Marke ist wahnsinnig beliebt und trotzdem exklusiv. Dagegen bin ich ein kleines Licht."

Sternberg vermeidet Superlative, seine Aussagen sind so schlicht wie seine Mode. Doch hinter der großen Streberbrille und der monotonen Stimme verbirgt sich ein Mann mit ausgeprägtem Geschäftssinn. In nur acht Jahren ist es Sternberg gelungen, Band of Outsiders zu einer der begehrtesten US-Modemarken zu machen.

Der ehemalige Musikagent, der in L.A. lebt und arbeitet, verkauft in Luxuskaufhäusern wie Barneys. Schauspieler wie Kirsten Dunst und Jason Schwartzman zieren seine Kampagnen. 2009 gewann er den prestigeträchtigen Preis des amerikanischen Council of Fashion Designers für seine Männerkollektion. Und Anna Wintour, Chefredakteurin der amerikanischen Vogue, besucht regelmäßig seine Präsentationen.

Der Erfolg gelang Sternberg mit einem Designkonzept, das simpler kaum sein könnte. Er interpretiert klassisch-amerikanische Mode neu, vor allem den konservativen und zugleich entspannten Kleidungsstil der Ostküsten-Intellektuellen, den preppy style. Flanellblazer, Club-Krawatten, Oxford-Hemden, Chinos und Segelschuhe sind sein Repertoire. So erklären sich die vielen Ralph Lauren Vergleiche in der amerikanischen Modepresse. Aus diesem Formenfundus bestückt Sternberg mittlerweile drei Kollektionen: Band of Outsiders für die Männer, die exklusive Frauenlinie boy und die etwas günstigere Zweitlinie girl.

Die letzteren beiden zeigte er gerade vor prominentem Publikum in New York, unter den stillgelegten U-Bahn-Gleisen des Highline-Parks in Chelsea. Da sah man Hemdblusenkleider aus weißer Baumwolle, die aussehen wie frisch gestärkt, mit plissierter Rückseite, bis oben zugeknöpft. Schmal geschnittene, marineblaue Kleider, deren Oberteil einem Herrenblazer ähnelt. Mode für erwachsene Schulmädchen.

Statt großer Stilbrüche setzt Sternberg auf die kleinen Twists: eine zweifarbige Hemdbluse mit schwarzem Lederkragen, einen Bleistiftrock aus schwarzen Ledergürteln, ein Rock mit blauem Toile-de-Jouy-Druck, eigentlich ein klassisches französisches Muster, der am Saum schwarz anläuft. Jede Band of Outsiders Show ist die perfekte Inszenierung für die gebildete, urbane Spaßgesellschaft. In Chelsea hat Scott Sternberg wuchernde Schlingpflanzen an den Eisenträgern installieren lassen und am Ende der Schau rieseln bunte Bonbonpapiere wie Konfetti auf den Boden und knistern dabei lustig.

Dieses heiter-unangepasste Image ist das Geheimnis von Band of Outsiders und von Sternberg wohl orchestriert, auch wenn er in Interviews gern zu Protokoll gibt, er sei eben einfach so. Seine Version von preppy lässt Kunden aussehen wie die Charaktere eines Wes-Anderson-Films: Ein bisschen verschroben, charmant, klug und irgendwie aus der Zeit gefallen.

Nicht umsonst heißt das Label nach einem Jean-Luc Godard Klassiker von 1964. Alle Band-of-Outsiders-Kampagnen werden mit Polaroid-Kameras fotografiert. Statt glatter Hollywood-Stars wählt Sternberg für seine Werbung Schauspieler aus, die als edgy gelten, Typen wie Michelle Williams, Sarah Silverman und Franka Potente oder Tom Felton und Rupert Grint, die als Draco und Ron in den Harry-Potter-Filmen die Außenseiter spielten. Zu all dem passt auch Sternbergs Selbstinszenierung mit Brille, hängenden Schultern, tantigen Pullovern und einem Blog über Kekse.

Sternbergs Kritiker finden seine Mode schlichtweg zu teuer. Er habe nicht mehr zu bieten als die amerikanische Kette J.Crew. Die führt 320 Läden im Land und bietet ebenfalls preppy Mode an, zu einem Bruchteil des Preises.

Sternberg wehrt solche Vorwürfe mit unbewegtem Gesichtsausdruck ab. "Ich biete eine große Preisspanne. Maßgeschneiderte Mode hat ihren Preis." Maßgeschneidert werden manche Band of Outsiders Sachen tatsächlich. Die Jacketts der Herrenkollektion lässt Sternberg bei Martin Greenfield fertigen, einem renommierten Schneider aus Brooklyn. Solch ein Jackett kostet 880 Euro und mehr. Hält man es in den Händen, versteht man den Preis. Auch die Frauenkollektionen orientieren sich an der Maßfertigung, besonders in der Konstruktion der Oberbekleidung.

Über das, was schon ist, spricht Sternberg aber sowieso weniger gern, als über das was noch kommt: "Taschen, Schuhe, Accessoires. Da möchte ich hin. Das wird alles gebraucht!" Seine Stimme ist immer noch monoton, aber der Nachdruck ist unüberhörbar. Der Designer, der nie eine Ausbildung gemacht hat, will den Wert seines Unternehmens bis zum Jahr 2013 auf 40 Millionen Dollar steigern. Im letzten Jahr war Band of Outsiders 12 Millionen Dollar wert.

Es ist dieser Wille, das Universum, das man gegründet hat, zu pflegen, damit es wächst und gedeiht, der Sternberg und Ralph Lauren verbindet. Als zum Abschluss der Schau in New York die Bonbonpapiere rieseln, fallen auch Zettelchen wie man sie in Glückskeksen findet auf den Boden. Drauf steht: "Wer ein Band-of-Outsiders-Kleid fotografiert, wird reich belohnt werden. Besonders, wenn es auf einem Cover landet."


printmailFacebook Twitter0 Google+
14.09.2011
Die Zeit
Die Alexander McQueens aus Korea
Während einheimische Talente für ihre braven Entwürfe gescholten werden, stärken Designer aus Südkorea den asiatischen Einfluss auf die New Yorker Mode. Bereits am zweiten Tag der New York Fashion Week regte sich die Modekritikerin der New York Times, Cathy Horyn, mächtig auf. Zu viel Braves und Verkäufliches ging ihrer Meinung nach über die Laufstege der Stadt: "Man fragt sich, was die jungen Designer von der heutigen Zeit halten. Gibt es nichts, das sie beschäftigt? Nichts, das sie mit Energie und Überzeugung vermitteln möchten? Oder fürchten sie, jemandem auf die Füße zu treten?"

© Frazer Harrison/Getty Images for Mercedes-Benz Fashion Week.
Ein Entwurf des chinesisch-stämmigen Designers Derek Lam für Sommer 2012


Im Reigen der Modestädte verkörpert New York die etablierte Position. Was auf der New York Fashion Week gezeigt wird, gilt in erster Linie als tragbar und der Formensprache klassischer Sportswear verpflichtet. Statements, Konzepte und Experimente überlässt man dagegen den Europäern. Oder, wie es jetzt scheint, den Asiaten.

Auf der gläsernen Galerie der Avery Fischer Hall im New Yorker Lincoln Center beobachtet das aufgekratzte Publikum die Models, die auf Podesten arrangiert sind. Sie präsentieren die Gruppenschau "Concept Korea", bei der fünf koreanische Designer ihre Kollektionen präsentieren. Glänzende Stoffe, knall-bunte Farben und harte Materialkontraste: Die Mode wirkt auf den ersten Blick grell, vielleicht stellt sie aber auch nur unsere Sehgewohnheiten auf die Probe.

Lie Sang Bong spielt in seiner Frühjahrskollektion mit abstrakten geometrischen Mustern und einer exzentrischen Mischung aus metallisch schimmernden und wollig matten Materialien. Der Designer gilt als Alexander McQueen Koreas und kleidet Popstars wie Lady Gaga und Beyoncé ein. "Ich habe mich immer gewundert, dass nur so wenige koreanische Designer den Weg in den Westen finden. Jetzt ändert sich das," sagt Lie Sang Bong lächelnd.

Seine vier Mitstreiter kennt außerhalb Asiens noch kaum jemand. In Südkorea sind sie alle etabliert und bekannt. Son Jung Wan beispielsweise ist die meistverkaufte Designerin des Landes, sie besitzt 37 Läden. Ihre Kollektion besteht hauptsächlich aus Kleidern in Beige- und Blautönen. Die italienische Insel Capri habe sie zu den fließenden Silhouetten in hochglänzenden Stoffen inspiriert, sagt die Designerin. Ihr tiefes Blau ist der La Grotta Azzura entlehnt.

In den USA schaut man schon länger auf Designer mit asiatischen Wurzeln: Phillip Lim, Alexander Wang, Derek Lam, Jason Wu und Richard Chai eint ihre Biographie als Einwanderer-Kinder. Als Rebellen gelten sie jedoch nicht. Eher schon als behutsame und kommerziell erfolgreiche Erneuerer der amerikanischen Formensprache.

Die Rolle des Provokateurs könnten nun die jungen Koreaner übernehmen: Juyoung zeigt eine Kollektion für Männer mit einer Vorliebe für Technisches. Seine Uniform-Jacken und schweren Trenchcoats sind aus Neopren, PVC und einem Stoff, der sich Shape Memory nennt. Egal wie man ihn faltet, knautscht und wendet – er kehrt immer wieder zu seiner ursprünglichen Form zurück.

Die "Concept Korea"-Show hat New York das Kantige und Außergewöhnliche geschenkt, das Cathy Horyn bisher vermisst hat. Nun müssen es die jungen koreanischen Designer nur noch vom Nebenprogramm auf die Hauptbühne schaffen.
printmailFacebook Twitter0 Google+
03.09.2011
Süddeutsche Zeitung
Erste Reihe – Mann im Rock

Foto: © Gunnar Hämmerle

1.Streetstyle

Vor siebenhundert Jahren trugen alle Rock, Männer wie Frauen. Dann wurde der Rock Frauensache, in der westlichen Welt zumindest. Ein Mann im Rock galt zusehends als Provokation – er musste schwul sein, Modedesigner, irre. Oder alles zusammen. Bis heute bleibt ein Mann im Rock ein Hingucker – diesen hier hat Streetstyle Fotograf Gunnar Hämmerle eingefangen. Dabei ist der Student Max, der seinen Rock ganz selbstverständlich kombiniert, mit Handtäschchen, Silberreif und sonnengelbem Top, keine Ausnahme. Der Rock für den Mann entwickelt sich zum modischen Normalfall.

Foto: © Givenchy

2. Givenchy

Durch die namhaften Modekollektionen geistert der Männerrock schon lange. Allerdings war er selten so massenhaft zu sehen wie für das kommende Frühjahr. So zeigte das französische Haus Givenchy, das sonst für konventionelle Geschlechterbilder bekannt ist, eine Kollektion mit fast genauso viel Röcken wie Hosen. Designer Riccardo Tisci sah vor seinem inneren Auge „Clubkids, tags und nachts“. Präsentiert wurden die Röcke dann allerdings nicht an schmalen Raver-Jungs, sondern muskulösen Models wie dem Armee-Arzt und Model Caesar Stovall.

Foto: © Thom Browne

3. Thom Browne

Auch der New Yorker Thom Browne setzt auf schwingende Beinkleider. Dabei orientiert er sich in der zahmeren Variante am schottischen Kilt, den er in mausgrau mit weißen Streifen neu auflegt. In Kombination mit Strumpfhaltern, Mittelscheitel und runder Sonnenbrille ist das allerdings ein Look für modemutige Männer. Genau wie die Fransenkleidchen, die Thom Browne für den kommenden Frühling auch noch empfiehlt.

Foto: © Marc Jacobs

4. Marc Jacobs

Als Wegbereiter des Männerrocks dürfte der amerikanische Modedesigner Marc Jacobs gelten. Er trägt seit Jahren Röcke, nicht, um zu provozieren, sondern aus Bequemlichkeit. „Ich entwarf eine Frauenkollektion mit überdurchschnittlich vielen Röcken, probierte ein Exemplar an und fühlte mich gut!“ Zunächst zeigte Marc Jacobs sich in schlichten, schwarzen Röcken. Mittlerweile setzt er modische Ausrufezeichen. Wie hier in einem gestreiften Prada-Rock mit Applikation und dazu passenden Brogues-Schuhen. Beides stammt aus der aktuellen Frauenkollektion des italienischen Labels.

Foto: © Axl Rose

5. Axl Rose

Schon in den 90ern wagte sich dieser Mann mit dem Mädchengesicht und den langen Haaren im Rock auf die Bühne. Axl Rose, Sänger der Band Guns´n Roses konnte sich nur deswegen unbeschadet im Schotten- oder Lederrock vor sein Publikum wagen, weil er sich bei seinen Konzerten aufführte wie ein wildes Rockstar-Alpha-Tier. Dem Charme dieses Kontrastprogramms erlagen sowohl seine männlichen Fans als auch Supermodel Stephanie Seymour. Heute trägt Axl Rose Rastazöpfe, ein Botox-gefrorenes Gesicht und Hosen. Schade eigentlich.

Foto: © Rick Owens

6. Gothics/Rick Owens

Auch die Jugend-Subkultur der Gothics hat Anteil daran, dass Röcke für Männer salonfähig werden. Schließlich hat man sich seit den 80er Jahren an den Anblick gewöhnt, von Männern, die in schwarzen, langen Röcken durch die Gegend stapfen und Patschouli-Duft verströmen. Dank den Entwürfen des kalifornischen Designers Rick Owens, der aktuell auch eine Art Abendkleid für den Mann schneidert, gelten die wallenden Röcke und Roben sogar als avantgardistisch. Bleibt nur die Frage warum die Gothics beim Tanzen nicht mehr aus der Beinfreiheit machen als drei Schritte vor und drei Schritte zurück.

Foto: © H&M

7. H&M

Wie massenkompatibel der Rock für Männer mittlerweile ist, zeigen nicht nur die Streetstyle-Fotografie und die großen Modekollektionen. In der aktuellen Sommerkollektion bietet der schwedische Textilkonzern H&M einen Männerrock. Er ist schlicht, bedeckt züchtig die Knie, erinnert an die ersten Röcke, die Marc Jacobs trug. Und an die traditionelle Form des schottischen Kilts. Dieser Rock, so lässt das schwedische Haus wissen, verkauft sich ungeheuer gut.
printmailFacebook Twitter0 Google+
01.09.2011
UDK Berlin
Luca – der Lóreal Workshop


Es gibt für Jeden ein erstes Mal. So auch für die Hairstylisten, die im Rahmen des Luca Workshop lernen wie man ein Foto-Shooting konzipiert und erfolgreich umsetzt. Der Workshop wird einmal jährlich ausgerichtet von der Universität der Künste und Lóreal. Gemeinsam mit den UDK-Professoren Stephan Schneider und Sebastian Fischenich, den Coiffeuren Wolfgang Zimmer und Manfred Kraft und der Fotografin Katja Hentschel begleitete ich die Teilnehmer während ihrer ersten Produktion. Besondere Aufmerksamkeit galt dabei der Wahl einer passenden Garderobe und ihrer wirkungsvollen Inszenierung im Rahmen des Foto-Shootings.


printmailFacebook Twitter0 Google+
11.08.2011
Musikexpress
Modestrecke – Bitte mit Sahne
Diese Leute sorgen dafür, dass uns die heissen Monate noch mehr Spass machen - auch dann, wenn sie mal nicht heiss sind. Fotos von Lars Borges. Außerdem: das Making-of zur Modestrecke.



Produktion/Konzeption: Alex Bohn
Fotografie: Lars Borges, Assistenz: Tintin Jonsson
Styling: Alex Heckel, Assistenz: Natascha Voranger
Video: Roman und Braun

Und hier das Making-of Video zur Modestrecke:


printmailFacebook Twitter0 Google+
18.07.2011
Süddeutsche Zeitung
Erste Reihe – Modehunde
Nur der Hund taugt als modisches Accessoire. Man muss ihn täglich mehrfach ausführen und kann ihn dabei herzeigen wie eine Handtasche. Deswegen spricht man vom Modehund, nicht aber vom Modepferd, Modefisch oder der Modekatze. Der Wandel vom top dog zum flop dog dauert länger als eine Saison, aber kein Mensch, der modisch etwas auf sich hält, trägt – pardon hält – sich heute noch einen Lassie-Collie oder einen Dalmatiner.

Ein kluger Hund wer sich beizeiten für die Nachwelt verewigen lässt – wie Ariedale Terrier Laddie Boy, der Hund des amerikanischen Präsidenten Harding, hier in Natura und in Öl.



Der chinesische Faltenhund

Unter den Modehunden ist der chinesische Faltenhund das Pendant zu Designermarken wie Alexander McQueen oder Gareth Pugh – irgendwo zwischen exzentrisch und degeneriert. Der Faltenhund zieht alle Blicke auf sich, die begeisterten und die entgeisterten gleichermaßen. In der modischen Evolution ist der Faltenhund der direkte Nachfahre von Mops und Pekinesen. Zwei Hunden, die genauso unglaublich aussehen wie er und dank ihrer langen Zuchtgeschichte auch ebenso gotterbärmlich schnaufen.


Der Schäferhund

Mit dem Schäferhund verhält es sich genau wie mit der weißen Bluse und dem schwarzen Kleid: Er war nie so sehr in Mode, dass er aus der Mode hätte kommen können. Im Film wird er seit den 1920er Jahren als treuer und schlauer Begleiter gefeiert und hört da auf Namen wie Rin Tin Tin und Kommissar Rex. Wer den Hund an seiner Seite weniger haarig will, setzt auf den anderen nicht minder bekannten, aber kurzhaarigen, Klassiker: Den Boxer.


Der Malteserhund

Mode dient der Selbstverbesserung. Mit ihrer Hilfe will man schöner, klüger, reicher, stilvoller oder amüsanter aussehen. Mit einem Hund im Bonsaiformat kommuniziert man zwei Dinge laut und deutlich: Man will zum Jet-Set gehören, heute hier, morgen dort. Und man gibt einen feuchten Dreck auf die CO2-Bilanz oder die artgerechte Haltung des Haustiers. Ab in die Handtasche, Leckerli und los geht’s. Mit seinem Chihuahua, Foxterrier oder Malteser will man außerdem sagen, dass man ein perfektes Spielzeug für sein inneres Kind gefunden hat: Ein Kuscheltier aus Fleisch und Blut.


Der Staffordshire Terrier

Seine Besitzer nennen ihn liebevoll „Staffie“ und lassen keine Gelegenheit aus, um zu betonen, dass dieser Hund der kinderliebste der Welt ist. Trotzdem hat er das gleiche Abschreckungspotential wie ein Maschinengewehr, das lässig über der Schulter hängt. Der Staffie ist der Vorzeigehund von Rüpel-Rappern wie Bushido und Action-Helden wie Vin Diesel. Vielleicht sehen sie in ihm einen Bruder im Geiste – den underdog, der sich Respekt verschafft. Im Zweifel beisst er sich durch.


Der Golden Retriever

Für die 90er Jahre war der Golden Retriever das, was der Cockerspaniel für die 80er war: Der niedlichste Familienhund, den man sich nur denken kann. Mit langen, geschwungenen Wimpern bei denen Mutti neidisch wurde und einer Mimik, die zwischen unglaublich freundlich und grenzdebil schwankte. Trotzdem neigt sich die Ära des goldgelockten Hunds mit dem engelsgleichen Wesen dem Ende zu. Vielleicht weil all die Nettigkeit am Ende vor allem eines ist: langweilig.


Die Promenadenmischung

Dieser Hund ist über jede Mode erhaben, denn er existiert außerhalb ihres Systems. Kein Wunder also, dass er zur Ausstattung eines Punkers ebenso selbstverständlich gehört, wie der Anarchie-Aufnäher auf der zerfetzen Lederjacke. Der treue Staatsbürger, der sich mit einem Straßenköter schmückt, signalisiert mit ihm seine Großherzigkeit. Schließlich könnte er ihn aus dem Tierheim geholt oder gar aus den verwahrlosten Hinterhöfen Südeuropas befreit haben.


Der Dackel

Auf den ersten Blick gibt es keinen unwahrscheinlicheren Modehund. Mit den kurzen Beinen? Mit der Geschichte? Schließlich galt der Dackel als Inbegriff der Spießigkeit, wer ihn spazieren führte, schützte sein Eigenheim mit Jägerzaun und schätzte die Schrankwand im Stil Eiche rustikal. Doch der Dachshund ist zurück. Stilsichere Menschen wie Schauspieler Adrien Brody drücken ihn an ihre Brust, Soulsängerin Adele kann ohne ihn nicht sein. Außerdem ist der Dackel alles was der Golden Retriever nicht ist. Eigensinnig, stolz und wieselflink.
printmailFacebook Twitter0 Google+
17.07.2011
Musikexpress
Modestrecke – Boys Will Be Girls
Frauen in zu großen Hosen tragen Boyfriend-Jeans. Und Männer in femininer Kleidung? Girlfriend-Style? Jedenfalls sehen sie besser aus als Ziggy Stardust. Fotos von Anna Rosa Krau. Außerdem: das Making-of zur Modestrecke.



Produktion/Konzeption: Alex Bohn
Fotografie: Anna Rosa Krau (Klaus Stiegemeyer)
Styling: Penelope Grey
Haare/Make-up: Isabel Eiler (Ballsaal)
Models: Paul & Till (Izaio), Clara & Laura (Seeds)
Video: Michael Braun

Und hier das Making-of-Video zur Modestrecke:

printmailFacebook Twitter0 Google+
14.07.2011
Musikexpress
Modestrecke – Wall of Love
Diese Mauer ist keine gewöhnliche. Auf der Rückseite eines Berliner Friedhofs bekennen Berliner sich zu ihrer Liebe. Mit gemalten Herzen, kruden Graffiti und gekritzelten Nachrichten. Der perfekte Schauplatz für eine ME-Lovestory. Fotos von David Fischer. Außerdem: das Making-of zur Modestrecke.



Produktion/Konzeption: Alex Bohn
Fotograf: David Fischer
Styling: Penelope Grey
Assistenz: Nicola Schwaiger
Models: Olga (Cymage) & Malte (Viva Models)
Video: Michael Braun

Und hier das Making-of Video zur Modestrecke:



printmailFacebook Twitter0 Google+
09.07.2011
Süddeutsche Zeitung
Erste Reihe – Most Wanted

Foto: © Laura Wollentarski

Laura Wollentarski

Im internationalen Vergleich gilt Mode aus Berlin eher als trashig als tres chic. Deswegen sind die Erwartungen an die Berliner Fashion Week nicht sonderlich groß. Zu Unrecht. Während der vergangenen fünf Tage zeigten sich neben etablierten deutschen Marken wie Hugo, Strenesse Blue und Michalsky vielversprechende neue Talente. Zu denen gehört auch Laura Wollentarski, die ihre Mode zwischen Müllsäcken und alten Schaumstoffplatten präsentierte – und das Klischee der Stadt Berlin perfekt bediente. Die Absolventin der Universität der Künste aus der Klasse des Designers Stephan Schneider bewies aber auch, dass zum Stoff aus dem Träume sind selbst alter Schaumstoff taugt.


Foto: © Nuria Garcia Sola

Hien Le

Es gibt keinen anderen Fashion Week Debütanten, der die Mode aus so vielen Blickwinkeln kennt wie Hien Le. Der gebürtige Thailänder ist gelernter Schneider, hat der belgischen Designerin Veronique Branquinho assistiert, an der Berliner FHTW studiert und in der Presseagentur Agency V im Bereich Sales gearbeitet. Hien Le weiß, wie Mode funktioniert; dass sie auch am Markt bestehen muss. Trotzdem sind seine Entwürfe, die beide Geschlechter in fast einheitlichen Looks kleiden, nicht einfach gefällig, sondern mit genauem Blick auf die Details schlicht und schön.


Foto: © Jonathan Christopher Hofweger

Jonathan Christopher Hofweger

Jonathan Christopher Hofweger erlebte, wovon die meisten Jungdesigner träumen: Der New Yorker Designer Marc Jacobs nahm ihn unter seine Fittiche. Die Aufmerksamkeit des Stardesigners galt allerdings nicht nur ihm – sondern auch den sechs anderen Aspiranten auf den Peek und Cloppenburg Designer For Tomorrow Award, den Marc Jacobs als Mentor und Host begleitete. Für Jonathan Christopher Hofweger dürfte allerdings schon Marc Jacobs physische Anwesenheit eine Herausforderung gewesen sein. Der neuerdings vor Muskeln strotzende Marc Jacobs ist der lebende Gegenentwurf zu den androgynen Entwürfen des Holländers, dessen Models wie engelsgesichtige Mädchen aussehen.


Foto: © Avlad

Vladimir Karaleev

Vladimir Karaleev könnte das Klischee eines Hochschulabsolvent sein: Verkopft, mehr an Kunst interessiert als an Mode. Aber der gebürtige Bulgare, der vor zehn Jahren zum Studium nach Berlin zog, beherrscht sein Handwerk perfekt. Wenn er für seine Sommerkollektion 2012 wörtlich das Innerste nach Außen kehrt – Säume, Nähte, sogar Taschen – dann sieht das nicht gewollt und konstruiert aus, sondern natürlich und tragbar. Vladimir Karaleev zeigt bereits seine neunte Kollektion – seine eigenständige Formensprache macht ihn aber zu einem der wichtigen Talente dieser Saison.


Foto: © Designerportrait Confidential

Augustin Teboul

Mode aus Deutschland gilt im besten Fall als geradlinig und schlicht – so wie die Arbeit von Jil Sander, die in der kollektiven Erinnerung verankert ist. Annelie Augustin und Odély Teboul beweisen mit ihrem Label Augustin Teboul, dass die Krauts auch andere Spielarten beherrschen – Sinnlichkeit zum Beispiel. Ihre Mode ist tiefschwarz und reicht von luftigen Seidenhäkeleien über schmale Lederjacken bis hin zu hautengen Leggins und fließenden Kleidern. Sie machen die Art Mode, die die Chefredakteurinnen der französischen Vogue bestellen, sobald sie die erste Skizze gesehen haben.


Foto: © Julie Eilenberger

Julie Eilenberger

Julie Eilenberger kostet die Möglichkeiten ihres Studiums an der Universität der Künste voll aus. Keine ihrer Kollektionen gleicht der nächsten. Ihre Ideen sind phantastisch, die Mode, die daraus geboren wird ist in erster Linie ein Ausloten der kreativen Möglichkeiten. Wie groß ihr Potenzial ist beweisen unter anderem die vielen Fashion-Editorials in denen ihre Mode bereits gezeigt wurde. Und ihre Abschlusskollektion in der die Dänin, die bereits für den britischen Exzentriker Christopher Kane gearbeitet hat, eine anrührende Auseinandersetzung mit Kindheit und Alter präsentierte.


Foto: © Issever Bahri Pressephoto

Issever Bahri

Cimen Bachri und Derya Issever stammen aus der Türkei – jede ihrer Kollektionen spricht unmissverständlich über ihre Herkunft. Sie lassen alte Handwerkstechniken wie Nadelspitze, die in ihrer Heimat noch beherrscht werden, in ihre geradlinige Mode einfließen. Die Berlinerinnen kennen Mode auch aus dem Blickwinkel von Schauproduktion und –styling und arbeiten unter anderem für Michael Michalsky. Mit Issever Bachri geben sie der Mode das zurück , was im Zeitalter der ständigen und weltweiten Verfügbarkeit verloren geht: Identität.

printmailFacebook Twitter0 Google+
03.07.2011
Süddeutsche Zeitung
Alles, nur nicht niedlich
Die Schuhdesignerin Charlotte Dellal ist die neue Louboutin: die derzeit umjubeltste Frau im männerdominierten Luxusschuh-Geschäft. Und der lebende Beweis, dass nicht alle Jetset-Kids faul sind.

Charlotte Dellal ist die neue Louboutin: die derzeit umjubeltste Frau im männerdominierten Luxusschuh-Geschäft. Wer ihren ersten Laden im Londoner Stadtteil Mayfair besucht, kann mit ein bisschen Glück Kate Moss oder Daphne Guiness treffen - sie sind beide Fans von Dellals Label "Charlotte Olympia". Ihre Schuhe erkennt man sofort: Sie sind wahnsinnig hoch und wahnsinnig femininin, sie zitieren den Hollywood-Glamour der 1940er Jahre. Dellal entstammt einer der glamourösesten Familien Londons: Ihr Vater ist ein britischer Immobilien-Magnat, die Mutter ein ehemaliges brasilianisches Topmodell, ihre kleine Schwester Alice ist das Punk-It-Girl mit der Undercut-Frisur, Bruder Alex ist mit Charlotte Casiraghi liiert. Die 30-Jährige trägt ihre Kreationen auch selber - nur nicht während dieses Interviews.

Die Kreationen der Schuhdesignerin haben Glamour. (Foto: © Jacob Lillis)


SZ: Frau Dellal, Ihr Markenzeichen sind Schuhe mit schwindelerregend hohen Absätzen: zwölf Zentimeter und mehr. Sie sind gerade hochschwanger - bleiben Sie den Highheels trotzdem treu?
Charlotte Dellal: Nein. Meine Mutter hat mich ganz eindringlich gewarnt, schon als ich zum ersten Mal schwanger war. Sie hat wohl Angst, ich könnte auf hohen Haken vorne überkippen und das Baby verletzen. Ich laufe seit dem dritten Monat fast ausschließlich in Turnschuhen von Converse herum. Chucks sind für mich ein Klassiker. Die trage ich auch, wenn ich nicht schwanger bin.

SZ: Sie sehen sonst immer sehr glamourös aus. Sie tragen Ihre rötlich gefärbten Haare in Wellen gelegt, man sieht Sie selten ohne tiefrot geschminkte Lippen. Ihr Motto ist: "The higher the heel, the better I feel." Sind Turnschuhe da nicht profan?
Charlotte Dellal: Stimmt, das Zitat stammt von Ellen von Unwerth. Ich meine das aber nicht bierernst. Ich denke nicht, dass Frauen immer hohe Schuhe tragen sollten. Ich habe eine Schwäche für den Glamour der 1930er und 1940er Jahre, für Hollywood-Diven wie Rita Hayworth. Daher meine Frisur, mein Make-up und die Leidenschaft für Leoparden-Muster. Ich entwerfe hohe Schuhe, weil ich sie schön finde. Für meine Label Charlotte Olympia musste ich erstmal eine eigene Ästhetik entwickeln - das waren dann eben sehr hohe Schuhe. Mittlerweile entwerfe ich zu jedem hohen Schuh auch ein flaches Pendant.


Keine Angst vor Leo-Print: Charlotte Dellal hat sich mit ihren Entwürfen im Luxusschuhsegment einen Namen gemacht. (Foto: © Jacob Lillis)


SZ: Ihre jungen, männlichen Kollegen - wie zum Beispiel Brian Atwood und Nicolas Kirkwood - entwerfen Schuhe, die aussehen wie Skulpturen: geometrisch, abstrakt, mörderhoch. Was machen Sie anders?
Charlotte Dellal: Ich bin eine Frau. Ich trage diese Schuhe! Meine wichtigste Vorgabe ist: Man muss in den Schuhen noch bequem laufen können. Nur dekorativ in der Ecke herum zu stehen, macht keinen Spaß. Und ich entwerfe Schuhe, die in irgendeiner Form klassisch sind. Die Silhouette ist immer ein Pumps oder Plateau-Pumps. An den Materialien, die ich verwende - Leder, Leinen, bedruckte Stoffe - sieht man, dass ich ziemlich nostalgisch bin.

SZ: Ihre Mutter, Andrea Dellal, hat als Model international erfolgreich gearbeitet, auf der letzten London Fashion Week war sie gemeinsam mit Yasmin Le Bon auf dem Laufsteg zu sehen. Hat Sie Ihnen beigebracht, wie man in Highheels läuft?
Charlotte Dellal: Im Gegenteil. Meine Mutter hat mir immer verboten, hohe Schuhe zu tragen. Sie wollte, dass ich Birkenstock-Sandalen trage.

SZ: Wie bitte?
Charlotte Dellal: Sie hat ja recht. Highheels machen auf Dauer keine schönen Füße. Ich bin durch meine Mutter zur Mode gekommen, das schon. Sie hat mich mit zu den Schauen genommen, und ich wusste schnell, dass ich selbst gestalten wollte.

Entwürfe für drei Generationen


SZ: Wie sieht Ihre Traumkundin aus?
Charlotte Dellal: Wenn ich Schuhe entwerfe, denke ich immer an meine Großmutter, meine Mutter und meine Schwester Alice - das sind drei Generationen Frauen. Sie sollen alle meine Schuhe tragen können. Es nervt mich, wenn man so tut als wären bestimmte Moden nur für eine bestimmte Altersgruppe geeignet. Ob jemand etwas tragen kann, liegt ganz an seinem Selbstverständnis und daran, wie er sich gerade fühlt.

SZ: Ihre Sommerkollektion bewerben Sie mit einem Pin-up-Motiv, inspiriert von dem brasilianischen Pin-up-Superstar Carmen Miranda. Für die Herbstkollektion haben Sie eine Art Agatha-Christie-Kurzfilm gedreht, mit ausschließlich weiblichen Protagonisten. Männer tauchen im Universum von Charlotte Olympia gar nicht auf.
Charlotte Dellal: So habe ich darüber noch gar nicht nachgedacht. Okay, Schauspielerin Portia Freeman, die in dem aktuellen Film und allen Kampagnen zu sehen ist, ist tatsächlich eine starke, unabhängige Frau. Und mädchenhaft niedlich ist meine Arbeit sicher nicht. Und auch in meiner Familie sind alle Frauen selbstgenügsam und unabhängig.

SZ: Sie selber sind der Inbegriff der modernen Frau.
Charlotte Dellal: Wie meinen Sie das?

SZ: Nun ja, Sie entwerfen zwei Kollektionen pro Jahr, führen die gesamten Geschäfte, kürzlich haben Sie ihre erste Boutique eröffnet und Ihre Kollektion außerdem im renommierten Kaufhaus Bergdorf Goodman in New York untergebracht . Nebenbei erziehen Sie Ihren dreijährigen Sohn, vor ein paar Monaten haben Sie geheiratet, und in Kürze erwarten Sie Ihr zweites Kind ...
Charlotte Dellal: Ja, eine richtige "Charlie's-Angels"-Phantasie! Dass ich gleichzeitig Mutter, Designerin und Unternehmerin bin, funktioniert nur, weil ich selbständig bin. Ich hatte keinen Mutterschaftsurlaub. Wenn ich wollte, dass der Laden läuft, musste ich mich schon selbst darum kümmern. Am Anfang habe ich meinen kleinen Sohn Ray immer mit ins Büro und auch ins Atelier mitgenommen. Wer angestellt ist, kann das nicht so locker machen. Einfach ist das trotzdem nicht, eher ein Balance-Akt. Meine Familie hilft mir auch, vor allem meine Mutter und meine Schwiegermutter. Wir stehen uns sehr nah - die Männer eingeschlossen. Ray hat mittlerweile eine Nanny, den Tag über. Wie das alles funktioniert, wenn mein zweites Kind auf die Welt kommt - das werde ich dann sehen.

SZ: Hat es eigentlich mit Ihrem Sohn zu tun, dass Sie seit einiger Zeit auch flache Schuhe entwerfen? Ist man als Mutter gezwungen, praktischer zu denken?
Charlotte Dellal: Wie gesagt, meine Converse-Turnschuhe habe ich auch schon vor Rays Geburt getragen. Aber ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich auf Zwölf-Zentimeter-Absätzen mit ihm auf den Spielplatz gehe. Dann ziehe ich eher Sandalen aus meiner Kollektion an - am liebsten die mit Leoparden-Muster, damit ich nicht zu sittsam aussehe. Aber guter Stil steht und fällt nicht mit der Höhe der Absätze.

SZ: Was ist für Sie denn guter Stil?
Charlotte Dellal: Dinge zu tragen, in denen man sich wohlfühlt. Für mich bedeutet das einen hübschen Hut und ein schönes Paar Schuhe. Accessoires machen ein Outfit komplett. Ich glaube nicht, dass man sich in jeder Saison komplett neu einkleiden muss, nur weil es neue Trends gibt. Man braucht ein paar unverwüstliche Dinge, die man liebt. Und die kann man mit Accessoires immer wieder neu inszenieren.

SZ: Gehören Schuhe zu den unverwüstlichen Dingen, die eine Frau lieben sollte?
Charlotte Dellal: Für mich schon. Ich trage sie, bis sie auseinanderfallen. Und ich glaube auch nicht, dass jemand meine Highheels wegwirft, nur weil gerade ein halbhoher Haken angesagt ist.

http://www.sueddeutsche.de/leben/schuhdesignerin-charlotte-dellal-alles-nur-nicht-niedlich-1.1115429
printmailFacebook Twitter0 Google+
14.04.2011
Musikexpress
Modestrecke – Schmucke Stücke
Ein Accessoire tragen selbst Modemuffel: Den Kopfhörer. Wir zeigen den Kopfschmuck Nummer Eins im Portrait. Fotos von Anna Rosa Krau. Außerdem: das Making-of zur Modestrecke.



Produktion/Konzeption: Alex Bohn
Fotografie: Anna Rosa Krau
Art Production: Sarah Illenberger
Models: Ayumi, Victoria & Micha ( M4), Till & Henrich (Izaio)
Video: Michael Braun

Und hier das Making-of Video zur Modestrecke:

printmailFacebook Twitter0 Google+
21.10.2010
Financial Times / How To Spend It
Die Jeans
Wenn Marketingstrategen ganz gewöhnliche Dinge zu einem ungewöhnlich hohen Preis anbieten wollen, versehen sie diese gerne mit dem Zusatz: „Premium“. Und Premium kann alles sein: Es gibt Premium-Sekt, Premium-Bananen, selbstverständlich auch Premium-Waschmittel. In Sachen Jeans hat sich der Begriff allerdings längst verschlissen. „Premium“-Jeans sind ein Phänomen der 1990er, als Designer wie der Italiener Renzo Rosso für Diesel, oder der Japaner Hidehiko Yamane für Evisu erstmalig Jeans entwarfen, die mehrere hundert Euro kosteten.

Hochwertige Jeans heute, schmückt die Prädikatsbezeichnung „artisanal“, also „handwerklich hergestellt“. Für die Jeans bedeutet diese neue Begrifflichkeit mehr als nur ein neues Etikett. Sie bezeichnet eine Veränderung und eine Rückbesinnung zugleich. Denn die Jeans ist schon längst kein „Premium“Produkt mehr, das seinen Mehrwert aus dem Markenimage bezieht und seinen Preis darüber rechtfertigt. Heute ist der Jeans Kaschmir oder Seide beigemischt, sie ist so genanntes „japanese denim“ und sie ist, obwohl mindestens genauso teuer wie ihr „Premium“-Vorgänger, meist ungleich besser verarbeitet.

Vor allen Dingen aber sind diese „artisanal“ Jeans erwachsene Jeans. Die Jeans der vergangenen Saisons, so gefärbt, zerrissen, geflickt, bemalt und bestickt wie sie waren, sehen im Vergleich aus, als wäre eine Grundschulklasse im Fach „Textiles Gestalten“ über sie hergefallen. „Artisanal“ Jeans sind schlicht, reduziert auf hochwertigen Denim-Stoff in klassischem und tiefen Indigo-Blau oder reinem Weiß und es gibt sie in unaufgeregten, einfachen Schnitten.

Die Rückbesinnung auf die ursprünglichen Werte der Jeans stammt nicht aus dem Mutterland der Jeans – den U.S.A – sondern, wie der Begriff „japanese denim“ nahelegt, aus Japan. Label wie Studio D´Artisan produzieren Jeans auf Webstühlen, die als antiquiert gelten, so genannten shuttle looms. Der so gewebte Denim ist enger und fester gewebt, wird er eingetragen, so entwickelt er ein Abnutzungsprofil, das einzigartig ist. Industrielle Massenware hingegen wird heute auf Projektilwebmaschinen hergestellt. So verläuft die Produktion schneller, aber der Denim-Stoff wird gleichförmiger und austauschbarer.

Auch das japanische Label 45rpm produziert auf den veralteten Webstühlen. Jeans-Conaisseure schätzen den hohen Tragekomfort der so hergestellten Jeans-Stoffe und die Liebe zum Detail, die die japanischen Hersteller auszeichnet. So endet der Stoff am Hosenbein nicht mit einer schnöden Schnitt- sondern mit einer Webkante, in der ein andersfarbiger Faden eingearbeitet ist. Auch Levi´s Jeans zeichneten sich früher durch derartige Webkanten aus – rot für Männer, pink für Damen – heutige Kollektionen aber verzichten auf solche Liebhaber-Finessen.

Das hochwertige „japanese denim“ schätzen aber auch europäische Designer. Jean Touitou beispielsweise, Gründer und Designer des französischen Labels A.P.C nutzt für seine Jeans ausschließlich den in Japan gewebten Denim: „Ich arbeite mit einem Weber, in Fukuoka, den ich vor zweiundzwanzig Jahren dort getroffen habe. Er gab mir sein Wort, ausschließlich für mich zu arbeiten und hat sein Wort bis heute gehalten.“

Über die genauen Zutaten für seine A.P.C Jeans schweigt Touitou ebenso wie die japanischen Designer: „Die perfekte Jeans zu entwickeln ist eine langwieriges, hartes und brutale Wissenschaft. Man testet unterschiedliche Maschinen – allesamt kraftvoll und laut – verschiedene Fäden, Näh-Techniken und Färbungen. Und wenn man endlich zufrieden ist, bewahrt man die Formel wie ein Geheimnis.“

Dass Denim in höchster Qualität auch in Europa produziert werden kann, beweist das deutsche Label Hiltl. „Wir verwenden Denim-Stoffe aus Deutschland und Italien“, sagt der Designer Jörg Weickart „auch für unsere neue Jeans, der neben fünfundneunzig Prozent Baumwolle auch fünf Prozent Kaschmir beigemischt sind. Sie hat einen weicheren, angenehmeren Griff als normale Denim Jeans. Die Zielgruppe, die wir mit diesem Produkt ansprechen schätzt Luxus, der nicht offensichtlich oder aufdringlich ist.“

Kaschmir und Seide verarbeitet auch das italienische Haus Brioni. „Wir orientieren uns an den Jahreszeiten,“, erklärt Lorenzo Glavici, „im Sommer mischen wir Seide bei, im Winter sorgt Kaschmir für größeren Komfort.“ Außerdem ist die Brioni-Jeans, die im nächsten Winter neben dem klassischen Indigo-blau auch in weiß erhältlich sein wird in besonderer Weise handwerklich, also „artisanal“: Sie ist nämlich maßgeschneidert.

Wie bei der Wahl eines Maßanzugs bestimmt der Kunde unter sorgfältiger Assistenz durch das Brioni Team alle Details seiner Wunsch-Jeans: Passform, Größe, Sitz der Taschen, die Gestaltung der Nähte, Knöpfe und Gürtelschlaufen.

Lorenzo Glavici rechnet mit einer großen Nachfrage nach diesem neuen Produkt. Schon jetzt sind sechzig Prozent aller verkauften Freizeithosen aus dem Haus Brioni Jeans. „Jeans verkörpern Tradition und Trend, sie gefallen Menschen jeden Alters. Wer aber von der Stange keine perfekte Passform findet, entscheidet sich gegen Jeans. Mit der „Made to Measure“ sind schlecht sitzende Jeans Geschichte.“

Schon allein das Preisgefüge der Brioni-Jeans, die ab dreihundert Euro zu haben sind, ist vielversprechend. Als im letzten Jahr der amerikanische Designer Tom Ford seine erste Jeans-Kollektion veröffentlichte, die bei einem Preis von etwa achthundert Euro liegt, fand sie, trotz der Finanzkrise, Liebhaber, die ihren guten Sitz und Materialeigenschaften priesen.

In Zeiten in denen große Luxus-Kaufhäuser wie das New Yorker Saks Fifth Avenue unentwegt mit reduzierter Ware werben und, laut Fashion Director Eric Jennings, hauptsächlich Jeans im Segment unter zweihundert Dollar verkaufen, fragt man sich allerdings, wie zeitgemäß hochpreisige Jeans sind. Oder zumindest: Welchen Mehrwert sie bieten müssen, um den hohen Preis zu rechtfertigen.

Bei Hiltl lautet die Antwort „Investment Dressing“. Und für Designer Jörg Weickart bedeutet das: „Wertschätzung, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit. Wir bieten gute Oberstoffe, die nur aus Europa stammen und gute Verarbeitung. Wir zahlen den Webern und Wäschern faire Preise. Wir kennen unsere Quellen und nutzen sie beständig. Wir ändern nicht ständig die Produktionsstruktur, um billiger zu produzieren.“ Kurz: Hiltl, Brioni , A.PC. und Co tun, alles damit die Jeans bleiben kann, was sie ist: Die vielleicht ehrlichste Hose der Welt.
printmailFacebook Twitter0 Google+
23.09.2010
Süddeutsche Zeitung
Die Lim-Formel
Dass Phillip Lim Modedesigner ist, ist eine Schande. So zumindest sieht es seine Mutter. Ihr Sohn sollte Anwalt werden, Doktor oder Finanzexperte. Aber nicht ihr Schicksal teilen: nähen. Achtzehn Stunden am Tag für einen Hungerlohn von drei Dollar pro Stunde. Tagein. Tagaus. "Ich habe ihr gesagt, dass es bei mir nicht so sein wird", sagt Phillip Lim und verliert für einen winzigen Moment seine Haltung.

Seine Mutter gab ihm mit auf den Weg: "Junge, gib Acht auf deine Gesundheit."
Nicht, dass er unruhig auf seinem Stuhl herumrutschen oder mit fahrigen Gesten die Luft zerteilen würde. Sein steter Blick rutscht nur für einen Augenblick nach innen, fixiert für den Bruchteil eines Moments nicht ganz aufmerksam sein Gegenüber und die Umgebung. Er sieht aus, als habe man ihn an einen Ort erinnert, an den er lieber nicht geht.
Dabei wirkt der 33-Jährige sonst, als könnte ihn wenig aus der Ruhe bringen. Er scheint angenehm neutral zu sein. Wie sein makelloser Aufzug: knitterfreies hellblaues Leinenhemd, oberster Knopf geöffnet, dunkelblaue Tuchhose, schwarze Lederschuhe, kein Schmuck, trockener Händedruck. Er sitzt aufrecht, die Hände im Schoß, und trinkt Cola light.
Dabei geht es in seinem Showroom im garment district in Chelsea hoch her. Keine fünf Minuten vergehen, in denen es nicht an der Tür klingelt und ein angenehmer Dreiklang ertönt. Es sind die Einkäufer, die erwartungsvoll die winzige Lobby betreten. Einer nach dem anderen nimmt wahlweise auf einem weißen Leder-Dreisitzer oder einem der mit lila Brokatsamt bezogenen Sessel Platz. Da warten sie dann. Darauf, durch die neueste Lim-Kollektion geführt zu werden, um über ihre Order zu entscheiden. Im eigentlichen Showroom präsentieren Modelle den Einkäufern Lims Entwürfe und staksen vor gut gefüllten Kleiderstangen auf und ab, an denen eine Handvoll Assistenten und Assistentinnen Kleider, Mäntel, Hosen und Blusen auf- und abhängen.
Genau zwei Tage ist es her, dass Phillip Lim in der New York Public Library seine fünfte Kollektion präsentiert hat. Wo andere knapp tausend Gäste laden, hat er sich auf 500 beschränkt. Seine Präsentation, die von Modell Irina Lazareanu eröffnet wurde, war ungewöhnlich: Nicht, weil er Dinge vorführte, die man von ihm nicht erwartet hätte. Er zeigte schöne Kleider, die zu Tag wie Abend passen, Variationen des perfekten Trenchcoats, für den er unter anderem bekannt ist, und wohldosierte Akzente - Kardinalrot und Schwefelgelb zu Kamelhaarfarben, Wildlederblusen zu Seidenhosen - um nicht gefällig zu wirken.
Die Präsentation selber aber war ungewöhnlich: Zu Aphex Twins "Jynweythek Ylow", aus dem Marie Antoinette Soundtrack, betritt ein Modell nach dem anderen einen Laufsteg aus ockerfarbenem Stein, der spiralförmig auf fünf runde Plateaus zuläuft. Anders als beim üblichen come and go laufen die Modelle nicht nur über den Catwalk, um gleich darauf wieder zu verschwinden. Sie bleiben. Und formen auf der Bühne ein Gruppenbild, das Lims neuste Kollektion auf einen Blick zeigt. Für die Show und seine neue Kollektion erntete er viel Lob und einige kritische Anmerkungen.

"Ich war wahnsinnig unsicher"

Weder von den Höhen noch den Tiefen der letzten Tage merkt man ihm in diesem Moment etwas an. Auch nicht von dem Spannungsabfall, der jeden Designer überkommt, wenn er mit dem fertig ist, worauf er fast ein halbes Jahr hingearbeitet hat: der nächsten Kollektion. Kann diesen wohlgelaunten Phillip Lim also nichts aus der Ruhe bringen, außer seiner Familie?
Auch seine Geschichte erzählt er recht gelassen, dabei ist die alles andere als normal. Er wurde in Bangkok geboren. Als er zwei Jahre alt ist, ziehen seine Eltern an die amerikanische Westküste, nach Orange County. Er ist das jüngste von sechs Geschwistern. Seine Mutter arbeitet als Näherin, sein Vater ist Profi-Pokerspieler. Es gab immer eine unausgesprochene Vereinbarung: Er würde zur Uni gehen und etwas Anständiges lernen, dann würde er es besser haben, und das Schicksal der Familie stünde in einem guten Licht. Lim hielt sich an die Regeln und studierte BWL an der California State University in Long Beach. Aber im dritten Jahr entschied er sich anders.
Der Moment der Erweckung kam unerwartet: Lim jobbte im kalifornischen Ableger des New Yorker Nobel-Kaufhaus Barneys. Dort packte er eine Lieferung der Modedesignerin Katayone Adeli aus. Als er ihre Kleider in Händen hielt, dachte er: "Das verstehe ich, das will ich machen." Noch am selben Tag rief er in Adelis Büro an und bewarb sich um einen Praktikumsplatz. Referenzen hatte er keine, nur eine lose Sammlung von Polaroids, die ihn in verschiedenen, eigens kombinierten Outfits zeigten. Seit er ein kleiner Junge war, hat Lim seine Alltagsgarderobe selbst ausgewählt. "Ich habe immer darauf bestanden dabei zu sein, wenn meine Mutter Kleidung für mich einkaufte." Und er bettelte so lange, bis sie seine Kleidung so abänderte, dass sie ihm gefiel. Wirklich gefiel.
Adeli erkannte Lims Talent. Er erhielt nicht nur das Praktikum, sondern bereits nach zwei Wochen das Angebot für eine Festanstellung sowie den Auftrag, nach Paris zu reisen, um dort Stoffe für die nächste Kollektion auszusuchen.
Lim folgte seinen neuen Aufgaben mit traumwandlerischer Sicherheit. An seiner Uni belegte er Kurse in Hauswirtschaftslehre und eignete sich so ein Basiswissen in textilem Gestalten an. "Ich war mir wahnsinnig unsicher darüber, wie die Dinge gemacht wurden, weil ich die Abläufe nicht kannte, wie man beispielsweise Schnittmuster anfertigte oder wie genau Skizzen auszusehen hatten, aber ich war nie unsicher, was meine Entscheidung anging. Für meine Mutter hingegen war sie unverständlich. Näherin zu sein oder Schneider - aus der Perspektive unseres kulturellen Hintergrunds bedeutete das ein Leben in relativer Armut und ohne Perspektive."
Als Katayone Adeli ihr Label nach New York verlegte und Lim anbot, mit der Firma umzuziehen, war er für diesen Schritt nicht bereit. Und deshalb: arbeitslos. Anlass zur Sorge gab es jedoch nicht. Der Freund eines Freundes bot ihm finanzielle Rückendeckung an und ermöglichte Lim die Gründung seines ersten eigenen Labels: Development.
Gemeinsam mit seinen Geschäftspartnern entwarf er Mode für Mädchen um die zwanzig: in einfachen Schnitten und mit einer reduzierten Farbpalette. Development war erfolgreich, aber seine Partner wollten die Marke massenkompatibler machen. Die Freizeitkleidung sollte sich an der urkalifornischen Marke Juicy Couture orientieren. Doch Lims Interesse an beerenfarbenen Jogginghosen aus Nickistoff war begrenzt. Er stieg aus. Wieder war Lim arbeitslos, doch erneut schienen sich die Dinge einfach zu fügen.
Wen Zhou schickte ihm ein einfaches Ticket nach New York. Wenn es einen Satz gibt, den man in Interviews von Wen Zhou und Phillip Lim häufiger hört, dann diesen: "Wir sind wie ein und dieselbe Person, nur trägt eine von uns Röcke." Auch Wen Zhous Eltern sind chinesische Immigranten. Genau wie Lims Mutter ist ihre Mutter Näherin, ihr Vater arbeitet als Küchenkraft in einem Restaurant. Zhou hat BWL studiert, zur Mode kam sie über einen Ferienjob, in dem sie Knöpfe verkaufte. Mit 21 war sie CEO ihres ersten Textilunternehmens, Development gehörte zu ihren Kunden. Heute ist sie CEO bei 3.1 Phillip Lim.
Zum ersten Mal begegneten sich die beiden in Paris. "Ich trug ein Kleid, das aus aufgefädelten Perlen bestand", erzählt Zhou, "und weil ich irgendwo hängenblieb, begann es aufzuribbeln. Die Geschäfte waren bereits geschlossen, und es war schier unmöglich, irgendwo Nadel und Faden zu besorgen. Ich war aufgeschmissen. Dann kam Phillip. Er sah mich und das Kleid und besorgte Nadel und Faden. Ich weiß nicht, woher. Jedenfalls war von diesem Moment an klar, dass wir zusammengehörten."

Ein kreatives, kein Liebes-Paar

Lim und Zhou sind ein kreatives Paar. Kein Liebespaar. Ein Tag nach seiner Landung in New York bot sie ihm an, 750 in eine gemeinsame Firma zu investieren, gab ihm zwei Monate Zeit, ihre erste Kollektion zu entwickeln und ihr einen Namen zu geben. Lim sagte ja, zog nach New York, in das rosafarben gestrichene Kinderzimmer in Wen Zhous Wohnung. Das war 2005, beide waren 31 Jahre alt, und sie entschieden sich dafür, ihr gemeinsames Alter in dem Label festzuhalten: 3.1 Phillip Lim.
Alles Weitere ist eine Geschichte von Fleiß, Talent und akribischem Finanzmanagement. Bereits im ersten halben Jahr erzielten die beiden einen Umsatz von 2,8 Millionen Dollar, die jetzige Winterkollektion brachte einen Umsatz von 30 Millionen Dollar. Nach nur zwei Jahren im Geschäft grenzt das an Zauberei. Lim und Zhou arbeiten mit einem Team von 45 Mitarbeitern, einschließlich der Angestellten, die in ihrem ersten Laden in der Mercer Street in Soho arbeiten. Lim erklärt die Prinzipien ihrer Firma: "Jeder hier arbeitet eigenverantwortlich, alles basiert auf wechselseitigem Vertrauen und Respekt." Hinzu kommt, dass beiden ihr kultureller Hintergrund zugutekommt: Das Gros ihrer Kollektionen wird in China produziert, dass sie beide fließend Chinesisch sprechen, ist einer ihrer wichtigsten Vorzüge.
Das und die Tatsache, dass sie etwas bieten, was auf dem amerikanischen Markt rar ist: komplette Hingabe und Detailversessenheit für jeden Aspekt ihres Produkts. Sie besinnen sich auf eine der Stärken amerikanischer Mode - Tragbarkeit - aber haben eine klare kreative Vision, die verhindert, dass ihre Arbeit banal wird. Lims erste Entwürfe waren die für einen perfekten Trenchcoat, ein perfektes Kleid und eine perfekte Bluse." Als ich 2002 angefangen habe, habe ich mir den Markt genau angesehen. Es gab alles, aber vieles war lieblos. Und wenn etwas Qualität hatte, dann war es oft hoffnungslos überteuert. Das wollte ich ändern." Lims Antwort war eine Kollektion, die qualitativ hochwertig war, handwerklich perfekt und dabei erschwinglich - kein Kleid kostete mehr als . Die Klientel, die sie erreichen wollten: die junge Großstädterin, die sich individuell und gut anziehen möchte, ohne sich finanziell zu ruinieren. Die Art Mädchen, die sich Yves Saint Laurent nicht leisten kann und Marc by Marc Jacobs immer dann auf der Stange hängen lässt, wenn dessen Entwürfe zu jugendlich sind.
Man kann Lims Mode einfach nennen, mitunter minimalistisch, tragbar und feminin. Am besten, er beschreibt sie selber: "Ich will Kleidung, die nicht perfekt ist. Die den Leuten Platz gibt, sie zu kombinieren, wie immer sie wollen. Meine Entwürfe sollen sie nicht definieren, sondern lediglich unterstützen." Wie sehr ihm das gelingt, zeigt ein Blick auf eine beliebige Partyseite einer US-Zeitung oder Modestrecke einer internationalen Modezeitschrift. Lims Kleider sind überall. Wo Jacobs der gemeinsame Nenner junger Fashionistas war, macht sich jetzt Lim breit. Sein Erfolg ist nicht zu übersehen: Zhou und er planen weitere Shops in Los Angeles und London, es wird eine Kinder-Kollektion geben, Sonnenbrillen und Parfüm, eine Herrenkollektion existiert bereits.
Und Lims Mutter? Man würde denken, dass sie freudestrahlend in der ersten Reihe jeder seiner Modenschauen sitzt. Doch seine Mutter sieht weder viel von der guten internationalen Presse, die Lim erhält, noch kennt sie sein Atelier oder seinen Laden. Er besucht seine Familie viermal im Jahr. Alles, was sie zu ihm sagt, ist: "Gib acht auf deine Gesundheit, du hast nur eine." Ein bisschen naiv denkt man, es müsste doch so einfach sein, den Geist der Vergangenheit zu vertreiben. Seine Mutter müsste nur einmal zu einer seiner Schauen kommen, stolz strahlend in der ersten Reihe sitzend sehen, dass alles gut ist mit dem Jungen im Schneidergeschäft. Lim sagt: "Bislang habe ich mich noch nicht getraut, sie einzuladen." Hoffentlich im nächsten Jahr.

http://www.sueddeutsche.de/leben/junger-designerstar-die-lim-formel-1.787838
printmailFacebook Twitter0 Google+
01.02.2010
Musikexpress
Modestrecke – Nerdig by Nature
Wikileeaks ist erst der Anfang: Die Rache der Nerds ist auch eine Frage des Stils. Wir haben bei Super Mario und seinen Freunden in den Kleiderschrank geschaut. Fotos von Franziska Sinn.



Produktion/Konzeption: Alex Bohn
Fotograf: Franziska Sinn
Styling: Alexandra Heckel
Assistentin: Constanze Eynck
Models: Karla, Thorsten, Andrew, Christian, Hannes

printmailFacebook Twitter0 Google+
22.08.2009
Süddeutsche Zeitung
Der epische Parfumeur
Der Mann ist nicht von dieser Welt. Wie ein vergessener Held der Stummfilmzeit steht Ausnahmeparfumeur Serge Lutens im Hotel Ritz und sticht in Sachen Eleganz seine formvollendete Umgebung noch aus: Im schwarzen Maßanzug, mit polierten Lederschuhen, schwarzer Krawatte, weißem Hemd und silbernen Manschettenknöpfen. Das lichte schwarze Haar hat er mit Brillantine zum strengen Seitenscheitel gekämmt, seine Hände sind perfekt manikürt, und man würde sich nicht wundern, wenn die feinen schwarzen Haare auf seinem Handrücken in Form gekämmt wären.

Serge Lutens ist zu leise, zu sanft und zu wohlerzogen für diese Welt. (© Foto: AFP)


Serge Lutens ist zu leise, zu sanft und zu wohlerzogen für diese Welt. Sein Händedruck ist so zart, dass man sich nicht sicher sein kann, ob es wirkliche Hände waren, die man da berührt hat. Wenn Lutens einem gegenübersitzt, mit nach vorn gezogenen Schultern, leicht gesenktem Kopf und einen aus großen, tief umrandeten Augen unverwandt ansieht, gleicht er dem melancholischen Pierrot aus dem Bild von Watteau. Welcher Zeit gehört er nur an?

Überhaupt stellt man sich, wenn man mit Serge Lutens Zeit verbringt, eine Unmenge Fragen. Wie hat dieser Mann seinen Weg vom mittellosen 14-jährigen Friseurlehrling in Lille, zum Hair/Make-up Artist der französischen Vogue gemacht? Was hat er für die Kosmetik-Konzerne der Häuser Dior und Shiseido getan? Wie ist es möglich, dass er unter seinem Namen seit 1992 Jahr für Jahr unbeirrt zwei neue Düfte lanciert, obwohl die immer so sperrig sind, das kein einziger von ihnen jemals einen Fokusgruppentest überstehen würde? Und wie kommt es, dass gerade diese Düfte als Inbegriff von Luxus gelten?
In seinen Antworten ist Serge Lutens selten verbindlich oder konkret. Lieber schweift er ab, und erzählt mit leiser Stimme von Duftentwicklungen, oder schaut einen für Momente so unentwegt an, dass man sich zu fragen beginnt, ob man irgendwas im Gesicht hat oder etwas Falsches gesagt. Kurzum: Er ist charmant, irritierend und ein wenig irre.

Der 1942 in Lille geborene Lutens, so erzählt er selbst, interessierte sich nie sonderlich für die Schule. Mit 14 Jahren suchte er einen Berufsberater auf, der ihm zwei Eignungen bescheinigte: zum Landschaftsarchitekten und zum Friseur. Da Ersteres ein Studium erfordert hätte, begann Lutens seine Ausbildung zum Friseur. Trotz seiner Unerfahrenheit schnitt er Kundinnen von Anfang an extravagante Kurzhaarfrisuren mit ausrasiertem Nacken. Nicht gerade eine Frisur, die dem damaligen Zeitgeist entsprach. Doch die Kundinnen liebten Lutens' Unerschrockenheit, und er dokumentierte seine Schnitte mit einer Kodak-Einweg-Kamera.

Wenige Jahre später stellte er sich mit seinen Bildern bei der französischen Vogue vor. Sofort begann er als Hair/Make-up Artist. Sich den blässlichen, schüchternen Lutens in einer hysterischen Moderedaktion vorzustellen, fällt schwer. Doch im zarten Alter von 20 Jahren arbeitete Lutens nun mit Fotografen wie Richard Avedon, Irving Penn und Guy Bourdin. Kurz darauf warb ihn das Haus Dior ab und ernannte ihn zum Creator of Colors. Als Herr der Farben entwickelte Lutens fortan die Kosmetik des Modehauses. Am Küchentisch skizzierte er Farbpaletten für Lidschatten und Puder, Konsistenzen und Farben mischte er, indem er die Zutaten in der eigenen Kaffeemaschine kleinmahlte. Ein eigenes Labor erhielt Lutens, als er 1980 das Angebot des japanischen Kosmetik-Konzerns Shiseido akzeptierte. Fortan verantwortete er nicht nur die Farben, sondern die gesamte visuelle Identität des Hauses. Für Shiseido entwickelte Serge Lutens Anfang der neunziger Jahre auch seine ersten Düfte.

Ihn interessiert das Animalische, das Unzivilisierte

Damals waren Unisex-Düfte wie CK-one von Calvin Klein populär. Lutens arbeitete in entgegengesetzter Richtung. Sein zweites Parfum "Féminité du Bois" basierte auf dem Duft eines kleinen Stücks Zedernholz, das Lutens über Jahre in einer Schachtel verwahrt hatte. Der Duft war schwer, komplex und sperrig. Gleichzeitig bot er Tiefe und die Eleganz, die zeitgenössischen Parfums fehlte. Serge Lutens hatte seine neue Berufung gefunden. Er war Parfumeur. Oder, wie er sagt: "Nicht ich finde die Dinge, sondern die Dinge finden mich."

Mit seinen Parfum-Entwicklungen zeigt Serge Lutens, dass er nur seinem eigenen kreativen Kosmos verpflichtet ist, der Geschmack der Zeit interessiert ihn nicht. Seine Düfte riechen wie sie heißen: Rose de Nuit, Encens et Lavande oder Fleurs d'Oranger. Die "Rose der Nacht" duftet so intensiv nach Rosen wie kein anderes Parfüm. Gefälligkeit kümmert Lutens nicht. Einen Duft wie ,,Muscs Koublai Khan" entwickelt er, weil er von Kublai Khan, dem mongolischen Herrscher aus der Zeit Marco Polos, eben fasziniert ist. Ihn interessiert dabei das Animalische, das Unzivilisierte, und er wählt Moschus als vordringlichste Note dieses Parfüms. Dass andere den Duft penetrant finden, kümmert ihn nicht, er will eben eine schlüssige Geschichte erzählen.

Jedem seiner Düfte, die in schlichten Glasflakons verkauft werden, legt Lutens eine Art Beipackzettel mit einer Beschreibung bei. Über die "Rose de Nuit" schreibt er etwa: "Ein in jeder Hinsicht extremes Parfüm. Seine Strahlkraft ist maximal, einem fliegenden Teppich gleich. Wenn mein Parfüm eine Farbe wäre, wäre es Gelbgold. Wäre mein Parfüm Musik, so wäre es Strawinskys ,Feuervogel'."

Lutens testet keinen seiner Düfte in Fokusgruppen, bevor er sie auf den Markt bringt. Er verwendet nur die besten Zutaten und verlässt sich unbeirrt darauf, dass es Menschen gibt, die seine Arbeit verstehen und schätzen. Und er hat recht, denn auch ohne Werbung und mit nur einem einzigen Laden in Paris und der Möglichkeit, die Düfte übers Internet zu bestellen, sind seine Arbeiten gefragt. Limitierte Editionen seiner Düfte sind vorbestellt und verkauft, bevor er sie überhaupt präsentiert hat.
Serge Lutens verwahrt sich gegen die Vorstellung, die Parfums seien seine Idee: "Sie kommen zu mir und entstehen durch mich. Ich lasse sie geschehen. Das ist alles." Sieht sich Serge Lutens als Medium, durch das die Düfte in die Welt finden? Diese Vorstellung ist romantisch und naiv. Denn die Person Serge Lutens verschwindet nicht hinter den Düften. Im Gegenteil. Seine Düfte sind vielmehr Autoren-Parfums, die nicht von ungefähr unter seinem Namen firmieren.
Auch wenn er Fragen nach seiner Rolle bei der Entstehung der Parfums nicht klar beantwortet, die Selbstdarstellung spricht Bände. In den "Revelations from A-Z" geht es um nichts anderes als die Person Serge Lutens. Hier spricht der Schöpfer. Unter A wie Astrologie schreibt er: ,,Ich bin Sternzeichen Fisch mit Aszendent Löwe. Ich bin also jemand, der schwer zu fassen ist." Unter G wie Garten steht: "Ich bin besessen von der Idee, meinen Garten zu pflegen. Mein Ziel ist es, einen Dschungel zu schaffen. Nicht ein einziges Stück Erde soll noch zu sehen sein. Immer wenn es mir gutgeht, schlendere ich durch meinen Garten. Wenn es mir nicht gutgeht, bleibe ich drinnen und lese in meinem Lexikon, Eintrag für Eintrag. Auf etwas anderes kann ich mich nicht konzentrieren."
Und unter N wie Nacht hat er notiert: "Ich bin eher Nacht- als Tagperson. Meine Träume erinnere ich nur selten. Ich schlafe, wenn ich schlafen kann, nicht wenn ich will." Das klingt erst unterhaltsam, dann etwas eitel und am Ende fast verzweifelt. Düfte sind das Bindeglied zwischen seiner Welt und der unseren, aus der er sich längst zurückgezogen hat.

Lutens lebt in Marrakesch, seit mehr als dreißig Jahren. Haus und Garten dienen ihm als Refugium vor der modernen Welt. Nach Paris kommt er nur, wenn es das Geschäft erfordert. Und selbst dann vermeidet er die Tuchfühlung mit zu viel Zeitgeschehen so gut als möglich. Dass er im Ritz wohnt, ist kein Zufall: "Früher hatte ich meine Büroräume gegenüber. Im Ritz war ich manchmal, um etwas zu trinken. Jetzt sind die Büroräume längst abgerissen, aber das Ritz steht noch. Ich wohne hier, weil ich die Gegend kenne und schätze."
Auch die zweite Pariser Station, sein Laden, der Salon du Palais Royal im Palais Royal, gleicht einem in sich geschlossenen Universum. Wer den Salon betritt, fühlt sich wie in einer lebensgroßen Schmuckschatulle. Trotz des alten Fliesenbodens schlucken die Räume jeden Laut. Es ist angenehm kühl. Die Wände sind fliederfarben und blassorange gestrichen und detailreich mit Fabelwesen und Ornamenten bemalt. Hier kann man Serge Lutens' Düfte kaufen. In die zweite Etage gelangt man nur auf Einladung, über eine mit Bronze- und Kupferelementen verzierte Treppe. In dem Raum, der für eine japanische Teezeremonie ausgestattet ist, trifft Lutens Geschäftspartner.
Wenn man Lutens nach Künstlern fragt, die seine Arbeit beeinflussen, erzählt er von Cocteau und Baudelaire. Zeitgenössischer als Thomas Mann wird es nicht. Tatsächlich ein großer Fan des frühen Stummfilms, plaudert er von den Leinwandhelden, als würde er sie wöchentlich zum Tee empfangen. Lutens ist der einzige würdige Nachfahre des artifiziellen Helden Des Esseintes aus Huysmans' großem Roman: Er lebt und arbeitet "à rebours", gegen den Strich.

http://www.sueddeutsche.de/leben/portraet-der-epische-parfumeur-1.771296
printmailFacebook Twitter0 Google+
17.08.2009
Süddeutsche Zeitung
Von der Kette lassen
Kürzlich, auf der Via Condotti in Rom, ist die Globalisierung wieder einmal eine blöde Idee. Denn die Via Condotti in Rom sieht aus wie die Passeig de Gràcia in Barcelona. Hier wie dort steht die gleiche Zara-Filiale mit ihren glanzpolierten Steinböden, den weiß geputzten Wänden und Kleiderstangen, an denen die Imitate der gängigen Highstreet-Marken hängen. Aber nicht nur das. Die ganze Szenerie wirkt identisch. In Sichtweite liegt, egal ob in Italien oder Spanien, der Burberry-Flagship-Store. Noch eine Firmierung in silbernen Lettern, noch mal Glasfassade, das Personal hier vielleicht ein wenig diskreter, die Trenchcoats selbstredend schöner als nebenan, aber alles in allem: same same.

Mailand? Paris? London? Gedränge auf den globalisierten Einkaufsstraßen dieser Welt. (© Foto: dpa)


Draußen, auf der Straße, fühlt man sich wie auf der Kölner Ehrenstraße. Denn die Jungs sehen hier genauso aus wie dort. Die gleichen Puma-Turnschuhe, rosafarbene Polo-Shirts mit hochgestellten Kragen, blonde Strähnchen im Haar. Die Orientierung funktioniert nur per Ausschlussverfahren: Es gibt keinen Starbucks, nur anständigen Espresso.

New Yorker Chic am Hamburger Gänsemarkt

Also muss es Rom sein. Der Dunkin Donuts auf der Via di San Vincenzo, der 1999 eröffnete, hielt sich nicht lange. Starbucks hat es erst gar nicht versucht, zum Glück. Nur weil die Globalisierung kein neues Phänomen ist, nervt sie deswegen nicht weniger. Noch vor wenigen Jahren konnte man aus einer westlichen oder westlich orientierten Metropole Dinge mitbringen, die es hierzulande noch nicht gab. Nicht jede Zwölfjährige wusste, dass Marc-Jacobs-Taschen begehrenswert sind und die Sachen von Urban Outfitters so viel besser als jene von H&M. Sie konnte es nicht wissen, schließlich gab es Urban Outfitters damals nur in New York. Nicht in Hamburg, am Gänsemarkt. Von diesem Herbst an aber schon.
Es gibt genug Menschen, die es nicht weiter stört, wenn sich die Einkaufsboulevards von Rom, Barcelona, New York immer mehr ähneln (ebenso wie Mailand, Paris, London, St. Moritz, Stockholm, und so fort). Sie freuen sich sogar, Nescafé gereicht zu bekommen, statt des lokal gerösteten Kaffees, von dem man Magengrimmen bekommt. Es macht ihnen auch nichts aus, dass die Mode genauso aussieht wie zu Hause. Eine solche Welt, in der sich zunehmend alles gleicht, finden diese Menschen nicht langweilig, sondern beruhigend.
Für Tayfun Mumcu, den Mann mit der leisen Stimme und den flinken Augen, ist so eine Welt nichts. Mumcu, der mit seiner randlosen Brille, den Jeans und dem dunkelblau gestreiften Hemd aussieht, wie Innenarchitekten eben aussehen, lebt und arbeitet in Istanbul. Seinen Laden, Midnight Express, den er mit seiner Frau, der Designerin des Labels, Banu Bora, führt, muss man erst einmal finden. Er liegt zwar in einer bekannten Einkaufsstraße im Bezirk Galatasaray, vis- à-vis einer Filiale der australischen Kaffeehauskette Gloria Jeans, aber versteckt, in einem Apartment im zweiten Stock. Dort reicht Mumcu türkischen Tee und Sesamkringel und lässt den Besucher auf einem riesigen alten Sofa Platz nehmen, zwischen riesigen Kissen.
Mumcu erklärt, was man auf den ersten Blick nicht sieht: "Die Kissen sind aus alten Teppichen gemacht. Sie werden in einer Webtechnik gefertigt, die heute niemand mehr praktiziert, weil sie zu zeitaufwendig ist. Ich kaufe sie auf dem Land in Anatolien, reinige, zerschneide sie. Dann nähe ich sie neu zusammen." Alles, was Tayfun Mumcu und seine Frau in ihrem Showroom ausstellen, verweist auf die Kultur, in der sie leben: "Kommerzielle Verwertbarkeit interessiert uns nicht. Alles, was wir anbieten, ist Ausdruck des heutigen, weltoffenen Istanbul."
Weiter: Wie eine Bäckerin in der Schweiz der Globalisierung standhält.

Von der Kette lassen

Bei Midnight Express findet man Mode von lokalen und international bekannten Designern wie Bora Aksu, der auf der London Fashion Week zeigt. Für Möbel und Accessoires arbeitet Mumcu mit alteingesessenen Nähereien und Goldschmieden zusammen, die auf dem traditionellen Grand Bazaar vertreten sind. Jedes einzelne Produkt, das man bei Midnight Express findet, verknüpft Tradition und aktuellen Lebensstil.
Das ist spannender als eine andere Attraktion, die Besuchern in Istanbul gern vorgeführt wird: die Akaretler Häuser. Früher wohnten hier, in direkter Nähe des Hafens von Besiktas, Palast-Arbeiter. Jetzt residieren in den renovierten Häusern im neoklassizistischen Stil westliche Luxusmarken. Marc Jacobs, Lanvin, Chloé, Marni und Jimmy Choo, am Ende der Straße thront eine Filiale des amerikanischen Luxushotels W. Zu entdecken gibt es hier, zumindest aus westlicher Sicht, nichts Neues. Hier, auf der Prachtstraße Sair Nedim, ist Istanbul genauso überflüssig wie St. Moritz auf der Via Serlas.
Durietta Buzzetti würde nie eine Tasche in der Via Serlas kaufen. Buzetti lebt fünfzehn Autominuten entfernt, in Maloja, einem Ort mit dreihundert Einwohnern. Hier gibt es zwei Läden, den Kiosk Pöstli und die Latteria, die Durietta Buzetti führt. Fast jeden Tag steht die Frau mit der hellen Haut und den hellbraunen, langen Haaren hinter der alten Glastheke. Oft unterhält sie sich mit ihren Kunden, über alltägliche Dinge, das Wetter, die Familie. Und immer wirkt sie vergnügt. Sie verkauft ausschließlich lokale Produkte: Lebensmittel aus dem Bergell-Tal und dem benachbarten, italienischen Valle di Poschiavo. Frischen Joghurt und Milch, Birnenbrot, Honig, Bündner Fleisch, Liköre. Auch Keramik und Kosmetikprodukte von Soglio.
"Für mich ist es eine ganz normale Entscheidung, nur lokale Produkte anzubieten. Hier leben bloß dreihundert Leute, auch das Poschiavo-Tal ist winzig, das muss man unterstützen." Die Latteria ist ein unspektakulärer Laden, kaum zwanzig Quadratmeter groß. Aber bis auf den Nescafé gibt es hier nur Dinge, denen man ihre Herkunft anmerkt - und die beste Kastanientorte der Welt. Durietta Buzzetti bezieht sie von einer Bäckermeisterin aus Castasegna.
Die Pasticceria Salis ist ein Familienbetrieb, mit der Torte hat die Tochter des Hauses im vorigen Jahr die Silbermedaille im Bäckermeisterwettbewerb der Schweiz gewonnen. Auch wenn die Torte ein Gewinner ist, die Latteria ist es nicht: "So richtig rentiert sich der Laden nicht. Deswegen sperre ich ihn im Frühjahr für acht Wochen zu. Es gibt Leute im Ort, die denken, dass ich das mache, weil ich so viel damit verdiene, aber das stimmt nicht. Als ich den Laden vor drei Jahren vom Bauernverein übernahm, wollten sie ihn eigentlich schließen. Aber ich finde es wichtig, die lokale Kultur zu fördern."

Globaler Schrott

Wenn man genau genug hinsieht, findet man immer wieder Menschen, die sich für den Erhalt lokaler Kultur und Produktion interessieren. Sie handeln nicht mit schnöden Souvenirs wie Miniaturen des Eiffelturms oder IHeartNewYork-T-Shirts. Sie sorgen dafür, dass die lokale Kultur sichtbar bleibt - die durch die Omnipräsenz der globalen Marken aus dem Blickfeld zu rutschen droht.
Auch auf der Torstraße, im Berliner Bezirk Mitte, ist die Welt noch ausreichend vielfältig. Zwar ist der Hackesche Markt mit Filialenvon Puma, Tommy Hilfiger und Diesel nur knapp außer Sichtweite, aber hier existieren dunstige Eckkneipen, kleine Galerien, Änderungsschneidereien und ein alteingesessenes Geschäft für Pantoffeln friedlich nebeneinander. So auch Stue, der Laden von Heike Marie Rädeker und Ilke Penzlien. Das Lokalkolorit, das die beiden pflegen, ist dänisch. Sie bieten eine Auswahl dänischer Möbel und Gebrauchsgegenstände des 20. Jahrhunderts an. Die sind in dem kleinen Laden so ausgestellt, dass er aussieht wie eine gemütliche, stilvolle Wohnung, in der man gern leben würde. Genau deswegen schätzen Rädeker und Penzlien ihre Produkte:
"Uns gefällt die dänische Alltagskultur. Selbst die einfachsten Dinge sind gut entworfen und hochwertig produziert. Aber das Design ist unaufgeregt und zeitlos." Ihre Möbel kaufen sie in Dänemark bei kleinen Händlern ein, arbeiten sie geringfügig auf und verkaufen sie dann weiter. Ihren Laden nutzen sie auch als Ausstellungsfläche. Hier präsentieren sie die Arbeit der Berliner Modedesignerin Jaqueline Huste mit ihrem Label Wolfen, Porzellan der in Berlin lebenden Japanerin Megumi Fukuoka, die Arbeit des Architekten Tarek Massalme: "Das ergibt sich ganz natürlich. Egal, ob es Leute sind, mit denen wir zusammenarbeiten, oder die wir vorstellen, früher oder später kommen sie ganz von selbst hier in den Laden."

Lokalkolorit - nur etwas für Langweiler?

So könnte es sich auch ergeben haben, dass die New Yorker Humberto Leon und Carol Lim auf das Modelabel Wolfen aufmerksam wurden, das sie in ihrem Laden Opening Ceremony repräsentieren. Wenn man in New York mal wieder schlechte Laune entwickelt, weil der Broadway zwischen Bleecker und Canal Street jede Downtown-Coolness eingebüßt hat und nicht viel mehr bietet als die üblichen Ketten - Footlocker, Armani Exchange, Zara, Club Monaco, Starbucks und Pottery and Barn - muss man nur zweimal richtig abbiegen, um auf 35 Howard Street hinter der Fassade eines typischen New Yorker Ladengeschäfts Opening Ceremony zu entdecken.
Das Landestypische ist hier Konzept. Je ein Jahr lang repräsentiert Opening Ceremony ein ausgewähltes Land. Stellt die interessantesten Modedesigner vor, verkauft deren Kollektionen, zeigt landestypische Accessoires und Print-Magazine. Aber Leon und Lim beschränken sich nicht auf die Präsentation der von ihnen ausgewählten Landesvertreter. Sie schulen ihre Belegschaft so, dass sie interessierten Kunden alles über das Gastland und das jeweilige Label erzählen kann. Wo wird produziert, wer steht hinter dem Label, was hat es für eine Geschichte, was zeichnet das Label aus? "Wir sind Modenerds", sagt Humberto Leon. "Unser Wissen wollen wir teilen. Außerdem lieben wir es, zu reisen und immer neue Dinge zu entdecken, die es hier nicht gibt."
Wer Lokalkolorit schätzt, muss nicht Mitglied im Heimatverein sein. Es ist beruhigend zu wissen, dass es noch Leute gibt, die diese Erkenntnis teilen. Selbst wenn sich Städte weltweit immer mehr gleichen, gibt es noch genügend Orte, an denen kulturelle Eigenheiten zelebriert wird. Für bessere Geschichten taugt das Neue, Andere und Spezielle sowieso. Was für eine Story ist es bitte, wenn man erzählt, dass der Caramel Frappuccino in Los Angeles genauso schmeckt wie in Mailand und Berlin?
Und wer in einem Hundert-Einwohner-Dorf wohnt und sich wünscht, der Weltanschluss möge in Gestalt einer Zara-Filiale neben der Schützenhalle geschehen, der sollte seinen Wunsch vielleicht noch einmal überdenken.

http://www.sueddeutsche.de/leben/globalisierung-von-der-kette-lassen-1.596075
printmailFacebook Twitter0 Google+
16.03.2009
Liebling Zeitung
Frauenschau – Julian Louie
Das Außerordentliche ist: Nichts an der ersten Kollektion dieses jungen Kaliforniers ist rückwärtsgewandt. Stattdessen entwirft Julian Louie eine Mode, die so klar, neu und geradlinig ist, dass sie ihresgleichen sucht. Einzige Bedingung: Wer sie tragen will, braucht gute Beine.

Niemand geht freiwillig in einem Neopren-Anzug auf die Straße. Nicht einmal eingefleischte Surfer. Denn Neopren-Anzüge sind zweckdienlich, nicht hübsch. Trotzdem nutzte sie der aufstrebende amerikanische Designer Julian Louie als Vorlage für seine erste Kollektion. Louie ist gebürtiger Kalifornier, vielleicht kann er sogar surfen, wichtiger aber ist, dass er mit hübscher Mode nichts anfängt. Auch nicht mit der Art Phantasie, die viele Designer zu ihren Kollektionen beflügelt. In seinen eigenen Worten: „Das ist mein Mädchen. Sie ist mit ihrem Liebhaber unterwegs. Sie ist in einem Auto, in St. Tropez – so ein Szenario habe ich nicht im Kopf. Ich will, dass meine Mode Bilder provoziert, aber weniger plumpe.“ Louies erste Kollektion besteht aus vierzehn Minikleidern und einem Hosenanzug. Alles ist aus Seiden-Faille und Neopren geschneidert, einige Kleider sind üppig mit Svarowski-Kristallen verziert. Seine Farbpalette reichte von kreidigen Pastelltönen bis hin zu leuchtendem Blau, Pink und Sonnengelb. Alle fünfzehn Looks sind streng achsensymmetrisch gestaltet. Die Mädchen sehen aus, als würden sie sich in zwei Hälften teilen, wenn man den Reißverschluss aufzieht, der auf den meisten Kleidern mittig von der Brust bis zur Scham läuft. Auch die Farben sind klar-geometrisch gesetzt. Louie arbeitet mit einer Art color blocking wie man es aus der aktuellen Jil Sander Show von Raf Simons kennt. Neben der farblichen Geometrie, existiert die Geometrie der Schnittführung. Rüschen sitzen kontrolliert auf Hüften, Passen verlaufen entlang der Schulterlinie und Abnäher und farbige Einsätze verleihen den Kleidern schnittige Kontur. Trotz all der disparaten Elemente, die Julian Louie zusammenführt, ist das Bild, das er kreiert erstaunlich klar. Und ungewöhnlich. Er zeigt ein Frauenbild, das in der Mode selten ist. Seine Frauen sind weder sexualisiert noch infantilisiert – auch wenn einige seiner Kleider mädchenhaft aussehen. Stattdessen entwirft er ein Frauenbild, das athletisch, energiegeladen und stolz ist. In seiner gestalterischen Eigenständigkeit, für die man schwer Vergleiche findet, ist allein das eine kleine Sensation. Viel interessanter aber ist, dass dieser Julian Louie wieder einer der zahlreichen aufstrebenden amerikanischen Niemande ist, die keine klassisch modische Vorbildung aufweisen. Wie die New Yorker Herrendesigner Adam Kimmel und Patrik Ervell studierte Louie Architektur an der Cooper Union Universität. Erst dann entschloss er sich zu einem Modestudium. Sein Weg zur ersten eigenen Kollektion ist genauso kurz wie der der kalifornischen Schwestern Laura und Kate Mulleavy, die ihr Label Rodarte mit nicht viel mehr als einem Koffer voller Kleider gründeten. Louie absolvierte immerhin zwei Praktika, eines bei dem amerikanischen Label Imitation of Christ, eines unter der Führung von Francisco Costa bei Calvin Klein. Dann folgte sein Debüt. Die Unverzagtheit mit der sich junge Designer ausgerechnet auf einem Modemarkt wie dem der Vereinigten Staaten – auf Kommerzialität und Tragbarkeit ausgerichtet – präsentieren und positionieren, macht Lust auf Mode. Und zeigt, dass auch, vielleicht sogar besonders, in einer wirtschaftlich angespannten Zeit wie der momentanen, Raum und Zeit für Kreativität bleibt. Und Louie geht es nicht um schnöde Effekthascherei, sein kultureller Hintergrund fließt in die Arbeit ein: „Ich kombiniere Funktionsstoffe, die zu der uramerikanischen Idee von Athletik passen mit einer gezierten und typisch mädchenhaften Ästhetik. Das Ergebnis ist disharmonisch und neu. Das interessiert mich.“ Disharmonisch ist in dem Zusammenhang ein irreführender Begriff. Julian Louie ist nicht sonderlich gefällig. Dafür aber unerwartet und eigenständig. Der letzte Designer, der Minikleider vorführte, die an wet suits erinnerten, war 2007 der Schotte Christopher Kane. Seine mit Spitze besetzten Stretchkleider in schreienden Farben verschafften ihm mediale Aufmerksamkeit, seine kreative Vision äußert sich seither in der Verarbeitung verschiedener subkultureller Stile. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber ein Blick auf die aktuelle und bereits präsentierte Kollektion der kommenden Saison, verheißt: Herr Julian Louie kann viel mehr als nur das.
printmailFacebook Twitter0 Google+
10.03.2009
GQ Style
Fashion Portfolio

BAND OF OUTSIDERS


AB: Scott Sternberg, Sie kommen aus Dayton, Ohio. Mode spielt dort keine große Rolle.
SS: Ich stamme aus der typischen, austauschbaren amerikanischen Vorstadt. Es war schwierig, aber in vielerlei Hinsicht besser als ein geisteskranker Ort wie Los Angeles. Im Haus meiner Eltern standen dänische Möbel, es gab Tapeten mit Marimekko-Muster, ich hatte Lego-Spielzeug und in dem örtlichen Kaufhaus wurde Mode von Ralph Lauren verkauft. Für mich war das Inspiration genug.

AB: Was genau schätzen Sie so an Ralph Lauren?
SS: Er prägt meine Mode maßgeblich. Schon in den Anfängen, als ich noch Second-Hand Kleider zerschnitt und neu verarbeitete. Die Marke Ralph Lauren ist Inbegriff amerikanischer preppiness – der Idee eines gut situierten, sport-orientierten, hochnäsigen Lebensstils – der besonders an der Ostküste gepflegt wird. Band of Outsiders interpretiert dieses Ideal. Allerdings weniger elitär, sondern mehr auf die Realität unserer Generation zugeschnitten.

AB: Wie sieht das in der aktuellen Kollektion aus?
SS: Sehr nach Glenn O´Brien, der in den späten Siebziegern die Sendung TV Party moderierte. Akurat zugeknöpft und angenehm unordentlich zugleich. Anzug und Fliege zu Segelschuhen, die nur von einer Sicherheitsnadel zusammengehalten werden. Gesetztes grau und marineblau zu einer pinken Krawatte oder einem sonnengelben Hemd.

DUCKIE BROWN


Über den Sex Appeal von Fahrradkurieren muss man nicht streiten. Allerdings ist ihr Aufzug – aus hautengen Lycra-Leggins, Army-Shorts, Anorak-Jacken in Leuchtfarben, Funktionshandschuhen und den typischen Kuriertaschen – zum Nachahmen nur bedingt geeignet. Das ändert das New Yorker Designer-Duo Steven Cox und Daniel Silver, das seit 2003 besser bekannt ist als Duckie Brown, mit ihrer neuen Kollektion. Ihre Interpretation der Kurier-Montur reduzieren sie farblich auf schwarz, grau und die Schmuckfarben electric blue und pastellgelb. Shorts von Duckie Brown sind nicht ausgebeult, sondern geschnitten wie eine klassische Anzughose und aus feinstem Tuch genäht. Weil Cox und Silver ihr Handwerk in großen corporate Häusern wie Ralph Lauren und Tommy Hilfiger gelernt haben, überprüfen sie ihre Idee des mix and match, die sich als roter Faden durch ihre Arbeit zieht, auf Tragbarkeit. Aktuell experimentieren sie mit unterschiedlichen Längen und Weiten, zeigen Shorts zu Leggins, überknielange Pullover zu ebenso überweiten Anzughosen, figurformende Tops zu Lycra-Bodysuits. Klingt schwer vermittelbar, ist aber, mit ihrem wachen Blick für Details und ihrer exzellenten Stoffauswahl, selbst für den eher konventionellen amerikanischen Markt verträglich. Außerdem findet Daniel Silver: „Platz für einen guten Witz muss immer sein, wir können uns nicht zu ernst nehmen.“

RICHARD CHAI


Seit ich denken kann, entwerfe ich Mode für Frauen. Vor ein paar Jahren begleitete ich den Launch von Marc by Marc Jacobs, dann arbeitete ich als Creative Director bei TSE und vor vier Jahren gründete ich mein eigenes Label. Deswegen ist Männermode für mich eine perfekte Herausforderung und ich freue mich über meine zweite Kollektion. Die erste zeigte ich im Herbst in Paris, an einem winzigen Ort im Marais, dem Anahi, das Restaurante und Galerie zugleich ist. Ein perfektes Setting – entspannt, unaufgeregt, stiller als eine normale Show. Genau so ist auch die aktuelle Kollektion: Ich wollte eine Sammlung von Stücken, die Männer wirklich tragen. Mein Favorit sind die langen Hosen. Ihr Schnitt ist klassisch, die Stoffe vorgewaschen und bequem und ich selber trage sie an den Beinen gern hoch gerollt. Ich werde oft gefragt, ob sich meine asiatische Herkunft stilistisch in meiner Mode zeigt. Ich sehe sie eher in der Tradition amerikanischer leisure wear und europäischer Männermode, die sich an konventionellen Kleiderordnungen orientiert. Außerdem wirkt meine Kollektion auf den ersten Blick sehr jungshaft, aber je nachdem wie man die Einzelteile kombiniert, sehen sie erwachsen aus. Mir ist das wichtig, denn ich habe kein bestimmtes Alter im Kopf, wenn ich entwerfe. Und anscheinend funktioniert das, denn bei mir kaufen Zwanzigjährige genau wie Sechzigjährige.

Patrik Ervell


AB: Sie sind in Schweden aufgewachsen. Prägt das Ihre Mode?
PE: Ich denke nicht. Allerdings kümmere ich mich mit der Ästhetik meiner Mode nicht um Rang und Status. Das ist möglicherweise eine sehr schwedische Sichtweise. Mode, die in erster Linie suggeriert, dass wer sie trägt ein luxuriöses Leben führt, interessiert mich überhaupt nicht.

AB: Gibt es etwas in Ihrer Mode, das typisch New York ist?
PE: Mein Fokus liegt auf sports wear – das ist sehr amerikanisch.
Wie kommt eine Politikstudent der Universität Berkley auf die Idee, Mode zu machen?
Das hat sich ganz natürlich gefügt. Bewusst war es mir nicht, aber schon als Teenager hatte ich mit der Idee kokettiert. Als ich nach New York zog habe ich erst wenige Teile im Laden eines Freunds angeboten und irgendwann stand ich vor einer fertigen Kollektion.

AB: Sie konzentrieren sich sehr auf Funktions-, auf militärische Kleidung und die Details ihrer Verarbeitung. Warum?
PE: Männermode ist für mich dann am stärksten, wenn sie sich an archetypischen Kleidungstücken orientiert. Dinge, die nur um ihrer Funktion willen entworfen werden. Wenn man so simpel beginnt, erhält man am Ende ein klareres und schöneres Resultat.

AB: Wo produzieren Sie?
PE: Das meiste entsteht in New York. Die Stadt re-industrialisiert sich. Viele der anspruchsvollen Handarbeiten kann man mittlerweile wieder hier anfertigen lassen. Ich bin gern Teil des Entstehungs-Prozesses, die lokale Produktion ist für mich ideal.
Welches Ritual hilft Ihnen durch dunkle Tage?
PE: Kaffee am Morgen. Dann noch mehr Kaffee. Kaffee hilft immer.

VICTOR GLEMAUD


Ich fange meine Kollektion immer mit etwas an, das in meinem Schrank fehlt. Wer mich kennt, weiß, dass das alles mögliche ist, aber ganz sicher keine farbigen Kaschmir-Oberteile. Schon allein wegen der Sammlung wunderbarer Pullover, die ich von meinem Vater – meinem Stilvorbild – geerbt habe. Muster hingegen fehlten völlig. Also habe ich auf Farben und Muster gesetzt. Man könnte meinen, dass ich in ökonomisch schwierigen Zeiten auf Sicherheit spiele und eine Kollektion monochromer Oberteile in neutralen Farben präsentiere. Manche Einkäufer würden mich dafür lieben. Aber das bin ich nicht. Für meine Arbeit als Modedesigner habe ich mich ganz bewusst entschieden – und meinen Job für die PR-Agentur KCD in deren New York und Paris Office ich lange Jahre gearbeitet habe, aufgegeben. Mein Label ist winzig, ich arbeite in drei Jobs – unter anderem als Pressechef für Tommy Hilfiger – um mir mein Label überhaupt leisten zu können. Wenn ich Garne oder Stoffe kaufe, wähle ich Restbestände, weil die billiger sind. Aber ich mache nur was mir gefällt, ich entwerfe nur, was sich richtig anfühlt. So wie Männermode sich entwickelt hat, dürfen sich Männer heute so hübsch machen, wie es früher Frauen vorbehalten war. Nur deswegen gibt es Labels wie meines und genau das gefällt mir: Mode für Männer zu machen, die Freude haben sich gut, charmant und luxuriös anzuziehen.

TIM HAMILTON


Tim Hamilton spricht mit der Art Leidenschaft, die einen frösteln lässt: „Ich war an einem Punkt, an dem mir alles egal war. Mein Job bei J.Crew war unbefriedigend. Ich hatte mich von meinem Freund, mit dem ich sieben Jahre lang zusammen war, getrennt. Und wohnte weiter in seinem Apartment an das ich mit einem Knebelvertrag gefesselt war. Das Risiko ein eigenes Label zu gründen, war mir in dem Moment egal.“ Genau diese Einstellung hilft dem New Yorker bis heute. Anfangs schreckten ihn geplatzte Schecks nicht, und auch jetzt, da er eine begehrte CFDA-Auszeichnung erhalten hat, stört es ihn wenig, dass er sein Label weiter aus besagtem Chelsea Apartment führt und alle Beteiligten – vom Praktikanten bis zum Stylisten – in Naturalien, also Kleidern, bezahlt. Hamilton, der gebürtig aus Iowa stammt, ist eine ein-Mann–Armee. Seine Eltern sind früh verstorben, nur seine Schwester erledigt von Iowa aus den Versand seiner Kollektion. Er selbst konzentriert sich auf nichts als seine Mode und das bekommt ihr gut: Grafisch streng in schwarz und weiß, mit wenigen Tupfern blau, kleidet Hamilton seine Männer in feminin anmutenden Strickshorts, die an die Turner-Bewegung Anfang letzten Jahrhunderts erinnern, in zarte Hemden mit farbigen Einsatz und wunderbar robuste Schuhe, die in Kooperation mit dem Schuhmacher des exzentrischen Wiener Modemachers Carol Christian Poell entstanden sind.

PHILLIP LIM


Dieser Mann ist der beste Beweis dafür, dass sich der Grundgedanke amerikanischer Mode – Tragbarkeit – nicht mit Kreativität und schon gar nicht wirtschaftlicher Expertise ausschließen. Gemeinsam mit Geschäftspartnerin When Zhou vereint der 35-jährige Lim all diese Qualitäten in seinem Unternehmen, 3.1. Phillip Lim. Seit knapp vier Jahren produziert er Mode, die so heiß und nachgefragt ist wie die eines Marc Jacobs. Er verkauft sie in über zwanzig Läden weltweit und besitzt drei eigene – in New York, Los Angeles und Tokyo. Und es gelingt ihm Saison um Saison einen Chic zu entwerfen, der unangestrengt, lässig und qualitativ beeindruckend ist, für den erschwinglichen Preis zu dem er zu haben ist. Ein Mann in 3.1. Phillip Lim sieht in dieser Saison aus, als wäre er nach Nordafrika gereist, um dort über die Teezeremonie der Berber zu lernen. Seine Hosen fallen weit und lassen die Knöchel frei. Figurformende Anzüge und Maßhemden erinnern an die textile Tradition westlicher Kolonialmächte, während satinierte Stoffe, Halsketten und transparente Socken mit Bowie-eskem Glamour kokettieren. Lim persönlich mag es amerikanisch und deutsch: Am liebsten trinkt er Cola Light und träumt davon, einen Porsche zu besitzen.

JULIAN LOUIE


Das Außerordentliche ist: Nichts an der ersten Kollektion dieses jungen Kaliforniers ist rückwärtsgewandt. Stattdessen entwirft Julian Louie eine Mode, die so klar, neu und geradlinig ist, dass sie ihresgleichen sucht. Einzige Bedingung: Wer sie tragen will, braucht gute Beine.

Niemand geht freiwillig in einem Neopren-Anzug auf die Straße. Nicht einmal eingefleischte Surfer. Denn Neopren-Anzüge sind zweckdienlich, nicht hübsch. Trotzdem nutzte sie der aufstrebende amerikanische Designer Julian Louie als Vorlage für seine erste Kollektion. Louie ist gebürtiger Kalifornier, vielleicht kann er sogar surfen, wichtiger aber ist, dass er mit hübscher Mode nichts anfängt. Auch nicht mit der Art Phantasie, die viele Designer zu ihren Kollektionen beflügelt. In seinen eigenen Worten: „Das ist mein Mädchen. Sie ist mit ihrem Liebhaber unterwegs. Sie ist in einem Auto, in St. Tropez – so ein Szenario habe ich nicht im Kopf. Ich will, dass meine Mode Bilder provoziert, aber weniger plumpe.“ Louies erste Kollektion besteht aus vierzehn Minikleidern und einem Hosenanzug. Alles ist aus Seiden-Faille und Neopren geschneidert, einige Kleider sind üppig mit Svarowski-Kristallen verziert. Seine Farbpalette reichte von kreidigen Pastelltönen bis hin zu leuchtendem Blau, Pink und Sonnengelb. Alle fünfzehn Looks sind streng achsensymmetrisch gestaltet. Die Mädchen sehen aus, als würden sie sich in zwei Hälften teilen, wenn man den Reißverschluss aufzieht, der auf den meisten Kleidern mittig von der Brust bis zur Scham läuft. Auch die Farben sind klar-geometrisch gesetzt. Louie arbeitet mit einer Art color blocking wie man es aus der aktuellen Jil Sander Show von Raf Simons kennt. Neben der farblichen Geometrie, existiert die Geometrie der Schnittführung. Rüschen sitzen kontrolliert auf Hüften, Passen verlaufen entlang der Schulterlinie und Abnäher und farbige Einsätze verleihen den Kleidern schnittige Kontur. Trotz all der disparaten Elemente, die Julian Louie zusammenführt, ist das Bild, das er kreiert erstaunlich klar. Und ungewöhnlich. Er zeigt ein Frauenbild, das in der Mode selten ist. Seine Frauen sind weder sexualisiert noch infantilisiert – auch wenn einige seiner Kleider mädchenhaft aussehen. Stattdessen entwirft er ein Frauenbild, das athletisch, energiegeladen und stolz ist. In seiner gestalterischen Eigenständigkeit, für die man schwer Vergleiche findet, ist allein das eine kleine Sensation. Viel interessanter aber ist, dass dieser Julian Louie wieder einer der zahlreichen aufstrebenden amerikanischen Niemande ist, die keine klassisch modische Vorbildung aufweisen. Wie die New Yorker Herrendesigner Adam Kimmel und Patrik Ervell studierte Louie Architektur an der Cooper Union Universität. Erst dann entschloss er sich zu einem Modestudium. Sein Weg zur ersten eigenen Kollektion ist genauso kurz wie der der kalifornischen Schwestern Laura und Kate Mulleavy, die ihr Label Rodarte mit nicht viel mehr als einem Koffer voller Kleider gründeten. Louie absolvierte immerhin zwei Praktika, eines bei dem amerikanischen Label Imitation of Christ, eines unter der Führung von Francisco Costa bei Calvin Klein. Dann folgte sein Debüt. Die Unverzagtheit mit der sich junge Designer ausgerechnet auf einem Modemarkt wie dem der Vereinigten Staaten – auf Kommerzialität und Tragbarkeit ausgerichtet – präsentieren und positionieren, macht Lust auf Mode. Und zeigt, dass auch, vielleicht sogar besonders, in einer wirtschaftlich angespannten Zeit wie der momentanen, Raum und Zeit für Kreativität bleibt. Und Louie geht es nicht um schnöde Effekthascherei, sein kultureller Hintergrund fließt in die Arbeit ein: „Ich kombiniere Funktionsstoffe, die zu der uramerikanischen Idee von Athletik passen mit einer gezierten und typisch mädchenhaften Ästhetik. Das Ergebnis ist disharmonisch und neu. Das interessiert mich.“ Disharmonisch ist in dem Zusammenhang ein irreführender Begriff. Julian Louie ist nicht sonderlich gefällig. Dafür aber unerwartet und eigenständig. Der letzte Designer, der Minikleider vorführte, die an wet suits erinnerten, war 2007 der Schotte Christopher Kane. Seine mit Spitze besetzten Stretchkleider in schreienden Farben verschafften ihm mediale Aufmerksamkeit, seine kreative Vision äußert sich seither in der Verarbeitung verschiedener subkultureller Stile. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber ein Blick auf die aktuelle und bereits präsentierte Kollektion der kommenden Saison, verheißt: Herr Julian Louie kann viel mehr als nur das.
printmailFacebook Twitter0 Google+
10.03.2009
Süddeutsche Zeitung
Globale Folklore
Tradition in der Moderne - Folkloristisches ist angesagt und zwar in allen Lebenslagen, egal ob Schuhe, Schmuck oder trendiger Tee. Sängerin M.I.A. verkörpert quasi die globale Folklore.

(Foto: v&r)

Clogs

Ernsthaft hat Clogs bislang nur Frau Antje getragen. Auch die Reanimation kommt wieder aus den Niederlanden. Das Modeduo Viktor&Rolf versucht nämlich jetzt eine neue Variante der Holz-Pantoffeln. Besser als der Käse von Frau Antje und die blöden Crocs sehen sie allemal aus.

(Foto: Balenciaga)

Balenciaga

College-Blazer und Palästinensertücher modisch zusammen zu denken, erfordert Phantasie. Addiert man hochhackige Schuhe, die aussehen, als hätte man sie aus der abgelegten Uniform eines U.S.-Football-Spielers konstruiert, wird es eng. Balenciaga-Designer Nicolas Ghesquière gelingt es aber, dazu balinesische, osteuropäische, afrikanische und mongolische Muster zu addieren. Mädchen sehen hinreißend darin aus.

(Foto: Bora Aksu)

Bora Aksu

Der Großstadtnomade ist ein abgegriffenes Bild. Doch wer ständig unterwegs ist, hat nur Kleidung als Zuhause. Der türkische Designer Bora Aksu, der in London lebt und arbeitet, zeigt seit 2001 Kollektionen, die aus vielen Schichten und fließenden Stoffen bestehen und deren Markenzeichen Schals und wuchtige Ketten sind. Grelle Farben und Muster sucht man vergebens: Aksus moderner Nomade trägt Erdfarben.

(Foto: Yarborough)

Elisabeth Yarborough

Erst Geschmeide veredeln den Multikultilook. Elisabeth Yarborough aus North Carolina hat eigentlich Literatur studiert. So wie andere stricken, entwirft sie Schmuck. Verarbeitet wird, was ihr gerade in die Finger kommt: Halbedelsteine, Federn, Stoffquasten, Strickgarne, Lederknöpfe. Weil Yarborough begabt ist, sieht das Ergebnis ungleich besser aus als das, was man auf Ibiza so in die Finger bekommt.

(Foto: Herstellerfoto)

Ingwertee

Asien-Touristen möchten nach ihrer Rückkehr selbst Suppe mit Stäbchen essen. So toll hat es ihnen in der Ferne gefallen. Sie trinken nur noch grünen Tee, und in ihrer Wohnung wackelt eine Plastikkatze mit der Pfote. Eine Glückskatze, die bringt Glück. Bei Erkältungen, Magenweh, in jeder Lebenslage, schwören sie auf ein neues Wundermittel: Ingwer. Selbst wenn ihre Fernostmanie nervt: Sie haben recht. Wer nicht die frische Knolle kauen will, kauft Instant-Ingwer Tee. Vom Asia-Supermarkt.

(Foto: www.campkerala.com)

Camp Kerala

Zelturlaub klingt wahnsinnig romantisch. Ist er aber selten. Camp Kerala weiß, was es heißt, wenn anspruchsvolle Reisende von den simplen Dingen des Lebens träumen. Hier schläft man im ethisch korrekt produzierten Shikar Zelt, ausgestattet mit Kingsize-Bett und eigenem Ankleidezimmer. Camp Kerala kann man mieten. Glastonbury Festival oder Indienurlaub werden so wirklich romantisch.

(Foto: www.miauk.com)

M.I.A.

Wie Katie Holmes trägt auch Mathangi "Maya" Arulpragasam ihr Haar zum Bob frisiert. Aber Arulpragasam stammt aus Sri Lanka, ist Bürgerkriegsflüchtling, hat am Londoner St. Martin’s studiert und ist für ihr aktuelles Album "Kala" nach Indien, Trinidad, Jamaika, Australien, Japan und Baltimore gereist. Globaler geht's kaum. M.I.A. trägt am liebsten grelle Muster und sampelt Grime, Dancehall und Weltmusik, bis es wehtut.
printmailFacebook Twitter0 Google+
27.01.2009
Financial Times/ How To Spend It
Die Uhr
Etwas ist anders, bei der Präsentation der aktuellen Gucci-Herrenkollektion in Mailand. Spätestens wenn man seinen Platz vor dem Laufsteg einnimmt, merkt man: Es ist sonderbar still hier. Nicht ist zu hören von dem Geklacker hoher Absätze, das typischerweise Moderedakteurinnen ankündigt. Schwarzer Teppichboden und mit schwarzem Samt bezogene Sitze schlucken fast jedes Geräusch, die sonst aufgeregten Gespräche klingen wie sanftes Summen. Auch die Wände sind schwarz, teils verspiegelt, teils aus Rauchglas. Man fühlt sich wie im Inneren einer eleganten Hutschachtel. Die Schau beginnt und man versteht: Nichts soll von dieser Präsentation ablenken. Sie ist so tiefenscharf inszeniert, dass einem keine Feinheit entgeht. Neben den schmalen Anzügen in Pastellfarben, die schlaksige Modells vorführen, sieht man die auf Lederschuhe gemalten Hibiskusblüten auf den Pinselstrich genau, die Perlen an den bestickten Lederarmbändern kann man zählen und das Muster aus Gucci-Logos an den Armbanduhren, die in vergleichsweise kühlem Grau gehalten sind, erkennt man genau. Nichts ist hier dem Zufall überlassen. Die Chef-Designerin Frida Gianini, die die Herren- und Damenkollektion verantwortet, hat eine genaue Vorstellung des Gucci-Images. Dazu gehört auch, dass die Uhren des Hauses nicht nur im Rahmen der saisonalen Schauen präsentiert werden, sondern genauso auf der jährlichen Uhrenmesse in Basel, wenn die großen Marken der Haute Horlogerie – wie Rolex, Patek Phillipe, Jaeger LeCoultre – ihre neusten Modelle vorstellen. Im Haus Gucci sind Uhren zweierlei: ein modisches Accessoire, das auf die aktuelle Mode abgestimmt wird und Uhrmacherkunst, Präzisionshandwerk – ein Luxusgut. Mit diesem Verständnis ist Gucci nicht allein. Momentan setzt es sich in vielen großen Modehäusern durch.

Statt ihr Uhrengeschäft durch Lizenzierungen in die Hand anonymer Großhersteller zu geben, besinnen sich Marken wie Chanel, Celine, Hermès und Louis Vuitton auf Schweizer Traditionshandwerk. Albert Bensoussan, der Uhrenspezialist im Haus Louis Vuitton, erklärt: „Niemand braucht heute noch eine Armbanduhr, um zu wissen, wie spät es ist. Ob auf dem Handy, dem Computer – Zeit ist allgegenwärtig. Die Uhr ist heute mehr als ein Zeitmesser. Sie verkörpert ein Stück Lebensart. Deswegen trägt man sie.“

Allerdings muss so ein gutes Stück am Handgelenk hochwertig und repräsentativ sein. Deswegen vertrauen Kunden auf Schweizer Traditionsmarken. Wer, wie Rolex, einen eigenen Goldkochofen besitzt, oder Uhrmacher beschäftigt, deren Ausbildung fünf bis zehn Jahre dauert, steigt in der Kundengunst. Ein hochwertiges Image allein reicht nicht. Luxusgüter müssen ihr Qualitätsversprechen halten.

Gucci lässt seine Uhren bereits seit den siebziger Jahren in der Traditionsstadt der Uhrmacherkunst herstellen – im schweizerischen La Chaux-de-Fonds. In den dortigen Werkstätten werden Uhrengehäuse auf Hundertstel Millimeter genau gefräst – mitunter aus Gold- und Platinbarren – und die Angestellten sitzen in gefilterter Luft und hinter Glas um die letzten Kontrollen an den mechanischen Präzisionsuhren vorzunehmen. Die Fertigung unterliegt anderen Gesetzmäßigkeiten als die Mode-Produktion – die Uhren ticken hier sprichwörtlich langsamer. Dass pünktlich zu den großen saisonalen Modenschauen dennoch neue Uhren zu sehen sind, liegt daran, dass auch Uhrenklassiker angepasst werden können – beispielsweise durch passend zu der Farbwelt der Kollektion gefärbte Armbänder. Und Entwürfe wie die Chiodo-Uhr, die die Form des Hufnagels aufgreift, der bei Gucci seit den siebziger Jahren als typisches Zierelement verwendet wird, passen in jede Kollektion und existieren außerhalb der Zeit. In der Frühjahr-Sommerkollektion der Frauen passt sie zu den schmal geschnittenen boy suits in Lego-rot oder –blau genauso gut aus wie zu den weit fallenden Seiden-Anoraks und kurzen, sandfarbenen Overalls zu denen Frida Gianini die Chiodo-Uhr zeigt.

Auch Celine produziert in der Schweiz und arbeitet ähnlich. „Wir präsentieren die Uhren einmal im Jahr,“ berichtet die Kommunikationsdirektorin des Hauses, Josephine Verine, „anlässlich der Messe in Basel. Klassiker stimmen wir durch Farbvariationen auf die aktuellen Kollektionen ab.“ Die Celine-Uhren haben, auch unter modischen Gesichtspunkten, eine lange Lebenszeit. Saisonal neu entwickelte Uhren passen genauso gut zur Mode der letzten Saison – monochromen Kleidern mit strenger Silhouette in grau, schwarz und weiß – wie zu der aktuellen Modekollektion, deren Farbigkeit afrikanisch inspiriert ist und von grellem Zitrusgelb bis zu tiefen Touareg-Blau reicht.

Zeitlosigkeit und der Fokus auf beste Qualität und handwerkliche Verarbeitung stehen in Häusern wie der ehemaligen Ledersattelmanufaktur Hermès und dem Erfinder des stapelbaren Lederkoffers, Louis Vuitton, traditionell im Vordergrund, selbst in der Mode. Neue Uhren wie die Cape Cod 8 Jour aus Roségold, die Cape Cod Grandes Heures mit ihrem Armband aus Krokodilleder und die Clipper Chromo werden im Rahmen der Catwalk-Schauen gezeigt und passen perfekt in den Hermès-Kosmos. Das gilt bei den Herren für die weich und weit-fallende Silhouette der aktuellen Frühjahrskollektion ebenso wie für die kommende Winter-Saison, in der die Anzüge nicht weniger weich fallen, aber in für Hermès ungewohnten Farben wie grellem Gelb, khaki-grün und rot angeboten werden. Auch Philippe Delhotal, der das Uhrendesign für Hermès verantwortet, verweist auf die Farbwelt als Möglichkeit der saisonalen Adaption und fügt hinzu: „Jede Kollektion verwendet Details, die aus dem Hermès-Kosmos stammen – das kann auch die unverwechselbare Typographie der Zifferblättern sein. Wir arbeiten sehr sorgfältig und präzise. Feinheit, Einfachheit und Eleganz bestimmen unser Design. “

Bei Louis Vuitton achtet man neben herausragender Handarbeit auch auf einen anderen Aspekt: „Der exklusive Vertrieb unserer Uhren ist äußerst wichtig,“ so Albert Bensoussan, „denn so schützen wir den Wert der Marke – zum Wohl unserer Kunden.“ Image-Schutz schreibt man auch im Haus Chanel groß. Der Konzern achtet penibel darauf, in welchem Umfeld eigene Uhren wie die J12 Kaliber 3125, die aus schwarzer Keramik und Gelbgold besteht und mit einem mechanischen Uhrwerk betrieben wird, gezeigt werden. Nur die großen Schweizer Traditionsfirmen sind akzeptabel, die Uhren werden nicht im Rahmen der Laufsteg- Schauen vorgeführt.

Der New Yorker Designer Michael Kors zeigt seine Uhrenkollektionen mit allem Stolz als Teil seiner Catwalk-Schauen. „Mir gefällt es, einen Alltagsgegenstand wie die Armbanduhr so aufzuladen, dass sie sich in ein luxuriöses Objekt der Begierde verwandelt.“ Zuletzt zeigte Kors eine von der Ästhetik der 50er Jahre geprägte Kollektion, entsprechend wohltuend altmodisch sahen seine Uhren, wie die Damenuhr 5138, aus, die aus Gold und Schildpatt gefertigt ist. Bei aller technischen Präzision seiner Uhren hat Kors ein klares Ideal vor Augen: „Klassiker, die saisonal unabhängig sind, werden wir immer produzieren. Aber ich versuche mir immer etwas Neues einfallen zu lassen, damit man einen Grund hat, einen ganzen Schrank voller Uhren zu besitzen.“
printmailFacebook Twitter0 Google+
10.01.2009
Süddeutsche Zeitung
Rückkehr des Vintage: Neu? Nee.
Betty und Don Draper sind die bestangezogenen Menschen der Welt. Nur leider existieren die Drapers nicht - sie sind nur die Protagonisten der neuen US-Erfolgsserie "Mad Men". Weil die TV-Serie im New York der späten fünfziger Jahre spielt, tragen die Drapers die Mode der damaligen Zeit - die dank Stylistin Janie Bryant einen stilvolleren Anblick bietet als die meisten aktuellen Trends.
Die Herren verkörpern klassische Männlichkeit in dunklen Maßanzügen und blütenweißen Hemden, die Frauen sind weiblich gekleidet in kleine Blusen, Cardigans, langen, schwingenden Röcken und tief dekolletierten Abendroben.

Alt ist gleich gut

Dank "Mad Men" erfährt Vintage-Mode gerade wieder einen neuen Popularitätsschub. Zuletzt wurde der Begriff "Vintage" (die amerikanische Bezeichung für Gebrauchtmode) inflationär gehandelt: Champagner, Uhren, Autos - war etwas alt, war es Vintage, war es gut.
Die Evolution von der minderwertigen Second-Hand-Mode, die stets zweite Wahl war, zum wohlgelittenen Vintage vollzog sich Anfang des 21. Jahrhunderts. Während in deutschen Second-Hand-Läden noch Kiloware verramscht wurde, schritt Schauspielerin Julia Roberts bei der Oscar-Verleihung 2001 zum ersten Mal in Vintage-Valentino über den roten Teppich.
Einen maßgeblichen Einfluss auf den Trend hatten auch die Star-Stylistinnen Patricia Field, die "Sex and the City" ausstattete, Nicole Richies Immer-mal-wieder-Freundin Rachel Zoe oder Emily Current, die Mandy Moore und Paris Hilton zu stilgemäßen Auftritten verhilft: Sie alle durchkämmen regelmäßig die besten Shops des Landes.
"Vintage eignet sich perfekt, um einen individuellen Auftritt zu inszenieren", erklärt Emily Current. "So schnell wie das Internet Bilder der neuen Kollektionen verbreitet, kann man Stars gar nicht in die entsprechenden Kleider stecken. Für den Überraschungseffekt muss man auf Vintage setzen."
Übrigens das gleiche Rezept, mit dem sich Chloë Sevigny seit Jahren als hippe Vorzeigefrau hält - stilistische Überlegenheit durch den Einsatz von Vintage-Teilen.
Es dauerte nicht lange, bis auch große Textilketten das Marktpotential gebrauchter Mode entdeckten. H&M, Topshop und Oasis aus Großbritannien und das US-amerikanische Urban Outfitters machten Mode aus zweiter Hand zum festen Bestandteil ihres Sortiments. Plötzlich war Vintage omnipräsent - und dem Trend kam seine modische Schlagkraft abhanden. "Nur weil ein Stück alt ist, hat es noch lange keine Klasse", kommentiert Emily Current.
Vintage ist ein globales Phänomen. Die International Herald Tribune nannte Tokio, das es auf über 400 Vintage-Shops bringt, unlängst "Planet Vintage".

Neu? Nee. Nirgends riecht es nach Mottenkugeln

Die relevantesten Läden aber findet man bis heute in den USA. Hier wurde kontinuierlich an der Verfeinerung von Vintage gearbeitet: Bei "What Goes Around Comes Around", "Amarcord" und "Resurrection" in New York, und "Decades" oder "The Way We Wore" in Los Angeles liegen Pucci-Seidenschals in perfekt ausgeleuchteten Vitrinen, Balenciaga-Schuhe, die aussehen wie neu, und Couture-Roben von Yves Saint Laurent.
Nirgends riecht es nach Mottenkugeln oder nassem Hund; übereinandergetürmte Kleiderberge in ausgefransten Pappkartons sucht man vergeblich. Die dazugehörigen günstigen Preise allerdings auch.
Katy Rodriguez, Besitzerin von "Resurrection" , sagt: "Für mich steht Vintage für Unverwechselbarkeit. Es geht darum, ein außerordentliches Stück Mode für sich zu entdecken. Ob es nun ein Unikat oder handwerklich perfekt gemacht ist: Ich bin ziemlich sicher die Einzige, die in diesem Kleid, mit dieser Tasche oder mit diesen Schuhen auf einer Party erscheint."
Katy Rodriguez führt ihren Shop seit nunmehr dreizehn Jahren, mittlerweile gibt es neben der ersten Filiale auf der New Yorker Lower East Side eine weitere in Soho und einen Ableger in Los Angeles.
Alle haben eines gemein: Sie sehen aus wie begehbare Schmuckschatullen. Rote Wände, fliederfarbener Teppich, strahlendes Licht, das auf ein Sortiment aus raren Azzedine-Alaïa-Schuhen, antikem Chanel-Goldschmuck und Wolljacken von Comme des Garçons fällt. In einem Internetblog kann man das aktuelle Angebot einsehen und anfragen. Katy Rodriguez sagt: "Die Leute kennen sich heute viel besser mit Mode aus als vor zehn Jahren. Sie suchen nach etwas anderem als Wegwerf-Mode."
Tatsächlich steht neue Mode im Vergleich zu alter, exklusiver Mode zusehends auf verlorenem Posten. Patti Bordoni, Miteigentümerin des New Yorker "Amarcord", die sich in ihren weiß möbelierten Läden in Soho, im East Village und in Williamsburg auf Herrenmode spezialisiert hat, sagt: "Designermode wird heute in solchen Massen hergestellt oder nachgeahmt, dass sie jeden Reiz und jede Persönlichkeit verliert."

Knauserige Europäer

Und Emily Current weist auf einen weiteren Aspekt hin: "Die Designer orientieren sich an der Mode vergangener Epochen. Nur ist die Original-Mode handwerklich oft viel besser gearbeitet als das, was uns heute als Neuauflage angeboten wird. Deswegen macht es mehr Spaß, das Original zu tragen."
Die europäischen Konsumenten zögern bisher noch, wenn es darum geht, den Preis für eine solche Mode zu zahlen. "Europäische Kunden wägen lange ab, bevor sie viel Geld für ein Vintage-Stück ausgeben", erklärt Katy Rodriguez. "Amerikanern geht es nur um die Qualität und Exklusivität des Produkts, der Preis ist ihnen eigentlich egal."
Mitterweile muss man auch mit einem schmalen Budget nicht auf Vintage-Mode verzichten. Die amerikanische Marke American Apparel hält so große Stücke auf das Geschäftsmodell, dass sie im letzten Jahr in Berlin, Köln, Calgary, Los Angeles und New York eigenständige "American Vintage"- und "California Select"-Läden eröffnete, in denen es neben einer Handvoll Kollektionstücke gut erhaltene Gebrauchtmode zu kaufen gibt.
Und die ist laut American Apparel exklusiv: "Wir setzen auf Designer-Mode, denn die ist oft einmalig. Mit dieser Vintage-Mode kann sich der Kunde von der Masse abheben."
Und auch was die Bezeichnung alter Mode angeht, gibt es ein Revival. Zumindest wenn es nach Katie Grand, der Gründerin des Hipster-Compendiums Pop geht: Sie verkündete unlängst, dass sie statt "Vintage" wieder lieber den Begriff "Second Hand" verwende.

Chloë Sevigny, hier im Film "Boys Don't Cry", trägt gern Gebrauchtmode. (© Foto: Reuters)



Die besten Adressen in Deutschland:

Berlin: California Vintage, Schönhauser Straße19, 10178 Berlin; Designer-Outlet im Quartier 206, Friedrichstraße 71, 10117 Berlin, Tel.: 03020946800

Hamburg: D'or, Eppendorfer Baum 6, 20249 Hamburg, Tel.: 04046881963; Secondella, Hohe Bleichen 5, 20354 Hamburg, Tel.: 04035 29 31

Köln: Vintage-Rags, Hohenzollernring 47, 50672 Köln, Tel. 02212577991

München: Macy, Johannisplatz 20, 81667 München, Tel.: 08948997744; Vintage Love, Frauenstr. 22, 80469 München, Tel.: 08925542207

http://www.sueddeutsche.de/leben/rueckkehr-des-vintage-neu-nee-1.364151
printmailFacebook Twitter0 Google+
31.07.2008
GQ Style
TomThom – Sind Sie ein Tom Ford oder ein Thom Browne-Typ?
Es gibt in der Mode derzeit eine fundamentale Verwerfungslinie, einen St. Andreasgraben der Stilverständnisse: Anpassen oder Auffallen? Entspannt zurücklehnen oder Luft anhalten? Sex oder Provokation? An den amerikanischen Designern Tom Ford und Thom Browne gibt es, wenn es um Herrenmode aus Amerika geht, kein Vorbeikommen. Auf den ersten Blick haben sie Einiges gemeinsam: Beide Designer teilen den Gedanken, dass es die Exklusivität der verwendeten Materialien und ihrer Verarbeitung ist, die ihre Mode ausmacht. Beide favorisieren für ihre Herrenkollektion Maßarbeit und haben ein System entwickelt, das ready to wear-Mode mit Hilfe von Maßarbeit den individuellen Kundenwünschen anpasst. Und beide sind sich einig, dass die einzige Person, nach deren Maßgabe sie kreativ arbeiten, sie selber sind. Trotzdem könnte ihre Mode unterschiedlicher kaum sein.

Für den Sex ist Tom Ford zuständig. Das war schon immer so. Als der gebürtige Texaner bei Gucci war, entstaubte er den Glamour des zerstrittenen Familienunternehmens – und steigerte zwischen 1994 und 2003 die Umsätze von 230 Millionen auf fast drei Milliarden Dollar. Indem er Gucci mit zweierlei assoziierte: Sex mit Lust an der Pornografie und Luxus mit Hang zur Dekadenz. Weil Ford sein eigenes Markenzeichen ist, tragen die Models seiner neuen, eigenen Kollektion den gleichen perfekt getrimmten Dreitagebart wie er. Und auch sie tragen sie Maßanzüge, die aussehen wie eine natürliche Erweiterung ihrer makellosen Körper. Neu ist, dass Ford die Passform dieser Anzüge nicht länger verordnet, sondern variabel macht. Das gilt nicht nur für die Körpergeometrie, sondern auch für Sonderwünsche. Wer eine Blackberry-Tasche im Anzug braucht, bekommt sie. Wer eine Brieftasche unterbringen will, dem wird geholfen. Mit einer maßgeschneiderten Tasche, die hinter dem Innenfutter des Anzugs sitzt.

Die Mode, die Tom Ford macht, ist demokratisch und elitär zugleich. Die Anzüge – vor dem Siegeszug von Jeans und T-Shirt die Uniform der Massen – sind das Herzstück seiner Kollektion. Jedermann kann Anzug tragen und sich fühlen wie Ford, nämlich perfekt zusammengehalten. Aber um Zugang zu der ersten echten Luxusmarke des 21. Jahrhundert zu haben, braucht es ein gewisses Konto. Wer das hat, kann in einem der Tom Ford Läden den ur-amerikanischen all-in-one convenience store in Bestform erfahren. Duft, Kosmetik, Accessoires und Mode, geschmackvoll inszeniert und unter einem Dach vereint.

Convenience, also Bequemlichkeit, ist keine Maßgabe für den Designer Thom Browne. Natürlich erhält man zur Anprobe im Atelier auch ein Glas Wasser. Doch bei der Mode enden die Annehmlichkeiten. Brownes Anzugjacken spannen am Rücken und kneifen unter den Armen. Aber das muss so sein. Denn der kleinste gemeinsame Nenner seiner Kollektionen ist ihre Winzigkeit. So war es schon, als Browne zu Beginn seiner Karriere sein eigener Dressman war, ein Juristensohn aus Pennsylvania, der eigentlich Schauspieler werden wollte. Dann gelang ihm binnen kürzester Zeit eine Erfolgskarriere als Designer. Erst engagierte ihn Ralph Lauren, der Altmeister amerikanischer Mode, dann gewann er unter eigenem Namen den begehrten CFD-Award und schließlich eröffnete er 2005 seinen ersten eigenen Laden auf der Hudson Street. Seither investieren Männer für einen Thom Browne Anzug mehrere tausend Euro.

Sie investieren in den Mann, der es als Einziger in Amerika ist wagt, wenn nicht sogar darauf anlegt, Publikum und Presse bei seinen Schauen zu provozieren und brüskieren. Immer wieder inszeniert Browne Schauen bei denen seine Mode aussieht, als kleide er Jungen, nicht Männer. Seine Präsentationen sind so sehenswert wie irreführend. Denn Thom Browne spielt mit unseren Sehgewohnheiten. Er will, dass nichts an seiner Mode an die Herrenschneider von früher erinnert, außer ihrer makellosen Fertigung. Jeden Ballast, der einen Anzug als spießig oder bieder erscheinen lassen könnte, will er loswerden. Für seine aktuelle Schau verwendet Thom Browne Elemente der Popkultur, lackiert seinen Models die Fingernägel schwarz, malt ihnen Augenränder und lässt sie aussehen wie eine Mischung aus "The Crow" und "Clockwerk Orange". In seiner Mode hält er sich mit Konventionen nicht auf und bearbeitet die männliche Silhouette kompromisslos. Er zeigt Anzugjacken so kurz wie Boleros und one-pieces aus grauem Anzugstoff. Bei genauem Hinsehen aber liefert er unanfechtbare Herrenmode: Eins seiner Button-Down Hemden ist aus weißem, leichten Flanell, der Kragen leicht abgerundet und weich. Eine modernere und gelungenere Überarbeitung eines solchen Klassikers gibt es nicht.

Ob man sich für Tom Ford oder Thom Browne entscheidet – das Vergnügen ist in jedem Fall ein Luxus. Dessen Qualität außer Frage steht. Am Ende fällt man die Entscheidung: Souverän oder Provokateur? Eine angenehmere Selbstgewissheit als die, die man in einem Tom Ford Anzug verspürt, kann es kaum geben. Und Selbstvertrauen macht sexy, das ist ein ehernes Gesetz. In einem Thom Browne hingegen stellt man unter Beweis, dass der Anzug die derzeit radikalste Möglichkeit ist, sich zu kleiden. Spannender ist ganz sicher letzteres.
printmailFacebook Twitter0 Google+
14.06.2008
Süddeutsche Zeitung
Fred Perry – der Fänger im Lorbeer
Vom Tischtennis zum Tennis, vom Tennis in die Modewelt. Eher zufällig gründete Fred Perry die gleichnamige Marke, die heute in der Jugendkultur und der Musikbranche sehr beliebt ist.
Aus heutiger Sicht scheint die Marke zunächst eine unter vielen zu sein. Vielleicht noch eine mit einem etwas höheren Wiedererkennungswert; schließlich fallen einem bei Fred Perry genau zwei Dinge auf: Poloshirt und Lorbeerkranz-Logo. Aber dieser Lorbeerkranz ist lange nicht so bekannt wie die Adidas-Streifen oder der Nike-Swoosh.

Und doch ist die Marke ungewöhnlicher als viele andere; was insbesondere am Geschichtsbewusstsein derer liegt, die das Unternehmen heute führen. Einen ausgeprägten Sinn für Traditionen hatte schon der Gründer der Marke. Frederick John Perry war nicht einfach nur ein Typ, der Polohemden produzierte.
Fred Perry war ein Held der Arbeiterklasse: Der 1909 geborene Sohn eines einfachen Baumwollspinners spielte als Junge gerne Tischtennis. Mit achtzehn erst spezialisierte er sich auf Tennis. Eine gute Entscheidung: Der dunkelhaarige, hochgewachsene Perry gewann das Grand-Slam-Turnier im englischen Wimbledon gleich drei Mal in Folge. Die britische Tenniselite, insbesondere die Mitglieder des All England Tennis Clubs, waren not amused: "Du bist keiner von uns", sagte ihm der Vorsitzende der Lawn Tennis Association höchstpersönlich ins Gesicht.

Sportler, Entertainer und Figur des öffentlichen Lebens

Perry störte sich daran nicht. Er hatte seine eigenen Ziele und sein eigenes Verständnis von der Tenniswelt: "Solange mir niemand vorschreibt, was ich tun oder lassen soll, ist es mir egal. Nur wenn mir jemand etwas verbieten will, finde ich immer einen Weg, es doch zu tun."
Die sportliche Extra-Einlage, die er immer dann auf dem Platz gab, wenn er ein Match gewonnen hatte, war wohl so ein Fall: Statt seinem Gegner sittsam die Hand zu schütteln, vollführte er einen Sprung über das Netz auf die gegnerische Seite. Für Fred Perry war Sport nicht nur ein Wettkampf, sondern Unterhaltung für das Publikum. Ein Freuden-Salto von einem Fußballer wie Miro Klose wird heute beifällig entgegengenommen - damals aber galten solche Kunststückchen als unerhört.
Das Publikum aber liebte Perry und schätzte ihn als Sportler, Entertainer und Figur des öffentlichen Lebens. Als er wegen einer Verletzung aus dem aktiven Sport aussteigen musste, verfolgten die Illustrierten sein Leben weiter: sein Tennisunterricht für Hollywood-Größen wie Errol Flynn und Charlie Chaplin, seine zahlreichen Affären mit Schauspielerinnen.
Eher zufällig entstand dann die Textilmarke Fred Perry. Aus ästhetischen Gründen, wenn man der Legende glauben darf: Nach Ende des Zweiten Weltkriegs erschien die britische Mannschaft zum Wimbledon-Turnier in grünen Armeehemden. Daraufhin ließ Perry weiße Polohemden schneidern und schenkte sie den Spielern. Als Zeichen ihrer Dankbarkeit wollten die ihre Polohemden mit einem Emblem ausstatten, das an ihren Stifter erinnerte. Perry wählte den Lorbeerkranz, den er bei seinem Wimbledonsieg 1943 verliehen bekommen hatte.

Schmaler geschnitten und um Welten besser

Hier beginnt die Erfolgsgeschichte der Marke Fred Perry, die von Anfang an einen entscheidenden optischen Vorteil gegenüber anderen Textilien hatte: das Fred-Perry-Polohemd aus Baumwoll-Piqué war schmaler geschnitten als die anderen Oberhemden dieser Zeit - und sah um Welten besser aus. Außerdem beherrschte der Unternehmer Fred Perry die Regeln des Product-Placement perfekt: Er sorgte dafür, dass beim Wimbledon-Turnier Schweißbänder - eine Innovation in den 1950er Jahren - mit dem Fred-Perry-Logo verteilt wurden.
Die Spieler trugen sie bereitwillig, denn sie waren nützlich und sahen gut aus. Gleichzeitig machten sie die Marke Fred Perry sichtbar. Dass erfolgreiche Wimbledon-Spieler wie Hoad und Rosewell Perry-Hemden trugen, weckte schon damals im Publikum Begehrlichkeiten. Selbst Präsident John F. Kennedy fragte an und bat um Perrys Polohemden.
Die Zeit arbeitete für Perry. 1952 war nicht nur das Jahr, in dem er mit seinen Polohemden in Produktion ging, es war auch der Zeitpunkt, der den Beginn der Popkultur markierte. In London gab es die ersten Mods. Sie favorisierten Reggae-Musik und einen Kleidungsstil nach dem Vorbild Jean-Paul Belmondos, der italienische Lederschuhe und Anzüge mit knöchellangen Hosen zu Sporthemden kombinierte.
Richard Martin, der Marketing-Chef von Fred Perry International, erzählt gern die Geschichte dieser frühen Mods: "Auf der Suche nach dem richtigen Outfit gingen sie zu kleinen Herrenschneidern in den Vororten Londons. Und zeigten dort die Bilder von US- Jazzmusikern vor, die sie aus Magazinen ausgerissen hatten. Weil jeder Herrenausstatter stets eine kleine Auswahl an Sportbekleidung hatte, stießen sie dort auch auf Fred Perrys Poloshirts. Und die waren die perfekte Ergänzung zu einem italienischen Anzug."
Auf der nächsten Seite: Fred Perry bleibt seinem Tennisappeal treu...

Fänger im Lorbeer

Als eine der ersten Marken wurde Fred Perry so zum subkulturellen Gut. Das lag nicht zuletzt daran, dass sich viele Jugendliche mit dem Markengründer identifizieren konnten: Die Mods etwas gehörten genauso zur Arbeiterklasse wie Perry selbst. Es dauerte nicht lange, bis Bands wie The Kings, The Who, The Jam und The Small Faces Fred Perry für sich entdeckten.


Fred Perry: 1933 auf dem Tennisplatz in Wimbledon erfolgreich, zehn Jahre später wechselte er in die Modebranche - und machte den Wimbledon-Lorbeerkranz zu seinem Markenzeichen. (© Foto: Getty)


Es wäre gelogen, zu behaupten, dass für die Marke immer alles glatt gelaufen sei. Als Nike in den siebziger Jahren mit John McEnroe auf den Tennismarkt drängte, spielte das Label Fred Perry im Sport keine überragende Rolle mehr. Aber in der Firma behielt man die Ruhe - auch Jahre später, als Fred Perry in die Schlagzeilen geriet, weil die falschen Kunden mit dem Lorbeerkranz auf der Brust durch die Straßen marschierten. Wenn sich also rechtsgerichtete Skinheads für eine Marke entschieden, gab es nicht viel, was man dagegen tun konnte - außer: es durchzustehen. Also vermied die Londoner Zentrale mediale Aufregung.

"Die Leute kommen von allein zu uns"

Dass Fred Perry heute ein so großes Renommee bei der Jugend hat, ist sicher auch der Musikbranche zu verdanken: So trägt Mike Skinner von den Streets seit je Fred Perry, die Hip-Hopper Jay-Z und Kanye West schätzen die Shirts ebenso wie Brit-Popper Damon Albarn von Blur und die derzeit angesagte New-Rave-Band Klaxons. Wer jetzt meint, dass solch prominente Menschen "freundlicherweise" mit freebies - kostenloser Kleidung - ausgestattet werden, der irrt sich. Richard Martin erklärt: "Das mag arrogant klingen, aber diese Form von Celebrity-Ausstattung haben wir nicht nötig. Die Leute kommen von allein zu uns."
Fred Perry gilt vermutlich besonders deshalb als glaubwürdig, weil man das Erbe und die Tradition der Marke immer beibehalten hat. Das Logo ist bis heute unverändert, und nach wie vor haben Teile der Kollektion besonderen Tennisappeal. Das klassische Poloshirt in Weiß oder Braun gibt es auch heute noch. Es ist sogar noch geschnitten wie früher. Parallel dazu gibt es eine überarbeitete Fassung mit einem etwas kleineren Kragen. Die Kollektion bleibt Saison für Saison urbritisch - mit Cardigans, Club-Pullovern mit V-Ausschnitt, Shorts, Faltenröcken.
Was auch zum Status der Marke beiträgt, ist die unaufgeregte Markenführung. Beispielsweise setzt Fred Perry auf das Prinzip der künstlichen Verknappung. Die Klamotten mit dem leichten Retrolook gibt es längst nicht an jeder Ecke. Neben Flagship-Stores, in denen das gesamte Sortiment zu haben ist, werden nur ausgewählte Trend-Shops in meist ebenso trendigen Metropolen mit den schicksten Teilen der Kollektion beliefert.

Die Designer dürfen machen, was sie wollen

Wenn Richard Martin Sätze sagt wie "Wir haben keinerlei Ambitionen, auf dem globalen Markt Fuß zu fassen" und "Es reicht uns völlig, wenn wir auf dem britischen Markt 14 Prozent Marktanteil haben", bedeutet das nicht Selbstüberschätzung, sondern eine ausgeklügelte Nischenstrategie. Fred Perry konzentriert sich auf England, sozusagen sein Revier, wo die Firma Begehrlichkeiten perfekt kontrollieren kann - so wie es Perry auf dem Tennisplatz getan hat.
Dafür macht die Marke in einem anderen Bereich keine Kompromisse. Sie schafft es seit Jahren, namhafte Designer für Kollaborationen zu gewinnen. Die wichtigste war bislang sicher diejenige mit der japanischen Avantgarde-Designerin Rei Kawakubo und ihrem Label Comme des Garçons, in diesem Herbst folgen weitere Größen der Modewelt, wie die Schwedin Ann-Sofie Back und der Belgier Raf Simons. Die Idee der sogenannten "Blank Canvas"-Kollektionen ist immer die gleiche: Die Designer dürfen machen, was sie wollen. Nur die beiden wichtigsten Charakteristika von Fred Perry - das Logo und die Poloform - müssen in irgendeiner Weise wiedererkennbar sein.
Inzwischen sind derartige Projekte als Marketing-Mittel natürlich weit verbreitet. Allein Nike und Adidas präsentieren im Jahr mehrere Turnschuh-Kollektionen in limitierter Auflage, die in Zusammenarbeit mit glaubwürdigen Künstlern entstanden sind. Nicolas Schindler, Strategischer Berater der Berliner Werbeagentur Scholz&Friends, sagt dazu: "So eine Form von kulturellem Engagement, bei dem sich die Marke im Hintergrund hält, ist heute nichts Neues mehr, aber trotzdem wirksam. Am richtigen Ort präsentiert, erreicht man so immer noch die richtigen Leute."
Den richtigen Ort für die richtigen Leute wählt Fred Perry aktuell wieder ganz im Sinn der Firmengeschichte. In einkommensschwachen Gegenden in London sorgt das Modelabel dafür, dass Kinder und Jugendliche dem damaligen Hobby des Firmengründers nachgehen können: Tischtennis. Das Unternehmen richtet kleine Turniere aus, stellt Tischtennisplatten auf, verteilt Schläger und Bälle an alle, die spielen wollen. Für den Herbst sind diese Veranstaltungen auch in Berlin-Mitte geplant. Dann werden die Spiele auf Tischtennisplatten gespielt, die Raf Simons gestaltet hat.

http://www.sueddeutsche.de/leben/streetwearlabel-fred-perry-faenger-im-lorbeer-1.194677
printmailFacebook Twitter0 Google+
31.01.2008
Süddeutsche Zeitung
Hot Couture – das amerikanische Label Rodarte
Laura und Kate erkannten ihre Berufung am Küchentisch ihrer Eltern. Genau erinnern sie sich nicht daran, aber es war wohl ein Tag wie jeder andere. Vielleicht saßen sie auf der Eckbank aus rotem Holz und blätterten durch die Bücher, die sie aus der Huntington-Bücherei geliehen hatten. Vielleicht blickten sie aus dem Fenster hinaus in die Landschaft Kaliforniens. Jedenfalls entschieden sich die zwei amerikanischen Schwestern an jenem Tag dazu, ein Modelabel zu gründen, und nannten es Rodarte, nach dem Mädchennamen ihrer Mutter.

Eine ungewöhnliche Aktion für zwei Mädchen, die zum damaligen Zeitpunkt eher wenig praktische Erfahrung mit Stoffen und Schnittmustern gehabt hatten: Laura und Kate hatten an der Universität von Berkeley in Kalifornien studiert, die eine englische Literatur, die andere Kunstgeschichte. Mode hatte sie zwar immer schon interessiert, doch der Gedanke, sie zu studieren, war ihnen niemals in den Sinn gekommen, auch nicht an diesem einen Tag am Küchentisch. Kate und Laura wollten sie gleich zum Beruf machen - dabei waren sie schlicht ahnungslos.

Hollywood liebt Rodarte

Heute, kaum drei Jahre später, tragen Schauspielerinnen wie Cate Blanchett und Kirsten Dunst anlässlich großer Preisverleihungen die Kleider der Schwestern. Dr. Valerie Steele, Modekritikerin und Herausgeberin der Zeitschrift Fashion Theory, erstand drei ihrer Entwürfe für das Fashion Institute of Technology (FIT) in New York. Und Anna Wintour, die gefürchtete Chefredakteurin der amerikanischen Vogue, zeigte Rodartes Kreationen bereits auf dem Cover ihres Magazins.
Kein Wunder, dass die einheimische Branche vom Nachwuchs so begeistert ist - denn USA und Haute Couture, das war lange Zeit ein Widerspruch. Im Mutterland der leisure wear, der Freizeitkleidung, gab es seit einer Ewigkeit (genauer seit den High Times des Couturiers Charles James in den dreißiger bis fünfziger Jahren) keine gehobene Schneiderei im ursprünglichen Sinne mehr. Amerikanische Mode zeichnet sich eher aus durch eine unverkünstelte, zeitlose Eleganz, die den Massengeschmack trifft - tragbare "Allday-Fashion" von Calvin Klein über Donna Karan bis hin zu Vera Wang.
Die Schwestern Kate und Laura Mulleavy machen zwar auch Prêt-à-Porter-Mode, aber ihre Entwürfe sind nicht für jeden Tag und schon gar nicht für jedermann. Rodarte-Kleider sind Kunstwerke, die handwerklich durchaus an Haute Couture erinnern: Die Schnitte sind ungewöhnlich, die Verarbeitung aufwendig und die Materialien so hauchzart, dass man in manche der Chiffongebilde nur mit Ankleidehilfe hineinkommt. Und sie sind derart mit Details gespickt - Drapierungen, aufgestickten Perlen und Applikationen -, dass sie plastisch wirken wie eine Skulptur, die auf den Körper der Kundin nur bedingt angewiesen ist. Nur, woher stammt diese Vorstellungskraft der Designerinnen und woher ihr handwerkliches Talent?

Die Geschichte von Rodarte wäre weniger spektakulär, wenn die Mulleavy-Schwestern aus reichem Elternhaus stammen würden oder von Anfang an wohlmeinende und finanzstarke Förderer gehabt hätten, auf deren Kosten sie sich Schnittmacher und Näherinnen hätten leisten können. Aber Kates und Lauras Familie verfügt weder über viel Geld noch über wichtige Kontakte zur Modewelt, von denen die Töchter hätten profitieren können: Der Vater arbeitet als Botaniker, er hat sich auf Pilze spezialisiert, ihre Mutter fertigt Teppiche im Stil der Navajo-Indianer. Zudem sind die Mulleavy-Mädchen in Aptos aufgewachsen, einer winzigen Stadt nahe der Universität von Santa Cruz, in der Gegend von Muir Woods und Pebble Beach, wo es fast verpönt war, Geld zu verdienen. Der Vater sagte einmal zu den Mädchen: "Studiert das, was euch gefällt. Richtet euch nicht nach einer vermeintlichen Karriere, und erhaltet eure Neugierde."
Die Neugierde, etwas völlig anderes zu machen, muss damals größer gewesen sein als die Angst zu versagen. Das Studium werfen die beiden kurzerhand hin und ziehen zurück zu ihren Eltern, in das Haus in Pasadena. Das erste Startkapital für Stoffe und Nähutensilien erwirtschaften sie durch den Verkauf ihrer Plattensammlung. Fortan dient ihr gemeinsames Schlafzimmer auch als Atelier, dort skizzieren und nähen Kate und Laura Tag und Nacht ihre ersten Entwürfe.
Einige Monate und zehn Kleider später recherchieren sie die Namen ihrer liebsten Moderedakteure und der besten Presseagenturen. Statt nach Kontakten zu suchen, die ihnen als Türöffner nützen könnten, wählen Kate und Laura einen Weg, der direkter und naiver nicht sein könnte: Sie basteln Papierpuppen, die Miniaturmodelle ihrer Kleider tragen, und fertigen Skizzenbücher, die ihre bisherige Arbeit dokumentieren. Bücher und Puppen schicken sie an die Handvoll ausgewählter New Yorker Adressen.
Im Frühjahr 2005 dann packen die Mittzwanzigerinnen ihre zehnteilige Kollektion in einen Koffer und reisen nach New York. Dort angekommen, hoffen sie, dass sich überhaupt einer bei ihnen meldet. Aber weil Amerika amerikanische Märchen braucht und liebt, werden sie angerufen. Es vergehen nur wenige Tage, bis ihre Entwürfe auf dem renommierten Branchenblatt Women's Wear Daily zu sehen sind; und auch die Nobel-Kaufhäuser New Yorks, Barneys und Bergdorf Goodman, empfangen die Schwestern und bestellen ihre Roben.
Zugegeben, diese Geschichte klingt wie ein phantasievoller PR-Gag. Zwei Aschenputtel, denen die eitle New Yorker Modeszene wegen ein paar Papier-Anziehpuppen den Hof macht? Und das in dem Land, in dem Mode an der Marktfähigkeit gemessen wird und erst dann an ihrer kreativen Vision? Sicher ist, die Geschichte wäre so nicht geschrieben worden, wären die Entwürfe keine Sensation - gemessen an der Tatsache, dass Kate und Laura sich das Schneidern innerhalb kürzester Zeit selber beigebracht haben.

Laura und Kate Mulleavy setzen Eindrücke in ihren Modellen direkt visuell um (© Foto: www.rodarte.net)

Ohne Ausbildung ganz nach oben

Die Schwestern sind ein Phänomen. Sie stellen die Gesetzmäßigkeiten der Branche auf den Kopf, in jeder Hinsicht: Während junge europäische Designer mit einer starken, aber wenig tragbaren Idee ihre Karriere beginnen - und in den folgenden Kollektionen zahmer werden, werden Rodarte immer wagemutiger. In ihrer ersten Kollektion für Frühling/Sommer 2006 zeigten sie ausschließlich Kleider, deren Radikalität in einer ungewöhnlichen Verarbeitung und exquisiten Materialien bestand, aber allesamt tragbar waren. Damit ist seit der Herbst-Winter-Kollektion des letzten Jahres Schluss: Die Schwestern präsentierten Kleider und Röcke, die so ausladend waren wie Lampenschirme, gefertigt aus laminierten Stoffen, Kunstleder und Bianchini-Brokat aus den zwanziger Jahren.
In einem solchen Kleid sieht eine Extra-Small-Kundin zwar aus, als wäre sie Extra-Large - aber in ihrer Kunstfertigkeit sind die Kollektionen von Rodarte über jeden Zweifel erhaben. Um Tragbarkeit oder Gefälligkeit kümmern sich die Designer-Geschwister ohnehin nicht. Laura formuliert es so: "Kommerziell erfolgreich zu sein, hat für uns wenig Bedeutung. Wir interessieren uns dafür, unsere Technik zu verbessern und uns weiter zu entwickeln. Unsere Mode ist keine Funktionskleidung, sie ist nicht für jedermann." Und Kate fügt hinzu: "Die Reaktionen auf unsere Arbeit sind immer extrem. Das ist gut so. Es gibt keine schlimmere Beleidigung, als dass jemand zu unseren Kleidern sagt: 'Das ist aber nett!'"

Roben für den Lebensunterhalt

Jede ihrer Kollektionen beginnt mit einem Kleid. Das, so betonen die Modemacherinnen, sei kein Konzept, sondern ergebe sich einfach so. Feststeht, es sind die Kleider, die Kates und Lauras kommerzielles Auskommen sichern. Natürlich nicht die, die eben aussehen wie unförmige Lampenschirme, sondern jene, die am Ende einer Modenschau über den Laufsteg schweben: große Roben, die vierstellige Summen kosten und wie gemacht sind für den Auftritt von Schauspielerinnen auf dem Roten Teppich.
Ob magische Anziehung oder ausgeklügelte PR-Strategie - die Damen, die Rodarte in der Öffentlichkeit tragen, verkörpern stets das Traumbild, das man vom Typus Frau hat. Die prominenten Rodarte-Repräsentantinnen sind allesamt Wesen, zart, ätherisch und so entrückt, als seien sie nicht ganz von dieser Welt, wie Gwyneth Paltrow, Nicole Kidman und Keira Knightley. Die märchenhaften, romantischen Kleider von Rodarte machen diese Inszenierung perfekt, ja sie lassen die Damen noch fragiler und überirdischer wirken, als sie ohnehin schon sind. Schönere Werbeträger für ihre Kreationen könnten sich die Mulleavy-Schwestern nicht wünschen.

Gute Köche haben keinen Hunger

Kate oder Laura wird man nie in einem ihrer Kleider sehen. Wenn sie am Ende ihrer Modenschauen den Laufsteg betreten, sehen sie so gar nicht aus wie eine Frau in Rodarte: Immer tragen sie Turnschuhe, Blue Jeans und ein dunkelblaues Oberteil. Beide sind übergewichtig, beiden fließt das volle, braune, glatte Haar über die Schultern. Wenn sie den Beifall des Publikums entgegennehmen, sind ihre Gesten verlegen, in ihren Auftritten auf dem Laufsteg liegt immer etwas Unbeholfenheit. Sie wirken wie große, glückliche, aber schüchterne Kinder.
Möglicherweise ist es genau diese Kindlichkeit, die ihre Arbeit prägt und so außergewöhnlich macht. Die Mode, die Kate und Laura Mulleavy schaffen, ist spielerisch, sie ist naiv, ohne diese Naivität bewusst als Stilmittel zu nutzen. "Mode zu schaffen ist für uns ein sehr persönlicher Prozess", sagt Kate Mulleavy, "wir verarbeiten Erlebnisse und Eindrücke aus unserem Leben."
Und das sieht man. Ihre Kleider sind wie ein dreidimensionales Skizzen- und Tagebuch, das man anziehen kann. In der aktuellen Kollektion taumeln auf einem Kleid eine Vielzahl von Blüten, die aussehen, als hätte man sie mit der Heißklebepistole fixiert. Laura und Kate erzählen, dass es die Kirschblüten sind, die ihnen während ihrer ersten Japanreise überall aufgefallen sind.

Arbeiten nahe an der Inspiration

Ebenso direkt visuell übersetzt haben sie ihren Eindruck des Fudschijamas vor blauem Himmel - der Verlauf der Farben findet sich in den grobmaschigen Strickteilen der aktuellen Kollektion wieder. In der visuellen Gestaltung ihrer Mode arbeiten die Schwestern mitunter so naiv und unverklausuliert wie ein Student im Proseminar Plastisches Gestalten oder Freie Malerei. Das gepaart mit ihrer handwerklichen Begabung führt zu einer Mode, die aussieht, als habe der Maler Cy Twombly die Muster dafür geliefert.
Weil ihr Ausnahmetalent inzwischen auch in Europa aufgefallen ist, gibt es bereits Spekulationen darüber, welches gestandene Couture- oder Modehaus die Schwestern als Chefdesignerinnen verpflichten wollen könnte. Doch noch sitzen die beiden nicht wieder auf gepackten Koffern: "Unsere Entwicklung ist anders verlaufen als bei anderen Designern. Los Angeles ist angenehm weit von der Modewelt entfernt, wir haben erst spät gemerkt, wie sehr wir uns von anderen Designern unterscheiden. Jetzt haben wir hier ein Netzwerk von Leuten, das uns unterstützt. Das gibt uns Kraft, uns so weiterzuentwickeln, wie wir das bisher auch getan haben."
Ihre Mode entwerfen und schneidern sie jetzt in ihrem ersten winzigen Atelier in Downtown, Los Angeles. Mit ein paar Angestellten, einer Filiale des Büromaterialherstellers Staples nebenan und dahinter dem freien Blick auf die kalifornischen Berge. Das Schlafzimmer in Pasadena teilen sie sich noch immer.

http://www.sueddeutsche.de/leben/mode-aus-kalifornien-hot-couture-1.267996
printmailFacebook Twitter0 Google+
31.03.2007
Süddeutsche Zeitung
Mein Kleid denkt mit
Wer etwas schneller ist als die Jahreszeiten und in diesen Tagen seine Garderobe für den Sommer organisiert, dem konnte nicht verborgen bleiben, dass der gemeinsame Nenner vieler Prêt-à-porter-Schauen 2007 ungewöhnlich ist: Vorsprung durch Technik.

Auf den ersten Blick scheinen die beiden unvereinbar - die von der Ratio geprägte Technik und die vordringlich auf Unterstützung oder Ausdruck von Empfindungen bezogene Mode. Doch ohne technischen Fortschritt wäre Mode heute deutlich eingeschränkter in ihren textilen Möglichkeiten, beispielsweise so kratzig und unflexibel wie vor der Erfindung von Lycra, Spandex und Co.
Der zypriotische Designer Hussein Chalayan formulierte es gegenüber der Herald Tribune so entschieden wie kaum ein anderer: "Die einzig wirklichen Neuerungen in der Mode kommen via Technologie."
In seiner aktuellen Prêt-à-porter-Schau für Damen setzt er das konsequent um. Das erste Modell, das den Laufsteg betritt, trägt ein typisch viktorianisches Kleid: hochgeschlossen, bodenlang, aufwendig verziert, cremeweiß. Das Modell steht still, doch: das Kleid bewegt sich! Wie von Geisterhand öffnet sich die Korsage und verschwindet, die Schöße raffen sich ins Nirgendwo, die Säume heben sich, und am Ende der fulminanten Rekonfiguration steht ein knielanges, kristallbesetztes Flapper-Kleidchen im Stil der 1920er.

Chalayan dekliniert sich durch die Moden des 20. Jahrhunderts und vollführt die magische Morphologie an weiteren Outfits, die sich in Sekunden vom Look der einen Dekade in den der nächsten verwandeln. Die Transformationen sind mit einem Soundtrack aus Maschinengeräuschen, Fragmenten aus Hitler-Reden und sich drehenden Rotorblättern unterlegt. Chalayans Schau ist ein Kommentar auf die Mode zur Zeit, die sich hauptsächlich darin ergeht, vergangene Epochen zu überarbeiten und neu aufzulegen.
Und er beweist seine These, nach der die Technik der Motor textilen Fortschritts und Möglichkeit der Mode sein kann. Ihm gelang damit ein innovatives und provokantes Event, eine Sensation in einer Zeit, in der vor allem gewinnorientierte Mode den Laufsteg füllt.
Selbst diesen Aspekt beherrscht Chalayan. Die sich wandelnden Kostüme hat er mit Hilfe eines Teams aus Technikern entworfen und konstruiert, das bereits den Hippogryphen in der Verfilmung von J. K. Rowlings "Harry Potter und der Gefangene von Askaban" entwickelte. Sie haben trotzdem den Charakter tragbarer Couture, nicht den eines Maschinenparks.
Andere Designer würdigen die Segnungen der Technik auf konventionellerem Weg. Die New Yorker Designerin Donna Karan zeigt Entwürfe, die in Stoff, Schnitt und Details an Funktionsbekleidung erinnern: Vom wasserabweisenden Parka, über das mit Schnüren justierbare Parka-Kleid bis zum Zweiteiler mit robusten Reißverschlüssen reicht ihre Interpretation.
Ähnlich sieht es im Hause Calvin Klein aus, wo Francisco Costa die Damen-Kollektion verantwortet. Seine Blousons muten an, als könnten sie in jeder Klimazone ohne Probleme bestehen, auch er schickt seine Modelle in schwarz glänzenden Parkas den Laufsteg hinunter. Die hautengen Spandex-Entwürfe des Schotten Christopher Kane werden mit einem Gürtel gefasst, dessen Schließe man in ähnlicher Ausführung am Taucheranzug oder der Fallschirmspringer-Ausrüstung findet. Neonfarben dominieren seine Kollektion und erinnern an die Buntheit von Windsurf-Anzügen.
Die Mode-Kritiker einigten sich auf "Sportlichkeit" als Trend für die kommende Saison und begrüßen in der Damenmode die Ablenkung vom Mädchen-Chic, der sich seit ermüdend langer Zeit in Baby-Doll-Kleidern und Mikro-Minis äußert. Spannender als die Klärung der Frage, wie sich nützliche Neopren-Westen am schönsten ins Sommer-Outfit fügen, sind allerdings die Perspektiven, die der tatsächliche Fortschritt durch Technik bietet.

Die vielversprechend als "smart textiles" benannten Textilien, die bei Hussein Chalayan Aufsehen erregen, sind keine Zukunftsmusik, sie existieren schon heute, und Beispiele kennt jeder: Zu Beginn der 1990er waren T-Shirts populär, die ihre Farbe je nach Temperatur änderten, oder ihr Muster erst bei Sonneneinstrahlung preisgaben. Auch heute erhält man diese Design-Klassiker noch bei der US-Firma Nifty Cool Gifts.
Die auf Snowboarder-Ausrüstung spezialisierte Firma "Burton" bietet an einigen ihrer gewaltigen Daunenjacken ein sogenanntes "Audex"-System. In der Kapuze der Audex-Montur sorgen integrierte Lautsprecher für jegliche Beschallung und Kommunikation, auf den Außenseiten der Taschen befindet sich eine witterungssichere Kontrolleinheit, mit der sich iPod und Mobiltelefon steuern lassen, ohne dass man sie erst aus den Taschen fischen muss. Möglich macht diesen textiltechnischen Fortschritt die Bluetooth-Technologie.
Errungenschaften wie bügelfreie Textilien gehören längst zum Alltagsgut. Mitunter wirkt die Verknüpfung von Technik und Textil aber wie eine Fallstudie von Toyota, nach dem Motto "Entdecke die Möglichkeiten". So entwickelte man bei der Firma Nike im Jahr 2006 den Laufschuh "Air Zoom Moire". Der Schuh, der in Verbindung mit einem iPod getragen wird, übermittelt mit Hilfe eines Chips während des Trainings Daten über die erbrachte Leistung. Diese lassen sich später über einen Computer abfragen und zu einem Performance-Profil zusammenführen. Diese Fusion von Walkman und Pulsmesser lässt sich zwar - verpackt in einem modischen Schuh - gut bewerben, wirkt aber wenig revolutionär.
Dabei bietet die Idee, Körperfunktionen über den Weg der smart textiles zu speichern und für Dritte abrufbar zu machen, weitreichende Möglichkeiten. Erste Versuche unternahm das japanische und US-Militär, um die Lebenszeichen seiner Truppen auch aus sicherer Entfernung überprüfen zu können. Das sogenannte "Life-Shirt" überwacht die Herzfrequenz der Soldaten im Einsatz. Doch kluge Textilien leisten mehr als nur die Aufzeichnung und Kommunikation einer Herzfrequenz. Sie nehmen thermische, mechanische, magnetische Stimuli der Umwelt wahr und reagieren auf sie.
Auch zur Betreuung einer immer älter werdenden Bevölkerung bietet sich die Nutzung dieser technologischen Möglichkeiten an. Dehydrierung beispielsweise, eine der häufigsten Krankheitsursachen bei älteren Menschen, könnte durch das Tragen eines speziellen "Life-Shirts" vermieden werden. Das Shirt misst den pH-Wert der Haut und sendet im Fall einer Dehydrierung einen Impuls, den Wasserhaushalt auszugleichen. Haben derartige smart textiles das Potential, die Altenpflege weniger personalintensiv zu machen, oder könnten sie die Zeit verlängern, die ein alter Mensch zu Hause und nicht in einem Pflegeheim verbringt?

Kluge Textilien bieten Chancen, sind aber auch nicht ohne Risiken: Wie würdig ist es, wenn die Oberbekleidung den normalen Verlauf der eigenen Körperfunktionen kontrolliert?
Auch stellt sich hier die Frage des Datenschutzes. Entscheidend für die Durchsetzung am Massenmarkt ist ohnehin in erster Linie die emotionale Akzeptanz der Produkte. Sie müssen nicht nur Sinn machen, sie müssen auch sinnlich sein. Doch auch hier entwickeln sich erstaunliche Dinge: Auf der Internationalen Funkausstellung 2006 führte Philips seine "Lumalive"-Technologie vor. Anders als aufwendig beworbene, wandmontierte Flachbild-Fernseher namens "Ambilight", die nichts weiter können, als in verschiedenen Lichtfarben indirektes Licht hinter dem Bildschirm zu verbreiten, ist Lumalive ein kluges Textil mit viel größerem Potential.
Lumalive, so verrät schon sein Name, arbeitet mit Licht. Was auf den ersten Blick aussieht wie ein gewöhnliches, etwas grobschlächtiges T-Shirt, erwacht per Fernbedienung zum Leben: Ganzflächig werden die T-Shirts zu Leuchtflächen, die beliebig bespielt werden können: mit Bildern und Texten in allen Farben des Regenbogens. Der Inhalt wird über Software von Philips bereitgestellt und kann per USB-Verbindung vom Computer auf das LED-Display geladen werden. Jede "Lumalive"-Anwendung kommt noch dazu mit einer eigenen remote control zur Fernsteuerung, damit man selbst oder eine Person des Vertrauens die Abläufe steuern kann.

Dr. Martijn Krans, Technologie-Manager der Phototonics Textiles, einer Forschungsgruppe innerhalb des Philips- Konzerns, will die Entwicklung auf den Einsatz der "Lumalives" als Werbemittel konzentrieren, als mobile Plakatwand und variables Werkzeug für alle Arten von Events. So weit, so sinnvoll.
Designer Hussein Chalayan hat die neue Technologie längst in seine Herbst/Winter- Kollektion 2007 integriert und präsentierte unter anderem unwirklich selbstleuchtende weiße Kleider. Seine gesamte Schau kann man im Internet Revue passieren lassen.
"Lumalive" lässt sich übrigens auch per Mobiltelefon und SMS-Handy steuern. Wer jetzt nur kurz innehält und darüber nachdenkt, welche Möglichkeiten das einer Kultur eröffnet, die kommunikationsgierig ist und ihre Mobiltelefone hegt wie fleischgewordene Extensionen, der ahnt, welches Potential in "Lumalive" steckt. In einem nächsten Entwicklungsschritt, den Philips mit dem deutschen Textil-Institut TITV Greiz vollziehen will, werden die LEDs, die Lumalive leuchten lassen, direkt auf die Fasern aufgebracht. Dann wird es mit der Grobschlächtigkeit des Textils vorbei sein, und es wird sich so weich anfühlen wie gewöhnliche Baumwolle. Dann gilt es nur noch, die Leucht-T-Shirts auch tauglich für die Waschmaschine zu machen.

Bis das so weit ist, kann sich jeder Kommunikationsjunkie mit einer DVD-Ausgabe des Films "Tron" aus dem Jahr 1982 trösten. Und einer anderen Entwicklung: dem "Hug Shirt", das im vergangenen Jahr vom Time Magazine zu einer der besten Erfindung des Jahres gekürt wurde.
Francesca Rosella, Gründerin der britischen Firma "CuteCircuit", ist die Erfinderin des Hug Shirts, das hält, was es verspricht: Es verteilt Umarmungen. Und zwar nicht irgendwie, irgendwo, sondern so präzise und artikuliert, wie es sich jeder, der an einer Fernbeziehung leidet, nur wünschen kann.
Hier die Voraussetzungen: Die Romeos und Julias müssen ein Hug Shirt tragen. Sobald sich der Wunsch nach dem Austausch von Zärtlichkeiten regt, umarmen sie sich einfach selber. Elektronische Sensoren messen Körpertemperatur, Blutdruck, Herzschlag und Intensität der Umarmung und übertragen die aufgenommenen Daten per Mobiltelefon an den gewünschten Empfänger. Herrlich! Vor allen Dingen, weil das Hug Shirt noch dazu in diesem Jahr zum Preis eines iPods auf den Markt kommen soll.
Es bleibt also noch ein wenig Zeit, um sich zu überlegen, wie genau und wie sehr man sich auf die schöne neue Welt freut, in der sich das schmale Leibchen beim ersten Frösteln zur Wärmedecke mausert und man sein T-Shirt unversehens mit Nummern von Erotik-Hotlines zugespamt findet. Oder man trifft sich, ohne es zu wissen, plötzlich in einer leidenschaftlichen Umarmung mit dem Vater der Geliebten des Freundes. Seit Barbies Wendekleid hat sich einiges getan.


Wenn man sich an diesem schicken Ensemble von Hussein Chalayan beim Tragen sattgesehen hat, hilft ein kurzer Anruf bei der Technik, und das Kleid verschwindet flugs im aufgespannten Hut. (© Foto: AP)



http://www.sueddeutsche.de/leben/kluge-mode-mein-kleid-denkt-mit-1.240873
printmailFacebook Twitter0 Google+